Unser braver, alter Schulmeister, dessen Solosänger ich außerdem war, drückte mir das preußische Entlassungszeugnis in die Hand. Damit war ich aus der Schule getreten und erlaube mir nun, aus der Schule zu plaudern. Nachdem der Schulmeister mir und den anderen eine rührende Rede gehalten über Manschetten und Zigaretten, welch beide sich zwar vortrefflich reimten, trotzdem aber die Todfeinde eines jeden jungen, deutschen Mannes wären, gingen wir tränenüberströmt nach – Hause und versicherten uns fest entschlossen, im ganzen kommenden Leben weder Manschetten zu tragen, noch Zigaretten zu rauchen. Daheim sagte meine. Mutter: „Gut, daß die dumme Schule endlich zu Ende ist, jetzt wirst du Zeit genug haben, regelmäßig den Kuhstall auszumisten.“ Ich schaute sie ziemlich, ungnädig an und entfernte mich zu unserem Nachbarn Benjamin Kudella, der Vorsitzender unseres Kriegervereins war und Maurerpolier. Er konnte schöne Reden schwingen, die ich bewunderte, und ich wußte, daß er dem Wiener Bankhaus Nathanael S. M. Rothschild sein märchenhaftes Vermögen noch .dadurch vermehrte, daß er ihm auf einer unweit gelegenen prächtigen Domäne eine mächtige Scheune baute, durch die inunser Dorf, zur allgemeinen Bewunderung, ohnehin gewaltige Ströme verdienten Geldes flossen. Auch ich wollte mich also an diesem Wiener Rothschild bereichern.

Frau Kudella, der ich meine Absicht erzählte, wollte für mich Fürsprache einlegen bei ihrem Mann, und da wir um einige Ecken verwandt wären, bestünde gar kein Zweifel, meinte sie, daß ich an dieser Scheune mitarbeiten dürfte. Am Abend begab ich mich also abermals zum Benjamin Kudella. Er schaute mich von oben bis unten an, schnarrte mit der Stimme, wie das so beim Kriegerverein üblich war, und zeigte sich der Vetternwirtschaft seines Weibes gar nicht abgeneigt, das mich mit ermunterndem Augenzwinkern an die Gelder Rothschilds heranzubringen trachtete. Benjamin Kudella fragte mich außerdem, was ich sonst im Leben werden: wolle. Ich erwiderte: „Schiffsjunge, Deckoffizier und Robinson.“ Das schien ihm kolossal zu imponieren und er meinte: „Wenn du durchaus willst, kannst du bei unserer Scheune Ziegelsteine das Gerüst heraufschleppen. und morgen früh anfanger.“

Am anderen Morgen war ich pünktlich auf der Arbeitsstelle. Benjamin Kudella begann seinen Leuten zu kommandieren. Ich bekam meine „Ziege“ in die Hand gedrückt, jenen Hocker, den die Handlanger auf dem Buckel zu schleppen pflegen, mit Ziegelsteinen vollgeladen. Es dauerte auch gar nicht lange und der Kudella verwandelte Es sich ziemlich. ungnädig. Auf einmal verstand er gar keinen Spaß, was mich sehr kränkte. Je mehr ich mit meiner Ziege schwitzte, um so mehr beschimpfte er mich.Er schrie sogar zum Gelächter – der andern; „Und so etwas will Deckoffizier werden“, so daß ich überlegte, ob es nicht besser bei der Mutter war und ihrem Kuhmist im Stall jedesmal in luftiger Höhe dieses Baugerüstes interessierten mich, die Hügel und Berge der Heimat viel mehr als diese gottverfluchte Ziege. Dazu verlockten mich der glitzernde Fluß, die schlängelte Eisenbahn und die endlosen Wiesen, die Mini enden Dörfer und der dampfende Wald. Sonnabends bekam ich meinen Wochenlohn von fünf silbernen Reichsmark. Das war also Rothschilds berühmtes Geld. Mit geschwellter Brust wanderte ich heim, um dies soldige Geldstück der Mutter in die Hand-zu drücken, die vor Rührung weinte, während der Vater kräftig, lachte.

Eines Tages, als ich nach Feierabend heimstrebte, sah ich Mutter vor unserem Häuschen stehen, mich erwarten und mir freundlich entgegenwinken und entgegenrufen: „Junge, deine Ziegenreiterei bei Rothschild hat ein Ende. Onkel Kubosch war soeben hier, du sollst ein feiner Schreiber werden im fürstlichen Schloß.“ Mit dieser Nachricht bereitete mir Mutter nicht viel Freude. Denn ich verachtete das khreiberhandwerk und wollte, wie man weiß, ganz etwas anderes werden, vielleicht Brückenbauer oder Maschinist! In der Nacht hörte ich, wie Mutter sich mit Vater im Bett über die Schreiberei unterhielten. Mutter sagte: „Ich mit meinem dummen Verstand stelle mir das so vor: der Junge schreibt und schreibt auf ein Blatt Papier. Dann komm der Amtsvorsteher, liest sich alles durch, und wenn es schlecht geraten ist, zieht er ihn an den Ohren und schreit ‚Esel, noch amal schreiben.“

An anderen Morgen, einem herrlichen sommerlichen Sonntag, hatten ich und mein Vater keine Zeit, wie üblich zur Kirche, zu gehen, aus der die Gesänge und die Orgelmusik unseres Schulmeisters verlockten. Sozusagen um Gott für den versäumten Kirchgang auszusöhnen, wanderten wir beide wenigstens an der jubilierenden Kirche, vorbei, aber den geweihten Acker. Wir strebten dem geheimnisvollen Wald zu, der den Horizont säumte und in dessen verschwiegenen Gründen sich das herrschaftliche Schloß und der Park befanden. Die Vorstellung, dort Schreiber zu spielen, bereitete mir jroße Ängste, und ich glaube, daß auch Vater Angst hatte vor dem Amtsvorsteher dieses Schlosses. Durch seine Polizeistrafen, die er den Menschen meines Dorfes auferlegte, verbreitete dieser Amtsvorsteher Furcht und Schrecken. „Hast du Angst?“ fragte mich Vater. „Nein“, erwiderte ich, und irgendein dunkles Empfinden warnte mich vor dieser herrschaftlichen Welt. Ich sah, wie Vater seinen Rosenkranz aus der Tasche zog und in dieser Einsamkeit des Waldes, weit ausschreitend, betete.

So waren wie vor einem prächtigen Gittertor zu diesem Schloß angekommen und standen unschlüssig da. Hinter dem Gitter breiteten sich kiesbesreute Wege aus, und inmitten dieser Ordnung stand das märchenhafte Schloß. Fein geputzte Menschen gingen zum Gittertor ein und aus; Vater zog untertänigst seinen Hut und fragte, ob man es wagen dürfe, durch dieses Gittertor ins Schloß zu treten. Die Auskünfte lauteten verschieden, und wir faßten uns endlich ein Herr. So gelangten wir verstohlen bis zu einer Tür unter dem Schloßturm die appetitlich weiß gestrichen war und auf der mit schwarzer Farbe feierlich geschrieben stand: „KANZLEI“. Idi sah, wie mein Vater den Finger wiederholt unschlüssig krümmte und sich im Anklopfen übte, bevor er sich dazu entschloß. Von drinnen forderte uns eine Stimme zum Eintreten auf. Wir befanden uns in einem ehrfurchtgebietenden Raum, in dem es vor Sauberkeit, blinkte und blitzte. Sinnverwirrende Apparate stancen oder hingen da herum. Maschinen und allerlei Tastaturen, wie bei einem Doktor in der Stadt Mir war ganz schlecht geworden, ich hatte Brechgefühle und zweifelte langsam daran, Fähigkeiten eines Schreibers zu besitzen.

Inmitten dieses Raums saß ein Herr, der uns nicht beachtete und schrieb. Das war der Amtsvorsteher, der Herr über diesen Wald und Park, Gitter und Schloß, vor dem alle, auch mein Vater, zitterten. Wie ein mittelalterlicher Junker trug er einen Spitzbart und repräsentierte damit, wie ich es heute weiß, einen gewissen Typ, der zwischen einen russischen Großfürsten und Wallenstein lag. Mit vielen Verbeugungen trat mein Vater näher, und ich als sein folgsamer Sohn verbeugte mich also auch. Dabei begann mein Vater, mit wegwerfender Gebärde zu stammeln, daß mein Onkel Kubosch von dem Schreiber zu erzählen wußte, den der hochwohlgeborene Herr Amtsvorsteher zu benötigen geruhte. Hier sei der nichtsnutzige Bengel, der vielleicht zu gebrauchen wäre. Der Amtsvorsteher schaute mich prüfend an. Er griff nach einen Blatt Papier, legte es auf dem Schreibtisch zurecht, ließ mich näher treten, drückte; mich in den Stuhl, ich hielt einen Federhalter in der Hand, meim Hand schwitzte und er diktierte. „Packer packen die Pakete Punkt. Bismarck packte feste zu Punkt. Seine Majestät unser Kaiser Wilhelm der Zweite Punkt. Seine Kaiserliche Hoheit unser Kronprinz Punkt. Unser Durchlauchtigster Fürst Punkt. Fischer fischen gerne frische Fische frühe in der Frische Punkt.“ Danach prüfte er mein Schreibwerk, korrigierte mich bei unserem, Kaiser Wilhelm II., das ich ausgeschrieben hätte und das lateinisch zu schreiben sei, in puncto römisch Zwo, mit Punkt. Ansonsten zeigte er sich zufrieden, und es Würde zwischen ihm und Vater ausgemacht, daß ich meine Stellung am anderen Morgen anzutreten hätte. Zur Bedingung wurde ausgemacht, daß ich weder rauchen noch radfahren dürfte.