Von Joachim Beck

Wir handeln hier von der Musik, und es seian Franz Schreker erinnert, den Schöpfer der „Gezeichneten“ und des „Schatzgräbers“. Ausgestoßen war er, vergessen scheint er. Hier rasch seine Lebensgeschichte!

Franz Schreker ist 1878 als Sohn österreichischer Eltern in Monako geboren. Der Knabe wächst, bald vaterlos und bettelarm geworden, in – Wien heran und „lernt“ dort Musik. Allmählich wird er so etwas wie eine Vorstadtgröße. Einer geräumigeren Öffentlichkeit sodann bekannt durch seine Pantomimenmusik zu Wildes „Geburtstag der Infantin“, geschrieben1908. Vier Jahre später ein sprunghaftes Vorrücken: Professor an der Wiener Hofakademie; fast gleichzeitig die Uraufführung seines „Fernen Klanges“ in Frankfurt am Main, Hatte der Vierunddreißigjährige damit Ansehen und einen Namen weithinaus gewonnen, so erzielt er den vollendeten Durchbruch mit seinen „Gezeichneten“ im letzten Kriegsfrühjahr 1918.

Berlin holte – den Österreicher Schreker aus fast einsiedlerischer Enge auf den beglänzten Posten des Direktors der Musikhochschule. Schrekers. Bühnenwerke liefen über alle Theater unseres Landes, und überflügelten sogar Richard Strauß. Aber irgendwie bekam das dem Künstlermenschen schlecht. Er verbürgerte, wurde satt, ein Arrive. Kein Wunder übrigens War doch Schreker-Franz in jeneJahre gekommen, wo sich der Spiritus beim Schaffenden gemeinhin verflüchtigt. So erschienen die Werke nach dem „Schatzgräber“. 1920, weniger von Schreker als von Schrekerianern zu Sein; äußerlich überhitzt, innerlich ziemlich leergebrannt.

Mit dem Heraufkommen des Dritten Reiches wurde ein Kesseltreiben „gegen ihn entfesselt; mangelnde Dienstauffassung warf man ihm vor. Zudem entdeckte irgendwer, daß Franz Schreker, der österreichisch Christlichkatholische, der im Deutschtum tief Beheimatete,’ vom Vater her nichtarischer Abstammung sei. Also trat er als Direktor ab. Seine Opernwurden auf dem Spielplan nicht mehr geduldet. Da vergrub sich der Meister in sein Häuschen bei Berlin; litt, erkrankte bald sehr schwer und starb, im März 1934. –

Das Kreuz, das er zu Leb- und Nazizeiten auf sich genommen, sollte ihm heute zur Märtyrerkrone und zum Gewinn, werden – aber dem ist nicht so! Unsere Zeit verharrt in einer Abkehrstellung gegen Franz Schreker. Zwar bemerken Wir allenthalben einen fast grimmigen Musikhunger; aber dieser Hunger entspricht in unserer wüsten erstenNachkriegsperiode, noch keinesfalls der Kunstverzehr. In dem Trümmerhaufen Deutschland stehen nur wenige Operntheater unversehrt. Hinzukommt, daß Schrekers im letzten Jahrzehnt stark abschüssige Schöpferkraft uns den Blick auf die Geniewerke der mittleren Periode verschleiert hat. Indessen dürfen Zeitponderabilien dieser Art dem wahren Kritiker nicht die bleibenden Werke entrücken! Die muß er aufspüren, voll empfinden.

Was macht zunächst den Wert seiner Operndichtungen aus? Nicht allein deren Ballung und Geladenheit, sondern, vor allem, ihre Bezogenheit auf die Musik, ihre Affektstärke. Hier zeigt es sich, daß Franz Schreker mit gutem Grund sein eigener Textlieferant gewesen ist. Wort und Ton drängten aus der gleichen Urquelle zum gleichen Endziele hin: der Versinnlichung des Klangphänomens. Dieses Klangphänomen wird bei ihm auf berauschende Weise Gestalt. Indessen verfangen alle Klangzaubereien nicht auf die Dauer. Was bleibt, ist die reine Empfindung, Gehalt, Schönheit der Melodie, ihre Gefühlsdurchtränktheit. Man; nehme nur einmal den Klavierauszug des „Schatzgräbers“ vor! Siehe da: sein Melisme hält stand, erweist sich alsstark und vollgewichtig. Die Einfälle strömen... so reich wie nur bei Großen im Reiche der Musik. Gewiß Franz Schreker war eine beendende. schlafmüde Erscheinung: Seine irren, das Weite suchenden Melodien, seine abfallenden Septimen, seine seltsam gefährlichen Baßschritte und gespenstisch überlagerten Quinten, sein gebrochenes Dur-Moll, das schwankende Tonalitätsgeliebter, seine fluktuirende Harmonik, seine glitzernde Orchestration, der zerfaserte, verfließende Klang sind ein Abbild seines Seelenzustandes. Sehr eindrücklich wird das in Schrekers am stärksten inspirierter Oper, den „Gezeichneten“: der Doppeltragödie des Weibes, welches seiner Geschlechtsbestimmung anheimfällt, und der eines Narren in Apoll, der der Welt Schönheit schenkt, selbst aber ein Ausgeschlossener bleibt. Daß man den Künstler jedoch nicht auf Morbidezza, auf Klangauflösung und Zerfaserung festlegen kann, bewies er vier Jahre danach mit dem „Schatzgräber“. Was vordem vielleicht noch fiebrig und krampfhaft an ihm schien, löste sich in diesem urgesund altdeutschen Märchen, gleichwohlerfüllt von neuzeitlicher Pikanterie. fruchtreif und leuchtend von ihm ab.

Nach dem „Schatzgräber“ sank dann freilich, wie gesagt, seine Leistungskurve ziemlich jach ab. So oft wir so einen Künstlerabstieg, mitansehen, beklagen wir das nicht bedenkend, daß er eigentlich keine Ausnahme, sondern im Gegenteil die Regel darstellt. Schrekers Niedergang aber hat es nun einmal mit veranlaßt, daß wir uns, von seinem Werke wegkehren. Aber der Hauptgrund dafür liegt wo anders... Der große. Bach war annähernd ein Jahrhundert vergessen und von der öffentlichen Musikpflege verschwunden. Nach dem Gesetz des Pendels, des Kontrastes, der Polarität. Und wie die große Zeituhr unserem Bach seine Stunden ankündigte, wie sie ihn zur Ruhe wies und ihn wieder aufweckte, so tut sie das jedwedem gegenaber und tut dies auch im Falle Schreker, ganz sicherlich. Der Pendel der vor fünfzehn, zwanzig ihren von ihm wegschwang, wird eines, vielleicht schon nahen Tages, zu ihn zurückschlagen. – Es scheint ja, als ob wir Heutigen uns überhaupt an der großen schillernden Orchesterkunst den Magen überladen haben. Doch einmal werden wir das (Wunder so bunter Töne wieder empfinden. Und dann werden wir bemerken, daß der große Österreicher seine starken und wilden, seine glühenden und changierenden Farben nicht auf taube, sondern auf volle Eier getuscht hat – will sagen: auf nährreiche, krafthaltige Melodien.