Von W. L. Gelsner

Export Exhibition“ steht auf den Transparenten am Haus der Kunst in München. Übersetzt, heißt das „Export-Ausstellung“. Es bedeutet die Vorführung von Waren für den Export. Die deutschsprachigen Plakate drücken sich weniger summarisch aus. Sie verkünden die „Bayerische Export-Leistungsschau“. Das bedeutet die Vorführung dessen, was die Industrie für den Export zu leisten imstande ist. Der Unterschied ist augenfällig. Er trennt Tatsachen von Möglichkeiten. Bemerken die ausländischen Besucher der Unterschied? Spüren sie das Wenn, das hinter der Vorführung der Leistung steht? Jener Leistung, die möglich wäre .. ., wenn die anlaufende Produktion nicht die letzten Rohstoffe verzehren würde, wenn die verbrauchten Rohstoffe nachgeliefert würden, und wenn die Interessenten direkt mit den Ausstellern abschließen könnten?

„Liefern Sie mir ein paar tausend’ dieser holz-, geschnitzten Engel aus Oberammergau, so bald wie möglich, nehmen wir an in einem Vierteljahr“, sagte der Einkäufer eines nordamerikanischen Warenhauskonzerns. „Der Termin ist zu kurz“, sagten die Hersteller, „die Menge kann nicht geschafft werden“. – „Legen Sie Serien auf“, sagte der Amerikaner. – „Das geht nicht“, erwiderten die Hersteller, „Engelschnitzerei ist Handarbeit“. – Der Amerikaner: „Stellen Sie Arbeitskräfte ein. Sie haben genug DPs und Flüchtlinge in Bayern“. Die Hersteller: „Diese Arbeit kann nicht jeder verrichten. Es gehören künstlerisch geschulte Kräfte dazu.“ Der Amerikaner: „Können Sie liefern, oder nicht?“ So oder ähnlich verlaufen viele Gespräche zwischen Ausstellern und Kaufwilligen.

Der Anreiz zur Geschäftsanbahnung ist gegeben. Das geschickte Arrangement der Ausstellung und die Qualität der einzelnen Ware verfehlen, ihre-Wirkung nicht. Viele Amerikaner hegen den ehrlichen Wunsch, Importe deutscher Waren nach den USA in Gang zu setzen. Sie wollen der deutschen Wirtschaft helfen und zugleich den amerikanischen Steuerzahler entlasten. Die Mehrzahl ist überrascht und verwundert über die Reichhaltigkeit der Auswahl und den hohen Stand der Verarbeitung zuweilen auch über den Arbeitswillen der deutschen Wirtschaft im allgemeinen. Offenbar haben sie ihn nicht erwartet. „Das ist nicht in einer Stunde abzumachen“, sagte ein amerikanischer Gast, verließ die Schau nach dem Besuch, eines einzigen Raumes und schickte seine Vertrauensleute mit sehr eingehenden Weisungen für die Betrachtung sämtlicher Stände. Eine Stunde hatte der Gast aus. USA der Ausstellung in seinem europäischen Programm eingeräumt. Ist es nicht schon ein Erfolg, daß er umdisponierte?

Sicher. Das ist ein Erfolg. Aber der eigentliche Erfolg – die Abschlüsse, die Anbahnung Von Geschäften, die Hereinnahme von Dollar gegen die Lieferung deutscher Waren – läßt auf sich warten. Die Abschlüsse sind minimal. Nicht nur im Vergleich mit der hohen Besucherzahl (550 000 seit der Eröffnung am 3. August 1946), sondern auch in absoluten Zahlen. Denn 60 v. H. der Besucher sind nur Betrachter, 20 v. H. sind deutsche Firmenvertreter und Exportkaufleute, die sich informieren. Die restlichen 20 v. H. sind Ausländer: an erster Stelle Amerikaner unter Einschluß aller Uniformierten, dann in größerer Menge Südamerikaner, Italiener, Tschechen, Franzosen; Holländer, Schweizer. Angehörige anderer europäischer Staaten tauchen vereinzelt auf. Osteuropa ist kaum vertreten. Eine russische Kommission aus Berlin ging ohne Äußerungen von Zustimmung oder Ablehnung durch die Hallen und hinterließ weder Namen noch Adressen. Um so vernehmbarer ist die Stellungnahme der anderen. Sie sind guten Willens und fühlen sich behindert.

Schon bei der Einreisegenehmigung beginnen die Schwierigkeiten. Nicht wenige Interessenten haben in der Schweiz lange auf ihre Permits warten müssen... Einige warten noch immer. Andere besorgen sich ein Durchreisevisum nach dem Norden und teilen die drei Tage in Deutschland nach Minuten, auf, um die Ausstellung, zu sehen. Haben sie dann gefunden, was sie suchen, und wollen sie perfekt machen, so beginnt das eigentliche Hindernisrennen. „Zu wenig Arbeitskräfte.“ „Ohne Rohstoffzuteilung keine Angebote,“ Bis 15. Januar mußte jeder Abschluß über die OMGUS laufen. Seither gehen große Aufträge an die Joint Export-Import Agency in Minden, kleinere an die Exporte Import-Section der Militärregierung in München. Wenige Interessenten haben sich die Zeit genommen, nach Berlin zu fahren. Auch Minden liegt nicht immer am Wege der ausländischen Importeure. „Wozu dieser Bürokratismus?“ fragen die Kunden. „Wozu soll ich gegen red-tape kämpfen? Ich kann woanders bequemer kaufen. Es muß nicht in Germany sein.“ Die Abschlüsse bleiben minimal.

Wo. Wirklich Geschäfte Zustandekommen, geschieht es oft unkontrolliert und nicht immer auf die erwünschte Weise, zumal beim Kauf einzelner Ausstellungsstücke. „Na schön“, sagt ein amerikanischer Besucher, „wenn ich das von der Ausstellung nicht kaufen kann, werde ich mich an Hand des Katalogs an die Hersteller direkt wenden. Ich habe genug Zigaretten und Kaffee zur Verfügung.“ Es kommt auch vor, daß Käufer den Zweck der Ausstellung nicht begriffen haben. Das sind dann diejenigen, denen der Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Reklametext entgangen ist. „Verkaufen Sie mir dieses Porzellanservice, ich zahle mit Dollar“, sagt ein Amerikaner. „Wir können nicht verkaufen“, antworten die Hersteller, „das ist ein Exportmusterstück“. Der Amerikaner: „Verkauf gegen Dollar ist doch schon Export.“ Die Folge solcher Erfahrungen ist vielfach Verärgerung, und die Ausdrücke, die gebraucht werden, sind deutlich. Sie meinen das Streben nach Export und sagen „Exporttraum“, sie meinen die Ausstellung und sagen „Exportfassade“. Und sie sprechen von einer „Illusion ohne praktischen Wert“. Das sind dann die Fälle, in denen das Wenn erkannt wird, von dem wir eingangs sprachen. Es weckt eine gewisse Skepsis und führt zu der Frage, ob das alles tatsächlich produziert werden kann, was da ausgestellt ist. Oder präziser gefragt: Ist das jetzt produziert? Die ehrliche Antwort muß lauten: nein. Viele der ausgestellten Waren stam-– men aus früherer Zeit und sind ältere Ausstellungsstücke. Sie könnten produziert werden, wenn ... Ihre Wiederverwendung hat man die unnütze Frage und manche vermeidbare Verstimmung heraufbeschworen. Sie erklärt auch das häufig gehörte Urteil: qualitativ gut, aber modisch veraltet. Das gilt für die Porzellane – an denen die Amerikaner, im übrigen das größte Interesse, haben neben kunstgewerblicher Massenproduktion, Schmucksachen, Photogeräten, Spielwaren und optischen Artikeln – ebenso wie für die Gläser und die Textilien.