Von Per Fischer

Wir setzen hiermit unsere Serie über die historische Entwicklung und aktuelle Bedeutungder politischen Kräfte in China fort. Der erste Aufsatz erschien unter dem Titel „Sun Yatsen und die Erben“ in Nummer. 13 der „Zeit“. Weitere Beiträge folgen.

Die Frage, warum China heute inzwei feindliche Lager zerfällt, deren Kampf dem Riesenreich den Frieden verwehrt, muß aus der Lehre Sun Yatsens beantwortet werden. Kein Zweifel, der „Vater der chinesischen Republik“, wie Sun Yatsen Voll Ehrfurcht genannt wird, wollte nur das Beste für seinLand. Mit seiner Lehre von den drei Volksprinzipien: „Demokratie“, „Sozialismus“ und „Nationalismus“ gedachte er ein lückenloses Fundament für den Aufstieg – Chinas zu einem einigen, modernen Staatzu legen?

Die praktische Verwirklichung dieser Lehre scheiterte jedoch an zwei Faktoren, derenAuswirkungen – von Sun Yatsen nicht in voller Klarheit erkannt. – sich erst im Laufe der Jahres, ergaben. Sun Yatsenübertrug der von ihm gegründeten Partei – der Kuomintang – das Recht, das chinesische Volk während der Zeit der Erweckung und Erziehung als Staatspartei zu führen. Aus diesem Recht erwuchs den, Kuomintang-Politikern aber gleichzeitig die Verpflichtung, nach Ablauf einer gewissen Frist: andere Parteien, deren Gründung allerdings erst zu diesem späteren Zeitpunkt erfolgen sollte, zu der Regierung heranzuziehen.

Diese Verpflichtung ist bisher jedoch nicht erfüllt worden. Das zeitlich begrenzte Recht auf Alleinherrschaft entwickelte sich vielmehr zu einem Anspruch auf unbegrenzte Macht, auf die zu: verzichten die Kuomintang sich heute sträubt.

Sun Yatsen beabsichtigte, durch die Berufung der Kuomintang zur Staatspartei eine Stabilität der Regierung während der Übergangsperiode, zu erreichen. Durch die von ihm ausgehende Stärkung des kommunistischen Einflusses legte er aber gleichzeitig den Grundstein für den-späteren Konflikt. In dem Versäumnis, einen klaren Trennungsstrich zwischen der Kuomintang und den Kommunisten zu ziehen, liegt daher der zweite Faktor, an dem die Verwirklichung der Sun Yatsensdien Lehre scheitern mußte. Irrigerweise hatte er gehofft, der Kommunismus ließe sich durch die von ihm aufgestellten drei Volksprinzipien mit der Kuomintang zu einer einheitlichen revolutionären Bewegung verschmelzen. Die Entwicklung bewies jedoch das Gegenteil.

Sun Yatsens Berufung von sowjetrussischen Beratern und seine offenkundige Sympathie für die verwandte bolschewistische Revolution führte zunächst zueinem Abgleiten der Kuomintang in radikal-kommunistische Gedankengänge. Der Gegenschlag, geführt von dem jungen General Tschiangkaischek, trennte endgültig die Anhänger der nationalen Kuomintang von – den Kommunisten.