Erzählung aus der großen Überschwemmung

Von Martin Stiebing

Augen hatte der Bursche, als ob einer aus einem gläsernen Sarg rausstarrte. Frieren – konnte man, wenn man es sah. Übrigens zitterten alle vor Nässe. Die Frauen bewachten mißtrauisch ihre lumpigen Bündel und drängten sich um die flammenden Scheite; die durchnäßten Röcke dampften. Der Wind riß in heftigen Stößen die Funken vom Feuer, er wirbelte den beißenden, gelbschwarzen Rauch in die tränenden Augen. Weiß Gott, dem kalten, von den breitgurgelnden Wassern mit Eisgeruch beladenen Wind und dem stickigen Rauch gelang es, diesen bösartig Schweigenden Frauen Tränen abzupressen.

Dieser junge Bursche, er konnte doch nur Um die Zwanzig herum sein, hatte also eisigkalte, trockene Augen; sie starrten wie leblos über die blasige Flut. „Was soll schon los sein in einem so elenden Kaff?“ sagte er verächtlich. Noch verächtlicher bildete, er den Mann an, den Mann mit dem zerfledderten schwarzen Notizbuch und dem abgeknabberten Stummel von Bleistift, und wollte nichts sagen. Nichts war ihm der Rede wert, „Schmieren Sie irgend etwas für Ihre Zeitung! Fahren Sie. flußabwärts, da ersaufen sie wie die Ratten!“ Sagte er. Die Frauen hielten die blauen, geschwollenen Hände an die gelben Flammen. Es schien, als belauschten sie unhörbare Gespräche über den gurgelnden Wassern.

„Na“, sagte der Mann mit dem Notizbuch, -blinzelte wie ein Diebsgenosse und zog ein Päckchen Zigaretten hervor: „Das hat schon manchen zum Singen gebracht!“

„Ihr Schaden! Was gibt’s denn wohl über so ein lausiges Nest zu erzählen? Nichts als Krähen, immer nur Krähen. Sie fliegen in Scharen über den Fluß ein. Man wird langsam verrückt von ihrem Schreien. Die verfluchten Ratten schleichen sich auch von drüben rein. Wie sie’s fertigbringen, über den Fluß weg, weiß der Teufel. Na ja, in den zwei Jahren haben sie wohl drüben alle Leichen weggefressen. Aber Ratten wollen partout bei den Menschen leben; Drüben, in dem toten Land, sehen Sie keine Seele, mehr, höchstens mal eine Patrouille am Fluß. Dann schießt es. Komisch, da drüben gibt es Leute, für die es sich bei den verfluchten Deutschen immer noch besser lebt. Das ist ihnen sogar eine Kugel wert. Und immer mehr Eulen sind gekommen, richtig vollgefressene Biester. Krähen, Eulen, Ratten, Mäuse, Füchse – im Winter auch noch Wölfe. Alles geht über uns weg. Aber dafür sind die Wildenten ausgeblieben. Und die wilden Gänse. Aber mächtige Hechte gibt es im Fluß. Nur wer nachts angeln geht, verschwindet manchmal und kommt nicht wieder. Was gibt es sonst? Schuften muß man wie ein Vieh, und dann geht alles vom Hof weg. Wohin? Die Städter jedenfalls kommen tagaus, tagein betteln, ja, betteln, und doch quillt ihnen das Geld aus der Tasche. Wenn sie kommen, hört man schon von weitem ihre Knochen klappern. Ah, ich war in Frankreich, in Italien, am Schwarzen Meer. Was soll mir so ein elendes Dorf? Da hinten, ganz am Fluß, dort, Wo der erste Dammbruch ist, da ragt eine blaue Spitze raus. Das war der Kirchturm. Ringsherum, unter dem Wasser, da liegt das Dorf. Gott sei Dank, daß es endlich ersoffen ist. Endlich hab ich meine Ruh. Da war doch niemals was los. Ich will woanders hin. –

Vater schickte mich aufs Gymnasium. Ich war der Jüngste. Die andern? Die drei verfaulen jetzt in aller Welt. Ich kam nur in den Ferien noch nach Haus. Ach ja, ich weiß noch, wie die Maria konfirmiert wurde. Sie wohnte in dem alten, schiefen Haus gleich beim Kantor. Narzissen und Hyazinthen standen im Fenster, das ganze Brett voll, wie immer, wenn einer im Dorf eingesegnet wurde. Eingesegnet – na, uns hat alle der Teufel eingesegnet. Maria bekam von ihrer Großmutter eine goldene Uhr an einer ganz feinen goldenen Kette. Ich hab sie oft genug bewundern müssen. Als ob es was ganz Besonderes wäre! Na ja, in so einem Kaff! Die Großmutter hatte ihr so richtig salbungsvoll gesagt: ,Trag sie in Ehren, Maria. Wenn du drauf schaust, denk immer an mich. Jeden Tag, jede Stunde. Ich werde dann immer bei dir sein. Im Leben und im Tode.‘ Damals hatten eben die alten Leute noch solche Sprüche.