In den seit der Kapitulation vergangenen achtzehn Monaten hat die japanische Wirtschaft noch keine einheitlichen Ansätze zu einer Erholung gezeigt. Die industrielle Produktion ist zwar auf einigen Teilgebieten schon wieder intensiv im Gänge, so im Bereich der Textilindustrie, der es in erster Linie zu danken ist, daß im ersten Jahr seit der Kapitulation ein Ausfuhrüberschuß von 51,7 Millionen Yen erzielt werden konnte. Infolge der hohen, Ausfuhrziffern ist aber einstweilen die Versorgung des Inlands, vor allem mit Kleidung, noch sehr unzureichend. Auch die Lebensmittelrationen sind trotz der guten Reisernte, die aber nur bis Juni den Bedarf deckt, so, daß der Schwarze Markt triumphiert und als einzigen „Wirtschaftszweig“ eine Reihe von neuen Millionären hervorgebracht hat. Allerdings ist die Bedeutung des Begriffs Millionär mit der fortschreitenden Inflation ziemlich gesunken. Vor einem Jahr wurde der Notenumlauf auf 23 Milliarden Yen festgesetzt. Anfang 1947 überschritt er die 100-Milliarden-Grenze, und die Preisbewegung ist mit dieser Entwicklung parallel gelaufen. Da das Einkommen des „Durchschnittsjapaners“ insofern auf 500 Yen monatlich beschränkt ist, als er alle darüber hinausgehenden Beträge automatisch in einer Art Zwangsanleihe ausbezahlt bekommt, und da für diese Summe beispielsweise nicht einmal ein Paar Schuhe zu haben ist, bleibt die Lage der städtischen Verbraucher recht mißlich, was sich in einer im Laufe des Jahres 1946 ständig gewachsenen sozialen Spannung, in Demonstrationen, Streiks und Angriffen gegen die aus den ersten Parlamentswahlen nach der neuen Verfassung hervorgegangenen konservativen Regierung ausdrückt.

So unbeliebt die Regierung Yoschida in den Städten ist (auf die 35 v. H. der Bevölkerung entfallen), so populär ist sie auf dem Lande. Hier gibt man offen zu, daß es der Landwirtschaft recht gut geht, und zwar nicht nur in dem Sinne, der heute fast überall zutrifft, also weil sie genug zu essen hat und vorteilhaft tauschen kann.

Soweit sich die zukünftige Struktur der japanischen Wirtschaft aus Äußerungen der Amerikaner ablesen läßt, hat man der Textilindustrie die Rolle des Haupttragpfeilers zugedacht. Jedenfalls soll sie nicht durch Demontagen berührt werden und 80 v. H. des zur Bezahlung der unerläßlichen Einfuhr erforderlichen Exports stellen gegen einen Anteil von 37 v. H. der Gesamtausfuhr vor dem Kriege. Für den inneren Verbrauch sind 8 Meter Stoff je Kopf und Jahr vorgesehen. Der Rohseidenexport – eine wichtige Einnahmequelle der Landwirtschaft – ist 1946 angelaufen und erreichte letzthin etwa 10,000 Ballen monatlich, die ausschließlich nach den USA gingen, und zwar über die US Commercial Company, die die gesamte japanische Ausfuhr kontrolliert. Sie hat bei den Rohseidenversteigerungen in New York Mindestpreise festgesetzt, um bestimmte Dollareinnahmen für die japanische Zahlungsbilanz zu garantieren. Für die nächsten beiden Erntejahre rechnet man mit einer Ausfuhr von je 130 000 Ballen, später mit größeren Mengen, von denen jeweils 80 v. H. von den USA abgenommen werden sollen, was dem Vorkriegsabsatzverhältnis entspricht. Seit Juni 1946 laufen Baumwoll-Lieferungen aus den USA nach Japan, die zum wesentlichen Teil für die Wiederausfuhr nach der Verarbeitung bestimmt sind. Aus der englischen Baumwollindustrie sind bereits Bedenken gegen eine Forcierung. der japanischen Textilausfuhr laut geworden.

Die Stahlkapazität Japans, die im Kriege etwa 6 Millionen Tonnen ausmachte, soll auf 2,75 Millionen Tonnen beschränkt und im übrigen demontiert werden. Von 775 000 vorhandenen Werkzeugmaschinen sollen nach einem Plan des Reparationskommissars für Japan 600 000 demontiert und es soll eine laufende Produktion von 1000 Stück jährlich gestattet werden. Von der chemischen Industrie wird voraussichtlich nur die Kunstdüngererzeugung für den Eigenbedarf erlaubt und die Leichtmetallherstellung gänzlich verboten werden. Unberührt soll außer der Textilindustrie nur die keramische Industrie bleiben, ferner die für die Ernährung des Landes lebenswichtige Fischerei. Für die japanische Schiffahrt wurde eine Beschränkung auf 1,5 Millionen Tonnen erwähnt, wobei nicht über die 5000-Tonnen-Größe hinausgegangen werden soll. J. Brune