Von Jan. Molitor

Er war nicht so wie wir. Im Beichtstuhl schnurrte er seine Sünden nicht kindlich flink herunter und machte auch keine Faxen in der Kirche, sondern guckte ängstlich nach den Teufelsfratzen des alten Chorgestühls. Auch hätte er niemals am Stoßzahn des Schweins vom heiligen Antonius neben dem Taufbecken seine Mütze aufgehängt. Er beichtete. mit tiefer Gründlichkeit, beim Gebet bewegten sichseine Lippen, und meine fromme, lebenslustige, sehr rheinische Mutter sagte, daß jener "schlesischkatholisch" sei: Dies mußte wohl eine besondere, tief demütige Art der Frömmigkeit sein. Niemals log er, so daß wir lernten, Schlesien sei ein Land ohne Lüge. Er hatte entsetzliches Heimweh, obwohl er gut gelitten war und obwohl er es nicht schlechter als wir verstand, im Rhein zu schwimmen. Er wollte nach Hause. Und eines Tages fuhr er dann auch wieder heim ins Land Rübezahls, von dem wir aus den Märchen wußten, daß es diesem Geist bei Wind und Wetter ein Mordsvergnügen bereitete, armen Töpfern, die nicht wußten, womit sie ihre Kinder ernähren sollten, die Töpfe zu zerbrechen. Und später zahlte der Geist dafür mit barem Gold. Welch ein Land!

Heute, wenn man ins Rheinland kommt, sieht man viele Schlesier dort beisammen, arm und ohne die Goldbarren Rübezahls. Sie gehen in die zerstörten. Kirchen und knien lange im Gebet. Aber von jenem Schulkameraden weiß. ich, daß dies Heimweh ist. Sie sind, obwohl fremd an diesen Orten, im allgemeinen gut gelitten. "Das muß man wirklich sagen: es sind nette, verträgliche Leute; das muß man sagen." Aus diesem rheinischen Urteil geht hervor, daß sich die Leute dort mit den Schlesien! innerlich beschäftigt haben. Und es ist wahrscheinlich, daß, wenn sich überall die Einheimischen innerlich ein bißchen mit den Leuten beschäftigen würden die aus dem Osten gekommen sind, auch überall ein ähnliches Urteil zustande käme. Man muß eben bedenken, daß sie alle, alle Heimweh halben. Da treffen sich zwei, und zufällig stellt sich heraus, daß sie beide aus Schlesien, aus Ostpreußen, aus Westpreußen, aus Pommern sind – welche Freude! Und wenn du durch die Stadt gehst, um einem Mädchen aus jener Fremde die ruinierten Sehenswürdigkeiten zu zeigen, so kommt es vor, daß deine Begleiterin plötzlich vor einem einfältigen Pferd stehenbleibt und es lange betrachtet. Auch da haben sich zwei aus derselben Landschaft getroffen. Und beim Weitergehen schwört deine Begleiterin, daß es bessere Pferde gar nicht gäbe als dieses, welches da so traurig, mager, müde herumsteht, daß man beinahe fürchten müßte: gleich kippt es um. Freilich, man hätte – so deutet das Fräulein an – dieses heruntergekommene Pferd in der Heimat sehen müssen, fern, in Ostpreußen. Wie es da trabte und die Mähne warf und vor Temperament nimmer zu halten war!

Gelogen? Der schlesische Junge damals aus den rheinischen Kindertagen log nicht halb soviel wie Wir anderen Knaben. Er log – vielleicht sollte man mit einem abgewandelten Riccaut de la Marlinière sagen: "Corriger la vérité." Was er von Schlesien erzählte. war, daß die Wasser der Flüsse weicher und wärmer seien, die Oder bei Breslau siebenmal so breit wie bei Köln der Rhein, und daß, wenn der Pfarrer in Schlesien ein Honigbrot essen wollte, die Bienen aus den roten und blauen Kleefeldern kamen und ihm den Honig direkt aufs Brot träufelten. Und so mißtrauisch man allem gegenüber sein muß, was Menschen reden – diesen Aussagen darf – man glauben. Denn seit alters sind Gegenden, die so geliebt werden, dieselben Räume, in denen Milch und Honig fließen. Und wenn wir heute die Leute aus Ostpreußen von ihrem Lande erzählen hören... Ob, das ist ein Land! Und so weit man auch herumgekommen sein mag in der Welt – ein solches Land hat man nie gesehen! eben: es sind die Heimweh-Länder. Und deshalb sind alle Geschichten wahr, die uns die aus dem Osten Gekommenen erzählen, wenn’s vielleicht auch eine andere Wahrheit ist als die statistische. Man tut gut, einfach zuzuhören und zu glauben; das genügt, sofern man weiß, daß die statistische Wahrheit etwas anderes ist und geprüft und wieder geprüft und von denen beherzigt wenden muß, die die Welt regieren. Wir anderen mögen währenddessen den Geschichten lauschen und nett zu den Leuten sein, die von daheim erzählen, von ihrem Daheim.

Wir anderen beispielsweise – kennen wir Ostpreußen denn, selbst wenn wir es einmal besuchten? Kennen wir Schlesien? Viele waren in Breslau Soldat und lernten die Umgebung hassen. Andere sahen Schlesien nie mit preußischen Rekrutenaugen an, sondern waren auf der Durchreise nach Wien und fanden das Land halb schon österreichisch und hätten, so gesehen, nichts dagegen gehabt, wenn Maria Theresia es hätte behalten können. Ja, und unter solchem Aspekt rückt Schlesien dann plötzlich mitten hinein in jene Sphäre, in der einst der niemals lügende Schulkamerad zu Hause war : in die Sphäre des Dichtens. Dem: lauscht man dem Klang der schlesischen Dichternamen, angefangen, von Opitz und seinem "Buch von der deutschen Poeterey" über Andreas Gryphius, über Angelus Silesius, Christian Günther, Eichendorff bis hin zu Gerhart und Carl Hauptmann, dann ist die Oder genau soviel wert wie Donau und Rhein – ein Strom, an dem die Dichter wohnen; Und schien wir unter ihnen jenen Gryphius noch einmal an and hören in der Sorge unserer Tage seinen herzbewegenden Jammerlaut inmitten des damals großen, Dreißigjährigen Krieges: "Wir sind doch. nunmehr ganz,ja mehr denn ganz verheeret. ... Die Türme stehn in Glut, die Kirch’ ist umgekehret. und vernehmen wir, was er am tiefsten beklagte, mehr "denn Pest und Glut und Hungersnot: daßauch der Seelenschatz so vielen abgezwungen", dann lauschen wir unwillkürlich eine Weile still dieser schlesischen Klage nach. Was war diesem Manne das Wichtigste? Der verlorene, der abgezwungene Seelenschatz! Fehlt es uns just daran nicht auch heute am meisten?

Dies war, was ich einst von Schlesien, erfuhr, beim Skilauf und in den Bauden, im Bergwerk und in den Fabriken und bei den kleinen Bauern: Friedrich hat das Land, so deutsch es immer war, nie ganz erobern können. Wie sonst könnte es sein, daß aus der Stimme Schlesiens, am lautesten aber aus Hauptmanns "Webern", immer das Mitleid spricht, das große, ganz und gar unpreußische, zugleich schlichte und kühne. "pflicht"-vergessene Mitleid? Lassalle, der den "Allgemeinen deutschen Arbeiterverein" gründete, ja, noch Karl Löbe. der letzte demokratische Präsident des deutschen Reichstages, auch Schottländer zuletzt, jener junge Mann aus reichem Breslauer Hause, der Kommunist geworden und dann auch dem System der Unbarmherzigkeit zum Opfer fiel, sie alle hat ein freies Herz vorangetrieben; aber daß viel Mitleid darinnen wohnte, Anteilnahme an den Armen und Unterdrückten, eben dies ist der zutiefst schlesische Teil in ihnen. und wir? Nun da wir es sind, an deren mageren Tischen die Schlesier sitzen, still und arm? Ich frage noch einmal: Und wir?

Da war John Quincey Adams, der Anno 1800 "Leiters on Silesia" schrieb: "The manners of the people have more of a republican ihm of a monarchical cast" – die Sitten des Volkes sind mehr von republikanischer denn von monarchistischer Art – er schrieb dies über die Schlesier. Und war fürwahr ein Mann, der demokratische Lebensart recht gut beurteilen konnte, denn Adams, damals Minister, ist später Präsident seines Landes, der USA, geworden. Und idr. wenngleich ein Mann ohne Aussicht, jemals irgendwo Präsident zu werden, schreibe es nieder, daß schon in dieser Hinsicht die Schlesier manchmal nicht wenig Ursache haben, heimwehkrank zu sein, obwohl – wenn wir’s meterweise rechnen – die Oder bei Breslau wirklich und bei weitem nicht so breit ist wie der Rhein bei Köln.

Wie aber, wenn wir’s dahin brächten, daß die Schlesier, und gleich ihnen die Ostpreußen, die Pommern oder wer immer aus dem Osten zu uns hergeschwemmt wurde, später von unseren westlichen Flüssen genau so dichterisch sprächen, vom Rhein; vom Main, von der Alster und Trave und Eider, genau so dichterisch, wie sie es von der Oder und der Nogat tun? So zärtlich lügenhaft Und so wahr!