Die Festlegung der deutschen Grenzen ist die wichtigste Entscheidung, die der zukünftige Friedensvertrag bringen wird. Grenzen sind heute in Europa nicht beliebige durch die Landschaft verlaufende Linien, wie sie es in einem Steppengebiet sein können. Die europäischen Staaten sind hochentwickelte Wirtschaftseinheiten, die um so genauer ausbalanciert sein müssen, Je größer die Bevölkerungsdichte der einzelnen Länder ist. Die Festlegung ihrer Grenzen bestimmt also das Funktionieren der nationalen und internationalen Wirtschaft und damit das Schicksal der Völker. So wird die Festlegung der deutschen Grenzen auch über das Schicksal Europas entscheiden.

Im Osten sowohl wie im Westen sind erhebliche Ansprüche auf deutsches Gebiet erhoben worden, und zwar mit verschiedenen Begründungen, mit geschichtlichen, mit wirtschaftlichen, mit solchen der Sicherheit und der Wiedergutmachung. Die Forderungen werden mit einer politischen Leidenschaft vertreten, die nicht verwunderlich ist angesichts des Unheils, das Hitlers Krieg über die Welt gebracht hat, und angesichts der Haßgefühle, die seine unmenschlichen Methoden hervorgerufen haben. Mit gleicher Leidenschaft jedoch werden diese Fragen auch in Deutschland erörtert, und auch – das ist verständlich, denn die umstrittenen Gebiete waren seit langen Jahrhunderten die Heimat von Millionen deutscher Menschen. Eine solche Atmosphäre der Leidenschaft, aber ist nicht geeignet, einen wahren, dauernden Frieden herbeizuführen. Es ist vielmehr nötig, die Fragen, die eine zukünftige Grenzziehung bestimmen, sachlich zu prüfen, damit das optimal Beste erreicht wird. Deutschland soll nach dem Willen der großen Mächte aus eigener Kraft ein friedliches Leben unter den Völkern führen und gleichzeitig am Wiederaufbau Europas mitarbeiten. Hierzu ist es erforderlich, die Grenzen so zu ziehen, daß Deutschland existenzfähig bleibt und die ihm zugedachten europäischen. Aufgaben erfüllen kann. Von dieser nüchternen Erwägung allein müssen wir ausgehen. Das deutsche Wirtschaftsgebiet bildet eine komplizierte Einheit, die allmählich – gewachsen ist. Wenn man aus ihm, ohne Rücksicht auf vorhandene Wirtschaftszusammenhänge, große Teile heraustrennt, so können. Schäden entstehen, die herhängnisvoll sind, Die deutsche. Industriekapazität soll beschränkt werden, die Bevölkerung aber, wird durch die Austreibung der Deutschen aus den – europäischen Ländern wieder auf 70 Millionen wachsen. Diese 70 Millionen müssen einährt werden. Die Ereignisse des letzten Winters haben gezeigt, wie schwierig dies auch dann ist, wenn die geringen uns heute zugebilligten-Mengen an Nahrungsmitteln auf Kosten, der Besatzungsmächte importiert. werden. Beide Wirtschaftszweige, inportiert. Kapazität und landwirtschaftliche Erzeugung, stehen in einem unlöslichen Zusammenhang. Aus beiden gemeinsam erst kann sich ein Gleichgewicht Ergeben von Produktion und Verbrauch.

Es ist daher nötig, unanfechtbare Grundlagen zu schaffen, von denen aus die wirtschaftlichen Fragen, die für die Grenzziehung von höchster Bedeutung: sind, sachlich beurteilt werden können, indem man untersucht, was jene Gebiete, deren Abtretung heute von unseren Nachbarn gefordert wird, bisher im Zusammenhang der deutschen Wirtschaft geleistet haben. Erst daraus läßt sich erkennen, ob und wieweit sie für eine deutsche Wirtschaft unentbehrlich sind. Wir halten es daher für unsere Pflicht, genaue Unterlagen, die auf. eingehenden Untersuchungen wissenschaftlicher Stellen und auf amtlichem statistischem Material beruhen, zu veröffentlichen. Wir bringen in unsere: heutigen Nummer auf den Seiten 1 und 2 sowie auf den Seiten 7. und 8 die Unterlagen für die Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie und wollen damit dazu beitragen, eine sachliche Atmosphäre für die Diskussion der zukünftigen deutschen Grenzen zu schaffen.

Die Redaktion