Die überraschende Zustimmung der italienischen Kommunisten zur Aufnahme der Lateranverträge in die neue italienische Verfassung hat die Aufmerksamkeit neuerdings auf die Haltung der Sowjetunion und der von ihr abhängigen Staaten und Parteien der Kirche gegenüber gelenkt. Dieser Entschluß der Kommunistischen Partei Italiens mag sehr schwergefallen sein, denn selbst die Sozialisten, die Republikaner, die Aktionisten und die restlichen Splittergruppen der gemäßigten Linken haben gegen diese Verträge gestimmt, die 1929 von Mussolini mit Papst Pius XI. abgeschlossen worden waren. Die Lateranverträge sichern nicht nur weitgehende Rechte des Papstes, vor allem das der Souveränität, sondern sie sehen auch bedeutende finanzielle Unterstützungen der Kirche durch den Staat vor.

Es liegt die Frage nahe, ob der Führer der italienischen Kommunisten, Togliatti, dabei aus eigener Initiative oder auf Weisunng aus dem Ausland gehandelt hat. Der Grund für eine selbständige Initiative könnte darin liegen, daß die Kommunisten bei den Massen der katholischen Bevölkerung Einbußen befürchten, wenn sie sich gegen die Lateranverträge wenden, ein Argument, das allerdings ebenso für die Sozialisten Geltung hätte. Leichter ließen sich Gründe finden, die die internationale, kommunistische Zentrale zu einer diesbezüglichen Weisung an die italienischen Kommunisten veranlaßt haben könnten, denn es hat sich bereits einmal gezeigt, daß die Sowjetunion in Zeiten starker außenpolitischer Spannungen die Gepflogenheit hat, sich mit der Kirche zu versöhnen. Insbesondere war dies während des Krieges der Fall, in den Jahren 1941 und 1942, als es darauf ankam, in der Welt und besonders in den Vereinigten Staaten diejenigen Kräfte. zu stärken, die sich für eine Unterstützung der Sowjetunion einsetzen wollten, Li Rußland wurde damals eine Versöhnungsaktion zwischen Staat und Kirche eingeleitet, die eine erhebliche Wirkung hatte und im Ausland als Beweis dafür angesehen wurde, daß sich die Sowjetunion vollkommen geändert habe, daß sie ein nationaler Staat geworden sei und daß es daher am Platze sei, ihr jedes Vertrauen entgegenzubringen.

Es soll hier nicht untersucht werden, inwieweit die Sowjetunion die jetzige Lage für – besonders angespannt hält, aber es ist auffallend, daß außer den italienischen Kommunisten auch einige andere Anhänger der östlichen Demokratie in der letzten Zeit freundlichere Töne; als man bislang gewohnt war, dem Vatikan gegenüber anschlagen. So ist noch in Erinnerung, daß im Dezember plötzlich der polnische Staatspräsident Bierut eine Erklärung abgab, in der – er sich zu Konkordatserklärungen bereit erklärte, daß Marschall Tito im Januar den in Haft gehaltenen Bischof von Istrien freiließ und daß ferner Meldungen verbreitet würden, wonach der Erzbischof von Agram; Stepinac, seine sechzehnjährige Freiheitsstrafe nicht mehr im Zwangsarbeitslager, sondern in-einem Kloster verbringen soll.

Diese Nachrichten stehen jedenfalls in einem krassen Gegensatz zu der bisherigen Praxis der Länder in der Sowjetsphäre, in denen seit dem Ende des Krieges so weitgehende Maßnahmen gegen die katholische Kirche und gegen manche Würdenträger der orthodoxen Kirche – die’sich nicht gleichschalten lassen – wollten – ergriffen wurden, daß es schon berechtigt sein mag, dahinter eine politische Absicht zu vermuten, die den Jahren 1941/42 gleichen könnte.

Victor Kravchenko, während des Krieges Vorsitzender der Abteilung für technische Ausrüstung der Roten Armee im Rat der Volkskommissare, der 1944 als Mitglied einer sowjetischen Einkaufskommission in Amerika geblieben und nicht nach Rußland zurückgekehrt ist, sagt in seinem Buch „Ich wählte die Freiheit“ über die damalige’ Aktion: „In dieser kritischen Kriegszeit wurde ein ‚Rückzug vom Leninismus‘ – der Form und nicht dem Wesen nach – als notwendig erachtet. ‚Rückständige Elemente‘ zu Hause und im Ausland sollten durch eine scheinbare Wiedereinführung der Religion besänftigt werden. Für uns, in den – Parteiversammlungen, bedeutete dieser ,Rückzug vom Leninismus‘ einfach ein vorübergehendes taktisches Manöver. Der Kompromiß mit der Religion war ein erniedrigendes, aber unvermeidliches Zugeständnis. Gerade weil unsere Partei und unsere Regierung in diesem Augenblick der Krise zu Kompromissen gezwungen waren, wurden wir ermahnt, unsere Treue zum Kommunismus und unserem inneren Glauben zu festigen und diese taktischen Rückzüge als Schachzüge der Strategie für Stalins Vormarsch zum Endsieg anzusehen.“

Wie dem auch sei auf lange Sicht ist ein Arrangement zwischen den Ländern der „östlichen Demokratie“ und der Kirche, sei es der orthodoxen, ‚sei es der katholischen, kaum zu erwarten. Da die Kirchen für die Rechte des Individuums eintreten und eintreten müssen, können sie nicht die Zusammenarbeit und nicht einmal die Duldung dieser Regime finden, die sich selbst aufgeben würden, wenn sie den Kirchen Zugeständnisse mitten. A. B.