So hat sich,-den Nachrichten zufolge, Mathilde, die reisige Witwe Ludendorffs, denn entschlossen, ihre Glaubensarmee wieder aufzustellen. Hauptquartier ist Weilheim in Oberbayern, sozusagen das Nifelheim für diejenigen, die Gott auf germanische Weise erkennen wollen. Es hat sich also nichts geändert, es sei denn erstens, daß der alte „Bund für deutsche Gotterkenntnis“ sein betont deutsches Etikett verloren hat und in seiner neuen Form einfach „Bund für Gotterkenntnis“ heißt, es sei denn zweitens, daß Mathilde, solange ihr Spruchkammerverfahren. läuft, den Feldherrnstab über die Gotterkennenden einem Adjutanten, nämlich dem Herrn von Bebenberg, anvertrauen muß. Welch Vergnügen aber muß es sein, unter der weltanschaulichen Fuchtel dieser Frau zu stehen, denn, wie wir hören, ist nicht nur Herr von Bebenberg, sondern schätzungsweise eine Garde, von mindestens 50 000 anderen aufrechten deutschen Mannen und Frauen entschlossen, von den Brosamen zu leben, die von dem überreich gedeckten Geistestisch Mathildens abfallen! –

Schon Ludendorff, der Feldherr, hätte, wie Eingeweihte ausgeplaudert haben, ein Lied von Mathildens Talenten singen können, wenn ihm Wotan die Gabe des Gesanges nicht vorenthalten hätte. Es scheint nämlich, daß Mathilde ihrem Feldherrn keineswegs so ein sanftes Täubchen war, wie beispielsweise Eva Braun dem ihrigen. Was aber die beiden „größten Feldherrn aller Zeiten“ betrifft – so dürfte es ebenso schadenbringend und gefährlich sein, der Lehre des einen wie des anderen anzuhängen, obwohl es feststeht, daß sie, wenngleich sie einst auch selbander zur Feldherrnhalle marschierten, nachher nicht sonderlich viel voneinander hielten. Wie jedennoch gemeinhin kein Feldherr dem anderen ein Auge aushackt, so haben die beiden nachmals unter mehr oder minderen; Grollen einander. persönlich die Ruhe gelassen. Sie stritten sich insgeheim, wer größer war. Immerhin, während Hitler uns die bekannten Trümmer hinterließ, den Hunger, das Elend, die Heimatlosigkeit, hatte Ludendorff in seinem Kriege es. fertiggebracht, die deutsche Niederlage dann zuzugeben, als es noch nicht ganz und gar zu spät war. Zumindest einmal also ist er angesichts seiner Ratgeber nicht feldherrnmäßig verbohrt gewesen. Später beriet ihn dann allerdings Mathilde ...

– Eine neue Isolde, reichte sie ihm den Trunk aus dem „Urquell deutscher Kraft“, den Vergessenstrunk aller Niederlagen, und stiernackig, wie er war, ging er gehorsam los gegen die „überstaatlichen Mächte“, gegen „All-Rom“ und „All-Juda“, gegen das Freimaurertum und gegen Goethe, der es doch wirklich fertiggebracht hatte – wie noch in einem 1936 mit Förderung der Reichsregierung erschienenen Buch Mathildes zu lesen war – Schiller umbringen zu lassen. Und Gott sei’s geklagt, daß es Dummköpfe genug in Deutschland, gab, die ihm und ihr glaubten und sich ehrfürchtig die Nasen an den Fenstern der Ludendorff-Buchhandlung plattdrückten, in denen man das große Bild des Feldherrn lorbeerbekränzt erblickte, zum Dank dafür, daß er so viele Niederlagen erlitten und – dennoch den Weg zur wahren germanischen Gotterkenntnis-gefunden hatte. Wie? Man sollte den Feldherrn friedlich ruhen und Mathilde eine gute Witwe sein lassen? Hat Mathilde denn Goethe in Frieden ruhen lassen, der ein Dichter und großer Mensch, aber kein Mörder war?

Mathilde soll Schwierigkeiten mit dem Hitlerismus gehabt haben, sagen ihre Anhänger. Heil ihr? Aber nicht alles, was damals; nicht braun, nicht braun genug war, ist heute weiß. Oder sollte die Feldherrn die Front inzwischen gewechselt und statt der „überstaatlichen Mächte“ neue Opfer gefunden haben, die – und sei es nur vor Lachen – vor ihr zittern? M.