Von Hanns Braun

München hatte zwei Wochen lang eine Sensation: die Ausstellung moderner französischer Malerei im Haus der Kunst. Die rituellen Ehren, die bislang nur dem Fisch, dem Grünzeug, dem Sauerkraut in Anerkennung ihrer Lebensnotwendigkeit galten, sie sind nun auch dem gemalten Grünzeug, gemaltem Fleisch, kurzum der Kunst zuteil geworden: es wurde ihretwegen schlangegestanden. Nur schubweise wurden morgens nach zehn Uhr, wenn die Türen sich für die Allgemeinheit öffneten, die Kunstgierigen eingelassen. Und nicht anders, als hätte jemand aus dem ersten Schub nach hinten gerufen: ‚Urrillo nur noch wenige Stücke!’ und ‚Cezanne bereits ausverkauft!‘, so drängten und quetschten sich die Nachfolgenden nach dem geheimnisvollen Magnetismus dieser Zeit, der das Menschliche nur noch in Klumpen zu dulden scheint. Wenigstens von Haß geladen waren unsere Kunstquetscher nicht. Als vorn an der Tür eine Scheibe ‚zerklirrte, war’s das Signal – nicht daß weniger gequetscht wurde, aber doch für die heitere Erkenntnis der Verrücktheit solchen Tuns. Zwischen den Impressionisten drinnen und den Hinpressionisten draußen wurden sympathetische Witzfäden gesponnen, und die Frage, warum die Kassa sich nicht einen menschenfreundlicheren Modus ausgedacht hatte, wurde mit jener humoristischen Nachsicht erörtert, die fast erschreckend dartut, wie der Bürokratismus allgemein als hoffnungslose Gegebenheit dieses dummen Jahrhunderts angesehen und hingenommen wird.

Dann war man endlich drin. Vier mittlere und ein großer Saal waren mit Bildern und davor mit so viel Menschen gefüllt, daß der Beschauer sich wie bei dem Spiel "Schneider, leih mir du dein Scher!" flugs vor den Vornstehenden schieben mußte, wollte er des Bildes ansichtig werden – worauf schon der Nächste sich vorschob. An rechten Abstand, ruhig-genießendes Schauen, gar von den lieben, Sitzbänken aus, war kaum je zu denken; dennoch war der Eindruck gewaltig, Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß mitsamt den aus ganz Süddeutschland Herzugereisten auch viele Münchner gewisse berühmte Stücke dieser Ausstellung wohl zum erstenmal sahen, obwohl sie, wie die "Sonnenblumen" Van Goghs oder der bereits klassisch anmutende "Bahndurchstich" Cezannes oder Monets "Seinebrücke" schon immer in München gewesen waren und in der Staatsgalerie die Kenner erfreut hatten – zu denen freilich die Offiziellen des Dritten Reichs durchaus nicht hatten gehören wollen. Und es sagt eigentlich alles, daß dieser Münchner Staatsbesitz auch jetzt die Galastücke der Ausstellung – im großen Saal – zu liefern vermocht hat, so erfreulich auch die aus Frankreich selbst gesandten Werke zum Bereichern und Vervollständigen beitrugen.

Viel Grund zur Aufregung des Denkens bot der sichtbare Zweischlag der Schau. Sie zerfiel in impressionistische und in surrealistische Bilder, wobei die ersteren heute als die "klassischen" erschienen, während die letzteren auch den Widerwilligen mahnten, in der Kunst nicht nur Sinnengenuß zu suchen, sondern die Beschwörung, die Prophetie zu ahnen, zum Beispiel die Prophetie der Zertrümmerung und der Entmenschung. Während man also einer Landschaft von Derain oder der Barke Manets gegenüber das Gefühl glücklichen Einverständnisses hat (das ein Besucher in die Worte faßte: diese Franzosen malten, so wie sie äßen lud tränken, – mit der Selbstverständlichkeit des natürlichen Verrichtens!), wird man dem zwielichtigen (nicht ganz glücklich vertretenen) Picasso und seinen Nachfolgern gegenüber ins Grübeln, Schaudern oder auch in die Ablehnung getrieben. Wer es dann freilich so machte wie Tante Bina, die mit erhobener Nase versicherte; da hätte sie gar nicht erst hingeguckt, dem entging ein bezaubernder und dinglich klarer Rousseau inmitten von "Zeichen an der Wand", die des Deuters schon – bemerklicher bedurften.

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Einen von Ihnen sah ich in bebrilltem Tete-atete mit einer solchen färblich-kubischen Hieroglyphe; ob schöpferisch wonnevoll oder beklommen, war nicht zu entscheiden; doch wurde seine Intimität von keinem Dazwischentreten, gestört. Welch herrlicher Beruf, blitzte es einem durch den Sinn, welch herrlicher Beruf, dessen Deutungen hingenommen werden müssen, weil sie sich jeder Nachprüfung entziehen! Aber zu mehr als gelindem Spott reichte es dann doch nicht. Denn es ist ja nur allzu gewiß, daß das Rote-Mohn-Stilleben drüben von gewiß, Redon, das uns jetzt als höchst geglückte Entmaterialisation, aber nicht als Entsinnglückte. anmutet, mit vielen anderen der jetzt klassisch, das heißt selbstverständlich gewordenen Impressionisten im Saale, von einer früheren Generation als unzulässige Abstraktion abgelehnt worden ist. So mögen unter den Charaden und Chimären der Surrealisten sich auch solche befinden, die einst ihre Zuständigkeit werden erwiesen haben, – was uns des Ratens und Fragens nach der Echtheit freilich nicht im mindesten überhebt.

Die Ausstellung, die so viel schneller aufgelöst wurde als den Münchnern lieb wär, machte, neben der Kunst her, noch zweierlei auffallend. Einmal die große Selbstsicherheit des französischen Geistes, der sich Talente aus spanischem, italienischem, slawischem, auch deutschem Geblüt völlig "anzuverwandeln" vermocht hat. "Franzose ist, wer Franzose sein will!" – dieser ebenso stolz-vertrauende wie einladende Satz, der nun auch in der Politik zu biologischen Einverleibungen rät, er hat im Bereich der Kunst bereits seine Probe bestanden. Und – das andere: Wie selbstverständlich doch nahmen die deutschen Besucher diese "fremde" Schau als einen verpflichtenden europäischen Gemeinbesitz! Wie froh schienen sie um das aufgestoßene Fenster zur Welt! Ist es nicht seltsam, daß die Regierungen, die doch von den "Leuten" gewählte Regierungen sind, immer so ganz anders, so gar nicht kunst-gerecht und leut-seligmachend verfahren, der Brücken ungeachtet, die längst geschlagen sind?