/ Von Ivo Hauptmann

Da ist in Hamburg der Dr. Kurt Orte: der hatte über seiner in grüner Farbe angestrichenen Apotheke mit den tausend bunten Fläschchen das Kubin-Archiv eingerichtet, in dem einst große exotische Schmetterlinge durch den Raum segelten. In zwanzigjähriger liebevoller Arbeit hat er Dokument auf Dokument registriert und gesammelt. Jede Woche richtete er einen Brief an den Freund und Meister, der ihm in seiner so persönlichen. Schrift antwortete. Otte also bat mich, nach Weinstein zu fahren, um Kubin zu malen, den Maler, der kürzlich 70 Jahre alt wurde.

Damals brachte mich ein D-Zug, wie wir ihn heute nicht mehr zur Verfügung haben, in achtzehn Stunden nach Passau. Es begann die Zeit, da die durch Fliegerbomben Geschädigten Hunderte von Kilometern durch Deutschland reisten, um ihr verlorenes Gut wieder zu ersetzen. Juli 1943. Den sorgenlosen Main entlang fuhr der Zug bis Würzburg, das mit seinen Türmen, Dächern und Brücken das nahe Ende noch nicht ahnte. In Passau, beim Frühstück mit heißem Kaffee-Ersatz-Wasser, begegnete ich einigen Hamburgern, die sich aus den nördlichen. windigen, kriegerischen Gebieten zurückgezogen hatten. Sie sprachen alltägliche Worte, aber--sie hatten Angst vor den Dingen, die da kommen sollten. Ich fuhr in einer Kleinbahn mit meinem Köfferchen und dem mit Leinwand bespannten Keilrahmen den Inn entlang nach Wernstein. Ich sah zum Fenster hinaus, bevor der Zug hielt. Da stand ein einsamer Mann in Lodenmantel und einfachem Jägerhut. Es war Alfred Kubin, der mich abholte.

Es regnete; es war warm, und wir begannen unseren gemeinsamen Weg den Berg – hinauf, die Fahrstraße entlang, die sich in Windungen an Baumgruppen, Wiesen und Feldern zur Höhe erhob. Der Mann an. meiner Seite war grundgütig. Sein Wesen verriet nichts von den unheimlichen Gesichten, die ihn Tag und Nacht bedrängten, bis sie auf einem Blatt Papier auch für die anderen Menschen sichtbar wurden. Ich dachte daran, daß in der Wirklichkeit dieser Tage das Grauen der Welt aufloderte in Mord, Brand, Tod und Verderben: dieser Geist an meiner-Seite hatte davor gewarnt. Er hatte das Unheimliche, das Drohende, das Furchtbare, das Unerklärliche sein Leben lang gewittert und schilderte es. Wir sprachen von gemeinsamen Freunden und Bekannten, er verehrte meinen Vater, Gerhart Hauptmann, dessen ein oder anderes Werk er illustriert hatte. Er besaß Briefe von ihm. Wir stiegen langsam, wir wandten uns rückwärts. Der Inn erschien mit Lärchenbäumen am Ufer, die mit Moos behangen schienen. Das graugrüne Wasser schoß hinter den wankenden Zweigen talabwärts. Und die Erinnerung an Kubinsche Blätter tauchte vor mir auf. Rechts oben erschien Schloß Zwickledt, das fast tausendjährige Schloß mit dem Glockentürmchen, umstanden von verschiedenartigen Bäumen, so oft von dem Meister dargestellte zum Beispiel als Arche im Sturm; in der Kubin durch diese abenteuerliche Welt fährt. In einer letzten großen Kurve erreichten wir die Höhe und gingen nun geradenwegs an einigen Bauernhäusern in Zwickledt vorbei auf, das Schlößchen zu. Der Garten war mit Blumen aller Art angefüllt, zwischendurch leuchteten farbige Glaskugeln auf Pfählen, in denen sich die Umwelt rot, grün oder blau deformiert spiegelte. Wir traten durch eine gewölbte Pforte in eine Halle mit Steinfliesen, Die Tür geradeaus war geöffnet. Sie führte in den Wirtschaftshof, wo das einsame Schwein Kurt großgezogen wurde. Im oberen Stock des Schlosses, am Kakteenfenster vorbei, lag-das Wohnzimmer, der Arbeitsraum von Kubin schloß sich an. Die Einrichtung war einfach. Aber chinesische Götzen, altertümliches Spielzeug, getrocknete. Fledermäuse, Schmetterlinge, Käfer, Zeichnungen an den Wänden umgeben Kubin, wenn er arbeitet. Ein bequemer Korbstuhl stand hinter dem Arbeitstisch, selbstgeschnittene Rohrfedern, Pinsel, Tusche, Stifte aller Art, Kohle, Kreide, ein Wasserglas und Papier stellten das Handwerks-, zeug dar.

Wir zögerten nicht lange, ans Werk zu gehen. Kubin setzte sich an seinen Arbeitstisch, ich stellte meine Staffelei auf, das aufregende Werk zu beginnen. So saß ich stundenlang diesem verehrten Manne gegenüber, der sich nicht rührte, um mit bei meiner Arbeit zu helfen... Er wüßte, welche Sorgen ein Maler hat, Ein nach außen geklappter Hemdkragen gab dem Mann mit den weißen Haaren, und der hohen Stirn das Aussehen eines Jünglings, der er in seiner Lebhaftigkeit und geistigen Lebendigkeit auch immer noch war. Wir sprachen von den Unbilden des Dritten Reiches, von jüdischen Freunden, die geflohen waren-und irgendwo entsetzlich leiden mußten, wenn sie überhaupt noch am Leben waren. Frau Hedwig, kam später als wir beschlössen hatten, die Sitzung für heute zu beenden, die Frau, die Kubin seine gute Fee nannte.

Von meinem Zimmer sah ich auf ein hügeliges, heiteres, weites schon südliches Land. Im Vordergrund eine reichbelaubte Buche; die Nachbarin hatte der Blitz zerschmettert! Ich hatte nur noch den nächsten Tag zur Arbeit, betete zu Gott, daß das Werk gelingen möge und-schlief ein....

Cilly trug ein reichhaltiges Frühstück auf, das in einer Zeit, in der die guten Dinge ausgestorben schienen, einen unsagbaren Genuß für mich bedeutete. Ich dachte an Vincent van Gogh, der seinem Bruder Theo schrieb, die letzten Bilder von Gauguin in Paris seien nicht so gut; das sei aber kein Wunder bei dem schlechten Rotwein und dem harten Rindfleisch in dieser Stadt.