Von Jan Molitor

Soviel Platz haben die Bomben im Krankenhausgelände immerhin gelassen, daß die Amseln in den Bäumen und Sträuchern wieder ihr altes Lied von Frühling und Hoffnung singen. Aber den Menschen ist mit so einem schwankenden Zweig, daran, sie sich klammern konnten, nicht gedient. Sie sind krank und menschlich schwach. Draußen, außerhalb der Krankenhausmauern, mag es noch angehen. Dort leben viele, von denen man nicht weiß, wie sie eigentlich durchs Leben kommen. Den Gesunden genügt vielleicht ein Hoffnungsschimmer, der sich wie ein junges, grünes Blatt entfaltet; vielleicht ein Versprechen, an dem sie sich festhalten können, wie an einem schwankenden Zweig. Aber wenn die Menschen krank sind? Sie brauchen ein Bett, ein paar Decken; einen Nachttopf brauchen sie auch, und sogar diese sind selten geworden. Mancher Schiffbrüchige im Sturm des Hamburger Großstadtlebens klopft an das große Tor des Universitätskrankenhauses Eppendorf, und es wird ihm nicht aufgetan. Laßt euch hineintragen! Laßt euch auf Bahren hineinschleppen, auch wenn ihr gut und gerne noch hineinspazieren könntet! Dann habt ihr bessere Aussichten, vorausgesetzt, daß ein Bett frei ist und vorausgesetzt, daß für dieses freie Bett die Wäsche und die Decken vorhanden, sind. Krank zu werden ist heutzutage leicht, Patient zu werden schwer. Und manche, von denen, die dies geschafft haben, klammern sich fest an den Betten und wollen nicht heraus. Sie haben, solange sie nicht vollständig wieder auf dem Posten.sind, einfach Angst vor dem Leben da draußen. Hier drinnen hört man dann und wann doch wenigstens eine Amsel singen.

Im übrigen ist Eppendorf eine Hochburg der Wissenschaft. Hochburg – so heißt doch wohl der Ausdruck, wie? Man kennt das ja vom Film. Wie da die weißen Ärztekittel, von Jupiterlicht angestrahlt, leuchteten! Und dann die großartige Szene, wenn sie die junge Patientin, die zwischen Tod. und Leben schwebte – aber die geschlossenen, langbewimperten Augen waren immer noch verdammt süß anzusehen – wenn diese Patientin also in den Operationssaal gerollt wurde und wenn der bildschöne Chirurg oder der alte gütige Professor das elektrische Operationsmesser ansetzte, na, war das nichts? Die Kamera pflegte dabei immer ein Amphittheater studentischer Zuschauer abzuwandern. Und die chirurgischen Instrumente blitzten, und die musikalischen Instrumente aus dem Kinolautsprecher steuerten verhangene Cellomelodien und verhaltene, aufregende Paukenwirbel bei. Kurz, Hochburg der Wissenschaft!

Aber damit wir den Böden der Realität wieder richtig unter die Füße kriegen: die Gebäude mit den amphitheatralischen Sitzen sind nicht mehr, und die Studenten müssen halt sehen, wie sie etwas zu sehen bekommen. Und so kurios es klingt: in dem überfüllten Krankenhaus, das im Kriege viele Pavillons verloren hat, gibt es’-nicht Kranke genug. Denn weil die Durchschnittspatienten, die „Wald- und Wiesenfälle“, die Betten in Beschlag genommen haben, kann mancher wissenschaftlich interessante Fall, an dem die Studenten etwas lernen könnten, nicht aufgenommen und behandelt werden. Allerdings, vom Filmbild, wie man es von früher kennt, unterscheidet sich allerlei. So beispielsweise, daß die gütigen Professoren, die Koryphäen der Wissenschaft, recht verhungert, abgekämpft und am Ende der Nervenkraft aussehen, wozu der Zustand der Denazifizierung, aus dem viele der Namhaftesten vor Monaten erst zur Arbeit zurückkehren durften, nichtwenig beigetragen haben mag. Und während andererseits glaubwürdige Gerüchte melden, daß den praktischen Ärzten draußen in der Stadt, die ja viel engeren Kontakt mit ihren Patienten unterhalten, gelegentlich ein nahrhafter Fall zugute kommt, so ist es gewiß, daß die hohe Wissenschaft in dieser Hinsicht übler daran ist. Ein Viertelchen. Butter und Wissenschaft: das paßt so schlecht zusammen. Und so ein Professor hungert lieber, als daß er mal eine Andeutung macht. Die Oberärzte und Assistenzärzte hinwiederum – mein Gott, man braucht ja bloß ihre zerschlissenen weißen Kittel anzusehen! Es wäre kein Staat damit zumachen in einem rührenden Ärztefilm! Weil sie nicht einmal richtige Seife bekommen, haben die Doktoren ein reinigendes Gemisch von irgendeiner Essenz – was weiß ich – zusammengepanscht, und Seife ist doch das Wichtigste in einem Krankenhaus. Es fehlt auch an Handtüchern. Und das alles in einer Hochburg der Wissenschaft, wie der Ausdruck heißt! Immerhin, durch las geöffnete Fenster hört man das Lied der Amsel. Und schon deshalb ist es ein Glück, daß die Fenster jetzt im Frühling geöffnet werden können. Im Winter, als es monatelang; keine Heizung gab. und als die Röntgenstationen nicht arbeiten konnten, weil, die Patienten zu sehr zitterten und das „Bild verwackelten“, lagen die Kranken in den dumpfen, feuchten Zimmern, angetan mit ihren Straßenanzügen, die Baskenmütze oder das Soldatenschiffchen auf dem Kopf. Eine wahrhaft makabre Maskerade. Und wenn man das Wort „Hygiene“ fallen ließ, dann sahen die Schwestern, die dick vermummt herumliefen und rote, frostgeplatzte Hände hatten, einen mit Blicken an, die zugleich Vorwurf und Klage waren. O ja, sie wußten wohl. Was nottat: sie wollten durchaus, tun, was notwendig war. Aber wie?

Auch heute steht nicht genug Leibwäsche für die Kranken zur Verfügung; das ist schlimm. Doch was schlimmer ist: In dem Pavillon, wo die Schwindsüchtigen liegen und morgens im Schweiß erwachen, erscheinen die Angehörigen, holen die Wäsche ab, um sie daheim auszukochen und zu reinigen, womöglich im selben Raum, wo drei, vier Menschen wohnen, womöglich im selben Zuber, in dem nachher die Kinder gewaschen werden. Da braucht es – keine medizinische Kenntnis, sondern primitive Phantasie, genügt, sich das Schreckliche auszumalen, das daraus, entstehen muß. Man hat also die Tuberkulösen von Hause weggeschafft, aber aus dem Krankenhaus bezieht man die Tuberkeln. Die Krankenschwestern wissen dies ganz genau. Was aber vermögen sie zu tun? Mit solchen Fragen kann man sie dazu bringen, die Hände zu ringen. Aber sie können wirklich nichts tun. Es ist ganz einfach die Armut, unserer aller Armut, die die Kranken am ehesten und am tiefsten spüren.

Und doch! Es ist nicht so, daß etwa Mutlosigkeit oder Resignation in Eppendorf herrschten. Die Patienten freilich wissen: vielleicht ohnehin nicht genau, wie schlimm es um ihr berühmtes Krankenhaus bestellt ist, dessen Heilkunst sie vertrauen; Patienten pflegen ja allenthalben nicht einmal über ihren eigenen Zustand genau Bescheid zu wissen. Aber die Ärzte! Ein Internist erklärt, daß es nicht gelang, bisher auch nur einen einzigen durch Bomben beschädigten Pavillon wieder instand zu setzen und daß in der orthopädischen Klinik und zum Teil auch in der chirurgischen Abteilung die Patienten. noch in den Kellern untergebracht seien, als hätte der Krieg noch keinen Tag aufgehört. Er sagt, hier hätte längst Abhilfe geschaffen werden müssen. Schuld der Verwaltung? Man weiß es nicht. Es sei fast unüberwindlich schwer, das alles: so sagt der Arzt. Er sagt, daß medizinische Instrumente fehlen, aber mehr noch die Ersatzteile dafür. Es fehlen Arzneien, und die Ernährungslage – zu deutsch: die Hungersnot – verhindert es, daß eine vernunftgemäße Krankenkost zubereitet wird. In der Kinderklinik werden schon die Babies mit Steckrüben gefüttert. Oft treten auch Arznei- und – Diätsorgen gekoppelt auf. Weil zum Beispiel das Insulin nicht ausreichend vorhanden ist, scheiden die zuckerkranken Patienten oft täglich bis zu tausend Kalorien Nährwerte ungenutzt im Urin aus. Wozu – so fragen sie selber – sind wir dann überhaupt gefüttert worden? Weil die nötigen Chemikalien fehlen,“ ist es selbst in verzweifelten, Fällen nicht mehr möglich, den chemischen Nachweis bei verborgenen Blutungen zu treffen. Viele derartige Hilfsmittel, Diagnosen zu stellen, hat man nicht mehr. Daher wird für wichtige Unter-, Sirchingen heute auf Restbestände gewisser Chemikalien zurückgegriffen, die längst außer Gebrauch gekommen waren. Hippokrates wandert den weiten Weg zurück, den er gekommen. Er kann in Eppendorf ja auch, den großen, den einmaligen Röntgenapparat nicht mehr benutzen, über den nicht viele Krankenhäuser je verfügten, den Apparat, der nicht nur den kranken Körper durchleuchtete, sondern zugleich auch sichtbar machte, in welcher Tiefe, welcher Schicht die kranke Stelle saß. Eine Röhre ging entzwei und konnte bis heute nicht ersetzt werfen. Eppendorf, eine Stätte, der es einst zukam die Heilkunst wieder und wieder ein Stück vorwärtszubringen, diese Hochburg der Wissenschafganz primitiv! Und dennoch! Mutlos sind die Ärzte nicht, Wie soll man sich dies erklären?

Es ist eine Atmosphäre, die man auch anderswo antreffen kann. Zuerst, als es bergab ging, tauchte die Angst auf und wurde größer und die Arme waren wie gelähmt. – Was und wo sollten die Ärzte, da sie wie fasziniert in all das Elend starrten, dem sie mit den vorhandenen Mitteln gar nicht mehr gewachsen waren, was und wo sollten sie beginnen? Keine Betten, wenig Nahrung, keine Medizin, kein vollständiges Instrumentarium. Nichts, nichts, nichts! Was nicht allein vom Verstand, sondern auch vom Herzen aus schwer begriffen werden konnte, war dies: daß es mitten im Wissenschaftlich kultivierten Europa plötzlich ein Land geben sollte, wo aller Fortschritt moderner Hilfsmittel auf einmal nicht mehr gültig sei. Dies gab einen Schock. Darauf tiefes Atemholen. Und darauf. schließlich die Erkenntnis, daß in einer ähnliches! Lage einst jene Ärzte aller europäischen Länder waren, die in die Wüste, nach Afrika, nach Asiens zogen, die wenig Hilfsmittel und verteufelte Schwierigkeiten hatten und die man – dem militärischen Ausdruck zum Trotz – ehrfurchtsvoll Pioniere nannte. Und dankbar sprachen die Eingeborenen von den primitiven Krankenhäusern die errichtet wurden, als vom „Haus der heilenden: Hände“. Nur hätte man nicht gedacht, daß solch eine Wüste noch einmal Deutschland heißen könnte...