Im Schoße der in Europa zusammengebrochenen Kapitalistischen. Ordnung des wirtschaftlichen Gleichgewichts haben sich Formen entwickelt, die, wie die Konsumgenossenschaften, die kommende Wirtschaftsstruktur entscheidend bestimmen werden“ Diese Worte von Victor Agartz auf dem ersten Nachkriegskongreß der deutschen Konsumgenossenschaften sind als Programm in mancher Hinsicht ein Wendepunkt in der Geschichte der Konsumgenossenschaften. Von der „Genialität der Marxschen Analyse“ hat vor Agartz wohl noch nienand auf einem Genossenschaftskongreß gesprochen. Man betonte zwar den Gegensatz zwischen genossenschaftlichen und kapitalistischen Methoden, aber man besprach im allgemeinen nur aktuelle Fragen. Die Konsumgenossenschaften hielten fest an den Grundsätzen der Pioniere von Rochdale, die auf eine gesellschaftskritische Stellungnahme verzichtet hatten und deswegen von Maix und Engels scharf angegriffen worden sind. Ja man kann sagen, daß sich die Konsumgenossenschaften um so mehr bewährten, je neutraler sie waren, denn politische Neutralität erleichterte die Werbung von Mitgliedern. Fast alle Helsingforser Familien gehören zum Beispiel dem dortigen Konsumverein Elanto an. Ähnlich wird das Stadtbild von Stockholm beherrscht von dem dortigen Konsumverein und der Zentrale Kooperativa Förbundet: In Deutschland wurde dagegen die Entwicklung etwas gehemmt, weil die eine Richtung, der Hamburger Zentralverband mit seiner GEG, als „sozialdemokratisch“, die andere, der Kölner Reichsverband mit seiner Gepag, als „katholisch“ galt Das Jahr 1933 brachte die Einheit, die heute als etwas Selbstverständliches gilt.

Die Konsumgenossenschaften waren vor 1933 in Deutschland und sind heute in vielen europäischen Ländern, ausgehend von den Bedürfnissen ihrer Mitglieder, zu einer mächtigen und konkurrenzkräftigen Wirtschaftsform geworden. Die Pioniere von Rochdale, die Gründer der Bewegung, wollten ursprünglich nur Mißstände des Einzelhandels begeben. Ihre Nachfolger übernahmen bald Aufgaben des Großhandels, der Produktion, des Bankgeschäfts, ja wagten sogar, vorwiegend auf Initiative von Albin Johannsen, der den Internationalen Genossenschaftsverband: auf dem Hamburger Kongreß vertrat, wirksame Vorstöße gegen internationale Konzerne, wie Zündholz, Glühlampen, Linoleum und Unilever. Agartz konnte somit die Konsumgenossenschaften als Schulbeispiel einer Produktionsplanung ohne Hemmung der Initiative und einer vorbildlichen Preisbildung ohne staatliche Reglementierung bezeichnen.

Die deutschen Konsumgenossenschaften der beiden obengenannten Verbände erzielten im besten Jahr 1929 bei 3,7 Millionen Mitgliedern Umsätze von 1,4 Milliarden Reichsmark. Dieser weitverzweigte Apparat, vor allem ein Werk von Heinrich Kaufmann, wurde durch die Nationalsozialisten zerschlagen. An Stelle der Konsumgenossenschaften traten private Laden oder als Großfilialbetriebe Versorgungsringe, Führungsbezirke, Kaufhausgesellschaften und Einzelbetriebe. Diese; Schöpfungen des Dritten Reiches müssen jetzt entflochten werden. Für den Wiederaufbau fehlen aber Kräfte, die, genügend genossenschaftlich geschult und fachlich gebildet, dieses Werk vollbringen können. Die Führer von einst, Henry Everling, Adam Remmele, Borgner, Bodden usw., die wieder einspringen mußten, sind nicht mehr die Jüngsten. Als Nachwuchs sind nur wenige in Erscheinung getreten, wie Dahrendorf (Hamburg).

Agartz verlangt und erwartet also viel, wenn diese sachlich und personell geschwächten Konsumgenossenschaften Wegbereiter einer neuen Wirtschaftsordnung werden sollen. Sie sind es in der Ostzone dank einer Förderung durch die Besatzungsmacht geworden. Als die ersten Nachrichten über den Aufschwung der Konsumgenossenschaften in der Ostzone nach Hamburg kamen, war man in der alten Zentrale skeptisch und mißtrauisch. Heute, nachdem sich manches als Mißverständnis herausgestellt hat, ist man eher neidisch auf das dort Erreichte. 1,3 Millionen Mitglieder zählen dort jetzt die Konsumvereine gegen knapp 1 Million vor dem Kriege.

In den Westzonen hat sich die britische Besatzungsbehörde am meisten um die Konsumgenossenschaften gekümmert, in mancher Hinsicht vielleicht zuviel, was gewisse Verzögerungen zur Folge hatte. Es gibt 170 Konsumgenossenschaften mit 270 000 Mitgliedern. Die Vereine müssen zum Teil völlig aus dem Nichts wiederaufbauen, d. h. die notwendigsten Dinge irgendwie besorgen, was eine schwere finanzielle Belastung bedeutet. In der amerikanischen und in der französischen Zone ging die Entwicklung langsamer. Wenn dort die Umsätze 63 v. H. der Vor-Hitler-Zeit erreichten gegen 32 v. H. in der britischen Zone, ist anderseits zu beachten, daß diese Umsätze nur zum Teil als genossenschaftliche betrachtet werden können und vielfach durch Sonderzuweisungen zu erklären sind. Die Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumgenossenschaften hat ihre Eigenbetriebe nur in der britischen Zone wieder unter ihren Einfluß gebracht. Der Umsatz der GEG betrug 1946 115 Millionen RM gegen 81 Millionen im Jahre 1945, 325 Millionen im Jahre 1933 und 574 Millionen im Jahre 1929 für die beiden damaligen Großeinkaufsgesellschaften.

Auf der Hamburger Tagung wurde wenig gesprechen von den andern Genossenschaften, wie den landwirtschaftlichen Genossenschaften, den Kreditgenossenschaften und den übrigen Genossenschaften des Mittelstandes. In der Ostzone erlangen jedoch auch diese eine steigende Bedeutung, ja es entstehen sogar neben den Konsumgenossenschaffen die Genossenschaften des Einzelhandels, die im Leistungskampf den Einzelhandel stärken wollen. Henry Everling betonte in seinem Referat über die Großeinkaufsgesellschaft nur kurz die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit mit den landwirtschaftlichen Genossenschaften, „um den Weg vom Erzeuger zum Verbraucher abzukürzen“. Die deutschen Konsumgenossenschaften führen viele Schwierigkeiten auf die Haltung der Besatzungsmächte zurück. Manch scharfes Wort der Kritik wurde laut. So sagte Everling als Leiter der GEG: „Ich darf sagen, daß uns die Militärregierung manchmal Wasser in den Wein unserer Aktivität schüttet.“ Adam Remmele rief als vorläufiger Vorsitzender des geplanten Zentralverbandes den anwesenden Vertretern der Besatzungsmächte zu? „Wenn es gestattet ist, an die Besatzungsmächte einen Wunsch zu richten, dann den: Gebt uns Bewegungsfreiheit, gebt uns zurück, was – die Nazis uns geraubt! Laßt uns das Recht des Zusammenschlusses der Konsumgenossenschaften zu Landesverbänden und zum Zentralverband für alle deutschen Gaue.“ W. G.