Die Oder-Neiße-Linie zerschneidet die Provinzen Pommern und Brandenburg und zieht eine widernatürliche Nordsüdgrenze durch ein Gebiet, dessen organische Verkehrsentwicklung im .Hinblick auf das Zentrum Berlin ausschließlich ostwestmäßig. orientiert war. Die Oder hat niemals auch nur eine Verwaltungsgrenze dargestellt; die Funktionen dieser wichtigen Verkehrsachse, die auf ihren weit nach Osten reichenden Nebenflüssen Handel und Verkehr heranzog, lag vielmehr darin, daß sie die Gebiete rechts und links der Stromniederung zu einer Einheit verklammerte; Wenn die Oder-Neiße-Linie in eine politische Grenzen umgewandelt werden sollte, dann würde damit die Oderschiffahrt lahmgelegt und die Grundlage vernichtet, auf der das Wirtschaftssystem des ganzenöstlichen Raumes basiert. Verkehrsmäßig gesehen würde es bedeuten, daß die beiden großen Ostbahnlinien Berlin–Stettin–Danzig und Berlin–Küstrin, Marienburg–Königsberg einschließlich ihrer Zubringer- und Nebenbahnen vollkommen entwertet werden.

Die Vorstellung, ein Flußlauf sei in jedem Fall eine natürliche politische Grenze, ist offensichtlich ein Vorurteil. Je weiter man nach Osten kommt, desto klarer fällt dem Strom die Aufgabe zu, zu erschließen und zu verbinden, kurz: Lebensader zu, sein:

Es ist demgegenüber, mindestens von historischem Interesse, sich zu vergegenwärtigen, daß eine der konstantesten Grenzen in Europa die Ostgrenze von Ostpreußen war: Vom Frieden von Melnoses im Jahre 1422 bis zum Versailler Frieden im Jahre 1919, also während 500 Jahren – mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung von 1795 bis 1807 –, ist der Verlauf der ostpreußischen Grenze von Memel bis Sudauen über viele geschichtliche Wandlungen hinweg die Trennungslinie zwischen Slawen und Deutschen gewesen. Diese Linie, die zunächst den Ordensstaat, später, das Herzogtum und schließlich das Land Preußen gegen den Osten abgrenzte, gab diesem Land seine politische Kontur schon zu einer Zeit, als viele der westeuropäischen Staaten, wie die Schweiz, Spanien und die Niederlande, noch gar, nicht existierten. Sie hat mit ihrer jahrhundertelangen Bewährung, ihre Qualität als „natürliche Grenze“ unter Beweis gestellt, und zeigt gleichzeitig, daß das ostpreußische Land unter deutscher Herrschaft nicht die Operationsbasis einer bedrohlichen Eroberungspolitik gewesen sein kann.