Als Ostoberschlesien 1922 an Polen abgetreten werden mußte, verlor Deutschland damit 17 v. H. seiner Kohlenförderung (1913 = 190 Millionen Tonnen). 44,9 Milliarden der auf 48,2 Milliarden Tonnen geschätzten Kohlenvorräte Oberschlesiens fingen verloren und drei Viertel der oberschlesischen Förderung, die 1913 rund 43 Millionen Tonnen betrug. Die Deutschland belassenen 14 Schachtanlagen förderten 1922 rund 8,8 Millionen, die 53 an Polen gefallenen Gruben rund 25.5 Millionen Tonnen. Die deutsch gebliebenen Grubenanlagen waren meist älteren Datums, weitgehend abgebaut und mit nur geringen Reservefeldern versehen; die polnisch gewordenen Anlagen waren in ihrer großen Mehrheit junger Entstehung, zum Teil noch in der Entwicklung begriffen, auf das modernste eingerichtet und mit großen Abbaufeldern sowie mit fast, unerschöpflichen Reservefeldern ausgestattet. Ein großer Teil der in Westoberschlesien noch anstehenden Kohlenvorräte mußte mit dem kostspieligen Spülversatz gewonnen werden, in Ostoberschlesien konnte weitgehend das billige Bruchverfahren angewandt werden. Die Oberfläche Westoberschlesiens war dicht, bebaut, es. liegen dort große Städte und Gemeinden wie Gleiwitz, Hindenburg, Beuthen, Borsigwerk, während auf polnischer Seite große Gebiete nur dünn besiedelt waren.

Aus dem Deutschland verbliebenen westoberschlesischen Kohlengebiet mit seinen alten Anlagen und schwierigen Abbauverhältnissen entwickelten deutsche Eigentümer deutsche Unternehmer und deutsche Kapitalien, denen auch die bisherige bemerkenswerte Entwicklung der gesamten schlesischen Kohlenerzeugung ausschließlich zu danken war, in den 15 Jahren bis zum. Ausbruch des zweiten Weltkrieges ein ebenso modernes wie leistungsfähiges Revier. Die Förderung wurde verdreifacht; sie stieg auf rund 26 Millionen Tonnen, während Ostoberschlesien in der gleichen Zeit nur. eine geringe Steigerung von 26 auf 29 Millionen Tonnen, aufzuweisen hatte. ,,Der polnische Anteil an der oberschlesischen Förderung insgesamt sank in diesen Jahren von 75 auf 53 v.H.

Die Entwicklung der est- und da westoberschlesischen Steinkohlenförderung von 1923 bis 1938 in Millionen t:

Um den gestiegenen Anforderungen genügen zu können, wurden die westoberschlesischen Anlagen modernisiert. Überall wurden die Förderanlagen über Tage umgebaut, die Schachtförderanlagen mechanisiert, die Verladeeinrichtungen erweitert und selbsttätig, eingerichtet, ‚die Aufbereitungsanlagen vergrößert, Kohlenwäschen zur Verbesserung der Markenklassen erbaut und schließlich die Bahnanlagen auf das Wachstum der Förderung und des Absatzes eingestellt. Die Betriebe unter Tage hielten mit der Modernisierung über Tage Schritt. Neue leistungsfähige Fördersohlen wurden ausgebaut, die Förderwege und Förderanlagen mechanisiert, riesige Bandtransportanlagen angelegt, die Abbaumethoden auf die Großförderung umgestellt, der Spülversatz erweitert und anderes mehr.

In wenigen Jahren entstand so aus dem alten und zum Teil etwas traditionsbelasteten westoberschlesischen Revier ein hochmodernes Grubengebiet mit ungewöhnlich leistungsfähigen Anlagen. Tagesforderungen von 5000 Tonnen je Schachtanlage sind die Regel gewesen. Die Grälin-Johanna-Schachtanlage mit ihrer Tagesförderung von 10 000 Tonnen ist die modernste und leistungsfähigste Schachtanlage Europas.

Außer dem westoberschlesischen steht seit Kriegsende auch das niederschlesische Revier mit seiner seit 1900 zwischen 4 und 5 Millionen Tonnen schwankenden Jahresförderung unter< polnischer Verwaltung. Diese beiden Reviere förderten 1938 über 31 Millionen Tonnen, 16,8 v. H. der gesamtdeutschen Förderung, die damals 186 Millionen Tonnen ausmachte. Die Bedeutung der schlesischen Steinkohle für Deutschland wird aber durch diese Zahlen noch nicht ausreichend gekennzeichnet. Neben der Quantität spielt die Qualität eine eminent wichtige Rolle. Steinkohle und Steinkohle ist nicht dasselbe. Die Flammkohle verbrennt fast vollständig unter Zurücklassung von Asche. Sie findet ihre hauptsächliche Verwendung daher als Heizkohle für den Hausbrand, die Eisenbahnen, die Schiffahrt und die Kesselbeheizung der Fabriken. Die Fettkohle backt dagegen bei der Erhitzung zusammen und ergibt bei der Verbrennung im Ofen die sogenannten Schlacken, bei Erhitzung unter Luftabschluß aber Koks. Sie wird fast ausschließlich in Kokereien verwendet und wegen der Nebenprodukte wie Benzin, Benzol, Ammoniak, Teer, die bei der Verkokung anfallen, besonders hoch bewertet. Zwischen diesen beidep wichtigsten Steinkohlenarten gibt es verschiedene Übergangssorten.

Im oberschlesischen Steinkohlenbecken, sind sämtliche Kohlenarten vertreten, jedoch überwiegt die Flammkohle weitaus, während im Ruhrgebiet die Fettkohle dominiert. Das niederschlesische Revier fördert Flammkohle und Fettkohle ungefähr zu gleichen Teilen. Ihrer Qualität wegen ist die schlesische Kohle aber für Deutschland unentbehrlich, abgesehen davon, daß das Ruhrgebiet auch mengenmäßig den deutschen Kohlenbedarf nicht befriedigen kann. Welche verhängnisvollen Felgen das willkürliche Auseinanderreißen der sorgsam aufeinander abgestimmten deutschen Kohlenwirtschaft hat, erleben wir heute: Die Lokomotiven werden mit backender Steinkohle geheizt, ihre Feuerungsanlagen wie die der Elektrizitätswerke und der Kessel in den Fabriken verschlacken und verderben. Die eigentlichen Werte dieser Kohle aber, ihre bei – der Verkokung anfallenden Nebenprodukte werden in die Luft gejagt. Milliardenwerte gehen damit verloren..