Frankreich muß westlich orientiert bleiben, getreu seiner Auffassung vom Wesen des Menschen, des Gesetzes und der Beziehung unter den Völkern.“ – „Wir hoffen, daß Amerika und Rußland nicht zu Feinden werden, aber ein Gegensatz ergibt sich von selbst.“ – „Wir müssen Europa neu aufbauen, damit neben den beiden Weltmächten, der Sowjetunion und den USA, ein ausgleichendes Element vorhanden ist.“ – „Es ist leider klar, daß die Festigkeit, Fähigkeit und Autorität der Staatsgewalt in Frankreich nicht genügen, um der Schwierigkeiten Herr zu werden.“ – „Frankreich wurde durch die Verfassung und die Parteien in eine Sackgasse geu. –

Diese Sätze aus der Straßburger Rede von de Gaulle am 7. April geben ein klares Bild vom politischen Wollen des Führers der Widerstandsbewegung. Innenpolitisch wendet sich de Gaulle gegen die Kräfte, die, wie er sagt, die Dritte Republik zu einem Tummelplatz zwar geistreicher, aber politisch unfähiger Advokaten, Lehrer, Schriftsteller ja zu einem Objekt eitler und dekadenter Literaten machten. De Gaulle hatte darauf hingearbeitet, eine Rückkehr zu diesen Methoden durch Stärkung der Macht der Exekutive zu verhindern, aber beim Kampf um die neue Verfassung setzte er sich nicht durch. Alle Macht wurde in die Hände der Kammer gelegt. Revision dieser Verfassung und Kampf gegen die Parteien ist somit das innenpolitische. Ziel von de Gaulle. Orientierung nach dem Westen, Anlehnung an die Vereinigten Staaten und Distanzierung gegenüber Moskau ist die, ebenso deutlich herausgearbeitete außenpolitische Linie. „Wenn jemals eine neue Tyrannei drohen sollte, werden die Vereinigten Staaten und Frankreich sich ihr gemeinsam widersetzen“, so führte de Gaulle in Straßburg aus.

Dieser Vorstoß erfolgte zu einer Zeit, als die Regierung (so kürzlich Ramadier in Decazeville) Alarmrufe für angebracht hielt, da Frankreich in Gefahr sei. Frankreichs Staatsausgaben haben die Millionengrenze überschritten, ein Defizit von mehr als 6 Milliarden Francs ist zu decken, – die Ankurbelung durch eine Preissenkung ist gescheitert, Frankreich, das vor 1914 der ganzen Welt Anleihen gab; mußte nach diesem Kriege, bisher 2,5 Milliarden Dollar im Ausland le leihen und sucht um eine neue 500-Millionen Dollar-Anleihe bei der .Weltbank nach; die Streiks im Zeitungsge-werbes und bei den Verkehrsmitteln sowie der symbolische Streik der Staatsbeamten waren das Ende des sozialpolitischen Waffenstillstandes. Eine neue Kraftprobe kündigte sich seit Wochen an.

Wird der Vorstoß von de Gaulle eine Erleichterung bringen? Zunächst hat er die Gegensätze empfindlich verstärkt. Die Gegner haben die für den Mann des Volkes viel besagende Gegenparole ausgegeben: Schützt die Republik gegen den persönlichen Ehrgeiz eines Boulanger, gegen die Gefahr eines bonapartistischen Staatsstreiches! Laßt euch nicht von einem Beauftragten der „200 Familien“, der „mir d’argent“, des Comité des Forces täuschen!

De Gaulle, der zunächst die Absicht hatte, eine überparteiliche Organisation „Rassemblement. du Peuple Francais“ ins Leben zu rufen, um auf diese, Weise den Parteienstreit zu überwinden und gleichzeitig seinen Einfluß in allen Fraktionen geltend zu machen, hat sich inzwischen entschlossen, nun doch eine Partei gleichen Namens zu gründen und selber deren Leitung zu übernehmen.

Ziel der Partei wird es sein, auf eine Reform der Verfassung hinzuwirken, die der Exekutive eine größere Unabhängigkeit gegenüber dem Parlament sichert. Ferner soll eine aktive fortschrittliche Politik in der französischen Union unter Betonung der Metropole als Zentrale für alle Angelegenheiten der nationalen Verteidigung im Mittelpunkt stehen. In der Außenpolitik sieht das Programm eine enge Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien vor. Ob die neue Partei eine Einigung der Franzosen, herbeiführen wird, ist zweifelhaft, es ist leicht möglich, daß sie die bestehenden Gegensätze noch verschärft.