Fünfzehn russische Frauen haben Richtung, Fühlung, Vordermann so weit vergessen, daß sie englische Männer geheiratet haben. Das ist nicht ratsam in einem Lande, wo das einzelne Ich stets gewärtig sein muß, durch ein Stirnrunzeln der allmächtigen Obrigkeit oder Schlimmeres in Reih und Glied zurückgescheucht zu werden. Seit Jahr und Tag warten die nach England vorausgereisten Männer auf ihre Frauen, warten die in Rußland verbliebenen Frauen auf die Erlaubnis zur Ausreise und Fortführung ihrer Ehe. Es hat über diesen Familienkummer bereits unfreundliche Wortwechsel zwischen den beiden Ländern gegeben. Während ganze Bräuteschiffe den Ozean überqueren und die amerikanisch-europäischen Heiraten bereits als ein Beitrag zur Völkerversöhnung gewertet werden müssen, wird im Osten ein neuer eiserner Vorhang niedergelassen.

Der Oberste Sowjet hat unlängst kurz und bündig durch ein Gesetz zum Ausdruck gebracht, was er von „überstaatlichen“ Verbindungen hält: die Ehe zwischen Sowjetbürgern, und Ausländern ist verboten worden. Wieweit, der Zahl nach-, durch dieses Gesetz individuellen Hoffnungen der Garaus gemacht wird, möge dahingestellt sein; grundsätzlich wird hiermit jedoch. seitens des vetogeneigten Rußlands ein Einspruch erhoben, derschwerwiegender, ist als manches Veto in Fragen der Tagespolitik – ein Veto gegen den Satz, daß Menschentum mehr sei als Staatsbürgerschaft.

Hier soll weder einer bedenkenlosen Assimilation das Wort geredet, noch sollen die Fragen bagatellisiert werden, die sich ergeben, wenn zwei Menschen verschiedenen Volkstums sich zur Ehe entschließen: Aber ist nicht jeder solche Fall eine lebendige Bekundunng dafür, daß zwischen Völkern zwar hohe Schranken bestehen mögen, niemals aber Abgründe? Wenn die Ehe. mit ihrem feierlichen Jasagen des einen Menschen zum anderen über die Staats- und Volksgrenzen hinübergreift, so ist. sie noch deutlicher als sonst, ein Bekenntnis zum Wert der Persönlichkeit und zu jener Zweisamkeit, die vor aller Staatlichkeit steht und schon manches Staatssystem überdauert hat.

Welche Gründe können den Obersten Sowjet zu seinem Gesetz bewogen haben? Vermutlich wollte man dem Verlust Von Bürgern, ihrer Arbeitskraft. und ihrer potentiellen Nachkommenschaft vorbeugen. Möglicherweise befürchtete, man auch, daß unerwünschte Gedanken und Kräfte über das Schlafzimmer ins ganze Haus dringen könnten. Beide .Gesichtspunkte vertragen sich schlecht mit den allgemeinen Menschenrechten, um deren Wiederherstellung und feste Begründung die Menschheit seit dem 1. September 1939 so leidenschaftlich kämpft.

Aber vielleicht irren „wir uns? Vielleicht handelt es sich in Wirklichkeit nur um eine sublime Form der Menschengewinnung, an der doch heute jedem Staat gelegen ist. In Erinnerung an den schlauen Laban, der aus Jakobs Liebe zu Rahellangjährigen Nutzen zog, wäre das Gesetz dann so auszulegen: Werde Sowjetbürger, und du kannst heiraten bei uns, wen du willst! Lz.