Von Wilhelm Lehmann

Der Ruf nach dem Unmittelbaren ist modern.„Die historischen Gegenstände griffen für die Alten viel zu sehr in das wirkliche Leben ein; sie waren ihnen zu interessant, als daß sie künstlerisch hätten sein können. Nichts, was an sich Idee ist, konnte ihnen als unmittelbar wirklich erscheinen. Den Staat selbst mußten sie im Licht der Heroenwelt betrachten, um ihn ehrwürdig zu finden. Etwas unmittelbar Gegenwärtiges als heilig zu achten, waren sie nicht fähig. Deshalb wurden die historischen Vorstellungen seit der Tragödie des Phrynichos ‚Die Einnahme von Milet‘ verboten.“ (K. W. F. Solger.)

Wer käme auf den Einfall, ein Veilchen in Stein auszubauen? Aber das Veilchen wurde zertrümmert von dem Sinn, dem es als Bild hat dienen müssen. Hochmütig und – demütig zugleich hat sich der frühere Mensch die Herrschaft über alle anderen Wesen angemaßt, indem er sie als Verkörperungen eines über sich und ihnen schwebenden Allgemeinen auffaßte. Die Scholastiker waren überzeugt von der Realität eines göttlichen Denkens. Sie schoben den Abstraktionen den Wert der Anschauungen unter. Ein Reich solcher Gedankenbilder entstand in der Voraussetzung, daß man durch, den Fortschritt der Abstraktion zur Einheit und Notwendigkeit allgemeiner Formen sich dem Wesen der Dinge und ihrer Substanz nähere. Sie lasen so die Tiere als magische Chiffren: ab- und jenseits seiner List interessierte sie der Fuchs nicht. Das Leben der Geschöpfe wurde ihnen eindimensional: wie das Veilchen die, Bescheidenheit, war der Pfau der Stolz und die Taube die Liebe. Einfach und mystisch zugleich deutete sich das Leben. Als der Schwung so mächtiger Stilisierung auszitterte, bewegte sich das Tier nur noch als Anekdote, als Karikatur, als verkleideter Mensch in der Fabel, als seine Verniedlichung bei Löns und anderen Schriftstellern: dem Tier war bestenfalls noch erlaubt, dem Menschen als Folie zu dienen. Zum Sehen geboren sind nur Lynkeus und der Künstler: das gewöhnliche Kind zeichnet nicht, was es sieht, sondern was es weiß oder durch Hörensagen zu wissen meint.

Je abstrakter, desto näher sei menschliches dem göttlichen Denken, glaubte eine frühere Zeit, desto verständnisvoller läsen wir im „Buch der Welt“. Es bedurfte langer Mühen, es bedurfte des goetheschen Auges, um allein in ihrer reinen Tatsächlichkeit das Wesen der Geschöpfe ausgedrückt zu finden. Im Zusammen der individuellen Gestalt entdecken wir heute das Wesen: es ist uns nicht mehr eine Abbreviatur von etwas anderem. Goethe selbst bemerkte, wir vergäßen leicht, wie anthropomorph wir beim Anschauen der Dinge verfahren. Aber wir wissen, daß das Geheimnis der Tiere, der Wesen das Geheimnis unserer selbst ist.

Vermögen wir, des Unmittelbaren unmittelbar inne zu werden? Immer wieder überlagern wir das Erlebte mit Deutungen. „In Griechenland wie überhaupt in der Jugend der Philosophie lag die Schwierigkeit im Gewinnen der Abstraktion, im Verlassen der Existenz..., jetzt ist es umgekehrt schwierig, die Existenz zu erreichen“, sagt Kierkegaard. Der Existenzialismus ist nur eine andere Form der rousseauschen Bewegung. Um die Entzweiung von Geist und Leben bewegte sich der die christliche Philosophie durch Jahrhunderte erfüllende Streit zwischen Realisten und Nominalisten. „Alles ist, was einmal war.“ Dieser Kampf füllt sich uns wieder mit Bedeutung, denn. auch Heutiges begreift sich unter seiner Signatur.

Wie die Alten die Natur von vornherein auf eine ganz bestimmte mythische Grundstimmung brachten, so wußten sie weibliche Schönheit nur an der Aphrodite, eine trauernde Mutter nur als Niobe wie die christlichen Künstler eine solche als Maria und eine schöne Büßerin nur als Magdalena darzustellen, und noch Hagedorn besang die Hamburger Schönen als Phyllis und Phryne. Goethe, der im Bereich der Dichtung die Fesseln der Renaissance abgestreift und dem Individuum zur Freiheit verhelfen hatte, hing in der Malerei noch dem Traum einer idealen Landschaft nach. Nicht ehe wir ein System von Zeichen erfinden, in welche wir die Wirklichkeit zuvor übersetzen, wird diese uns verständlich. Sprechen schon heißt Umformen. Der Sprachdespotismus hat oft alles Selbstdenken gelähmt. Der Expressionismus versuchte, die Sprache zu zertrümmern, der Surrealismus will das Fließen der Träume der stilisierenden Kontrolle entziehen. Doch unter Fausts heftigem Zugriff schwindet Helenains Nichts. Mit dem bloßen Einatmen können wir uns wohl der Atmosphäre verschwistern, aber schon das Hinstarren auf einen Farbfleck bedeutet Verarbeitung des rein sinnlichen Eindrucks mit Hilfe von Kategorien des Verstandes: die Anschaulichkeit bedarf der Unanschaulichkeit. Und vollends, um einem Gefühl Dauer ins Wort zu verleihen, sind andere Mittel als solche des Fühlens nötig. Mit der Förderung des immer neu zu erobernden Unmittelbaren, des Natürlichen, mag es im hastigen Leben der Zivilisationsmenschen seine Richtigkeit haben, geht es doch immer wieder verloren: sogar Metalle ermüden, wie sollten es nicht Worte, wie sollten es nicht Gefühle? Aber der Forderung zu genügen bedarf es eines höchst ausgewogenen Gleichgewichts aller menschlichen Kräfte. Es dichtet sich stets erst zusammen, was wii Natur zu nennen übereinkommen. Jedes Jahrhundert hat seinen Wald, sein Meer, seinen Himmel, seine – Natur.

Wir sind sehr empfindlich gegen Deklamationen und Rethorik im lyrischen Gedicht geworden. Wir rufen nicht, bis, wie Schiller es ausdrückte, das-Zeichen im Bezeichneten untergeht. Durch Beschwörung verhelfen wir den Dingen zu ihrer eigenen Natur. Ein Farbfleck bleibt ohne geistige Verarbeitung und ohne Zusammenhang mit seiner Umgebung eine Sinnlosigkeit, überhaupt unaufnebmbar (wie umgekehrt im Verstandenen, wenn es fruchtbar bleiben soll, ein Unverstandenes stehenbleiben muß). Es gibt Gedichte, die in ihrem Streben nach Strenge opak bleiben. – Vor der Dunkelheit retten sie Erhellungen durch. Konjunktionen, die den Stoff räumlich, zeitlich; logisch gliedern. Worte wie „doch“, „denn“, „weil“, „aber“ haben in der bloßen Natur keine Stelle. wo alles auf einmal da ist.