Ostpreußen ist zu Beginn des 13. Jahrhunderts im Zuge der abklingenden europäischen Kreuzzugsbewegungen von Deutschen christianisiert und der westlichen Zivilisation und Wirtschaft erschlossen worden. Bis dahin hatte es im Lande nur primitive stammesmäßige Organisationen gegeben, so daß erst der Deutsche Ritterorden darf einen Staat im Sinne einer europäischen Völkergemeinschaft errichtet hat. In den 700 Jahren die seither vergangen sind, hat niemals ein slawischer Staat unmittelbares Hoheitsrecht über Ostpreußen ausgeübt. Langsam und stetig ist die Kolonisierung dieses Gebietes erfolgt, das allmählich den Charakter der Kolonie verlor und in jahrhundertelanger organischer Entwicklung zu einem Teil Deutschlands wurde. So daß schließlich zwischen seinen Bewohnern und dem übrigen Deutschland ebensowenig Unterschiede mehr bestanden wie zwischen den Amerikanern der 15 alten Staaten, and denen, die erst später der Union beigetreten sind.

Die wirtschaftliche Bedeutung Ostpreußens liegt vorliegend in der Erzeugung eines sehr hohen Anteil-, von tierischen Veredlungsprodukten. So wurden dort allein 350 Millionen Eier produziert, 2 Millionen Liter Vollmilch, annähernd 30 000 Tonnen Rindfleisch und 93 000 Tonnen Schweinefleisch. Das Schwergewicht Ostpreußens – ja, man könnte fast sagen: sein wirtschaftliches Monopol – lag aber auf züchterischem Gebiet, sowohl was das schwarzweiße ostpreußische Herdbuchvieh ostfriesischer Provenienz angeht, wie vor allem auch die in aller Welt bekannte ostpreußische Pferdezucht. Der überwiegend kleefähige und futterwüchsige Boden, die natürlichen Weiden und die wirtschaftseigene Futtergrundlage machten die Provinz zu einem geradezu klassischen Zuchtgebiet,

Der gesamte Pferdebestand Ostpreußens belief – sich auf 600 000 Pferde, von denen im letzten friedensjahr 110 000 Stufen der Zucht dienten, nämlich 70 000 Kaltblutstuten und 40 000 Warmblutstuten. Von den Warmblutstuten waren Wiederum etwa 24 000 im Stutbuch registriert, das damit das umfangreichste Stutbuch Deutschlands gar. Die beiden gleichfalls als ausgesprochene Pferdezuchtgebiete geltenden Länder Schleswig-Holstein und Hannover haben zusammen nur etwa die gleiche Zuchtkapazität wie die Provinz Ostpreußen gehabt,

Es hat in Ostpreußen von jeher Warm- und Kaltblut nebeneinander gegeben. Als der Deutsche Ritterorden um 1230 ins Land kam, fand er dort große Wildpferdherden vor, die in den graswüchsigen Niederungen und den weiten Wäldern oft zum Schrecken der seßhaften Bevölkerung hausten und als jagdbares Hochwild galten. Die einheimischen Pruzzen hielten sich das gleiche Pferd in domestiziertem Zustand, und der Orden hat es dann seiner Leistungsfähigkeit und Anspruchslosigkeit wegen in eigens für diesen Zweck gegründeten Gestüten züchterisch fortentwickelt. Während für die sogenannten „leichten Dienste“ beim Orden das einheimische sehr kleine Pferd ausreichte, mußten die für den „schweren Reiterdienst“ erforderlichen’ Streitrosse – die den gepanzerten Ritter trugen – aus Mitteldeutschland und aus den Nordseeländern eingeführt werden. Auch für die Zucht dieser Pferde, die sich bis zuletzt vorwiegend im Ermland erhalten hatte, legte der Orden allenthalben in seinen Kontureien Gestüte an. Diese beiden Rassen werden jede für sich in Reinzudit nebeneinander gehalten, bis schließlich durch die Änderung der Kriegsweise und den Verfall des Ordens nach der Schlacht von Tannenberg die Bedeutung des schweren Streitrosses in den Hintergrund trat und nun durch Kreuzung beider Rassen ein mehr universaler Pferdetyp angestrebt wurde.

Die moderne Pferdezucht, die mit der Gründung des Gestüts Trakehnen im Jahre 1732 ihren Anfang nahm, baute auf; der Grundlage jener weiter fortgeführten Ordensgestüte auf. Trakehnen stand seit Ende des 18. Jahrhunderts ganz im Dienst der Landespferdezucht, indem es seine Hengste für die bäuerlichen Zuditen zur Verfügung stellte und nach und nach das Material für den Aufbau der ost- und westpreußischen Landgestüte lieferte. Aus der langen Wirksamkeit Trakehnens für die Ostpreußische Warmblutzucht ergab es sich, daß im Grunde jedes ostpreußische Pferd auf Trakehner Zuchtstämme zurückging. Trotzdem lag die Besonderheit der ostpreußischen Pferdezucht aber gerade in der Tatsache, daß sie nicht eine Angelegenheit irgendwelcher großen staatlichen Gestüte war. sondern daß es eben wirklich eine Landespferdezucht war. In großen Teilen der Provinz hatte jeder kleine Bauer ein paar edle Stuten im Stall, und der Stolz der Familie war nicht das Haus oder die „gute Stube“, sondern die Stute und ihre Abstammung.

Im allgemeinen hatte sich eine sehr zweckmäßige Arbeitsteilung herausgebildet, bei der die eigentliche Zucht in der Hand der bäuerlichen Betriebe lag, während die Aufzucht, der Fohlen der größeren Raumfreiheit wegen von den Großbetrieben durchgeführt wurde. Trakehnen aber war das blutmäßige Zentrum und der entscheidende Schrittmacher in allen züchterischen fragen. Das Trakehner Pferd ist im wesentlichen ohne Zuführung von fremdem Blut, mit Ausnahme einer begrenzten Verwendung von arabischem und englischem Vollblut, nur aus sich selbst heraus züchterisch vervollkommnet worden. Das Gestüt selbst verfügte über 20 Hauptbeschäler von höchster Zuchtklasse und über 350 erlesene Mutterstuten, die, nach Farben unterteilt, in fünf Herden gehalten wurden. Zusammen mit den Nachwuchsjahrgängen betrug der Gesamtbestand des Gestüts 1200 Pferde,

Trakehnen ist mit Recht oft als das Paradies der Pferde gepriesen worden. 6000 Hektar besten Kulturlandes, davon 4000 Hektar Grünlandflächen, lieferten nicht nur das notwendige Futter, sondern auch ausgezeichnete Weiden, auf denen die jungen Jahrgänge in größer Freiheit heranwuchsen, gestählt und modelliert durch das rauhwindige Klima, das nichts Weichliches duldete. Die Schleppjagden, die dort hinter einer sehr schnellen Meute über das schwere Jagdgelände geritten wurden, galten als Prüfstein für die unerläßlichen Eigenschaften eines sicheren Geländepferdes und bildeten zusammen mit einer Leistungsauslese bei der Arbeit den Maßstab für die Zuchtauswahl.