Man hat zuweilen gesagt, daß Zeiten großer Not die Menschen erfinderisch machen und daß demzufolge die meisten großen Erfindungen ihre Entstehung besonderen Krisenzeiten verdanken. In Abwandlung dieser Feststellung könnte man meinen, daß der Grund dafür, daß gerade die östliche Landwirtschaft so besonders intensiv und leistungsfähig war, vielleicht in der Ungunst der dortigen natürlichen Gegebenheiten zu sehen ist, die die Menschen zu präziser Kalkulation Und höchster Leistung zwang.

Wenn man einmal die Verhältnisse beispielsweise im Ostoderland – also, dem Gebiet zwischen Oder und polnischem Korridor – untersucht, so wird man feststellen müssen, daß die Kargheit des Bodens, die unregelmäßige Verteilung der Niederschläge und die kurze Vegetationsperiode sehr ungünstige Voraussetzungen für eine intensive Landwirtschaft boten. In Lauenburg, der östlichen Grenze Ostoderlands, hat die mittlere Dauer, der frostfreien Zeit nur 145 Tage betragen. Man muß-, im ganzen Osten damit rechnen, daß die Wachstumsperiode um etwa 4 bis 6 Wochen kürzer ist als die Westdeutschlands; daß der karge Boden nur bei bester Pflege und sachgemäßer Bearbeitung imstande ist, Leistungen hervorzubringen, die dem Westen annähernd gleichwertig sind; und daß die sich auf wenige Monate zusammendrängende Arbeit nur bewältigt werden kann bei einer bis ins letzte durchdachten Organisation und Arbeitsteilung. Der Plan, der einem intensiven landwirtschaftlichenBetrieb Ostdeutschlands zugrunde liegt, gleicht tatsächlich weitgehend der Produktionsplanung eines modernen industriellen Unternehmens, so daß diese Form des Landlebens wenig mehr gemein hat mit der friedlichen Romantik Tolstojscher Romane.

Eines der beiden Hauptprobleme der Landwirtschaft in Ostoderland ist, bei wenig natürlichem Grünland und dem Bestreben, möglichst wenig Acker für den Futterbau zu verlieren, den Viehstapel zu ernähren, der notwendig ist, um das Zieleines ausgedehnten Hackfruchtbaus zu erreichen; Denn erst der Hackfruchtbau garantiert eine gesteigerte Rentabilität und eine laufende Verbesserung des Bodenertrages auch der anderen Feldfrüchte. Darum ist es nötig, das optimale Verhältnis zwischen Futteranfall und Viehbesatz einerseits, Dungerzeugung sowie der hierfür notwendigen Strohmenge und dem Anbauplan andererseits auf das genaueste durchzukalkulieren. Eine, sorgfältige Pflege des Stalldungs ist ferner erforderlich und der Anbau.von stickstoffsammelnden Pflanzen im Zwischenfruchtbau zwischen Ernte und Aussaat der eigentlichen Hauptfrüchte.

Das zweite Hauptproblem besteht darin, einen jederzeit einsatzfähigen Apparat von Maschinen, Gespannen, Arbeitskraft und Spezialisten zur Verfügung zu haben, der einerseits so umfangreich ist, daß die sich während der kurzen Vegetationsperiode zusammendrängende Arbeit ohne Stockungen bewältigt werden kann, und der auf der anderen Seite so klein wie nur möglich gehalten werden muß, um die Rentabilität des Betriebes nicht zu gefährden.

Wenn man zur Roggenerntezeit durch einen pommerschen Betrieb geht, dann sieht man, wie der Schälpflug, während noch die Garben zu Hocken zusammengesetzt. werden, schon zwischen diesen Hockenreihen den Acker für die Zwischenfrucht bereitet. Oder man sieht die Traktoren, die am Tage die Mähmaschinen gezogen haben, bei Nacht im Scheinwerferlicht den Acker schälen, um keine Zeit zu verlieren. Bei dieser Wirtschaftsweise ist Kalkulation, Tempo und richtige Disposition alles; nur unter solchen Voraussetzungen war es möglich, einen Intensitätsgrad zu erreichen, wie er auf ähnlich armen Böden und in gleich hartem Klima nirgendwo anders je erreicht wurde.

Am deutlichsten wird der Intensitätsgrad, wenn man die Erzeugung einzelner landwirtschaftlicher Produkte je Kopf der Bevölkerung Ostoderlands mit den entsprechenden Durchschnittszahlen des, Reiches vergleicht:

im Ostoderland im Reichsdurchschnitt