Es ist nun Frühling, daran ist nicht mehr zu zweifeln. Aber bis die Kühe mehr Milch geben, wird es noch eine ganze Weile dauern. Auf allen Gebieten der Ernährung hat sich in diesen Tagen eine Zuspitzung der Verhältnisse ergeben, die die vorangegangenen Schwierigkeiten weit übersteigen. Zu dem „chronischen“ Kartoffel- und Nährmittelmangel treten nun auch Schwierigkeiten in der Brot- und Fettversorgung. Wie groß soll die Zuteilung an. Fett im April sein? Optimistische Schätzungen rechnen mit der Hälfte der bisherigen Ration von 200 Gramm und vorsichtige Schätzungen mit 80 Gramm...

es ist in der „Zeit“ und auch anderswo der Vorschlag gemacht worden, Butter auszuführen und dafür Ölfrüchte zu importieren. Der Vorteil wäre, daß höhere Fettrationen gegeben werden können, wenn auch Margarine nicht ganz die ernährungsphysiologischen Qualitäten der Butter hat, und außerdem, daß Ölkuchen anfallen, die als eiweißreiches Futter nun wieder zu höheren Milchleistungen helfen können. Dieser Vorschlag ist nicht undurchführbar, denn es gibt immer Länder, die gern Butter importieren/und es sind am Weltmarkt immer noch gewisse Mengen an Ölfrüchten verglich. Warum also, so fragt man sich, bleiben solche Vorschläge ohne jedes Echo? Der Stuttgarter Rat der Acht hält es offenbar für weit unter seiner Würde, über irgendwelche Anregungen öffentlich zu diskutieren oder gar dergleichen aufzugreifen. Statt dessen hören wir, daß Minister Dr. Dietrich erwägen soll, Fette (oder Fettrohstoffe?) gegen „zusätzliche“ Lieferungen an Kohle einzutauschen. Aber da er keinerlei Verfügung über Kohlen hat, dürfte dergleichen wohl, schwerfallen – und, wenn überhaupt, erst nach Jahr und Tag zu realisieren sein. Im übrigen hören wir aus Stuttgart sowohl von Dr. Dietrich als auch von Dr. Schlange-Schöningen nur bewegliche Klagen darüber, daß die Erfassung der Milch beim Bauern völlig versage. Was aber geschieht? Offenbar nichts. Wenigstens hört man nichts von Reformen des Erfassungssystems, die zentral geplant seien. Nur in einzelnen Ländern; in den Zuschußgebieten, regt sich die Initiative. Aber es dürfte klar sein, daß dabei für die Gesamtheit nichts herauskommt, solange nicht ein Druck auf die Überschußgebiete ausgeübt wird, entsprechend vorzugehen.

Übrigens ist das Prinzip der Veredelungsausfuhr nicht auf den Tausch Butter gegen Ölfrüchte beschränkt. Uns liegen ins einzelne gehende Berechnungen vor, wonach-, es aussichtsreich wäre, Futtergetreide gegen Bacon zu tauschen oder gegen Eier, Ölfrüchte, gegen Käse, Kunstdünger gegen Gemüse – Und damit wäre die Liste noch keineswegs erschöpft. Gewiß, sind derartige Ausarbeitungen auch bei der zuständigen Stelle bekannt; sicherlich hat. sie umfangreiche eigene Erhebungen dazu angestellt – aber die Öffentlichkeit erfährt nichts von den Ergebnissen. Und was geschieht?

Wie der völlige Mangel an jeder Produktionsplanung und Produktionsermutigung, das Fehlen jeglicher Initiative „da oben in Stuttgart“ von der Praxis empfunden wird, davon zeugen verzweifelte Briefe von landwirtschaftlichen Fachleuten, die wir – und jedenfalls ja auch andere Stellen – immer wieder erhalten. Die grundsätzlichen Möglichkeiten, wie eine Mehrproduktion geschafft werden kann, dürften nach einer, gut anderthalb Jahre dauernden Zeit der „Besinnung“ nun wirklich geklärt sein. Aber mag es sich nun um den Aufbau von Versicherungen handeln oder um die Steuerfrage, um das Ablieferungspensum oder um die bevorzugte Förderung ertragreicher – Anbauformen, um Kunstdünger oder Kartoffelsaatgut – von Stuttgart kommt keine Anregung, keine Förderung, vor allem, aber: keine Entscheidung.

Es ist, um nur ein. einziges Beispiel anzuführen, längst klargestellt, daß die geringen Kartoffelernten nicht sosehr die Folge des (gewiß betrübliefen) Mangels an Stickstoff, sind, sondern daß „Problem Nr. 1“. der westdeutschen Landwirtschaft die Saatkartoffelfrage ist. Während bei Hochzuchtsaatgut die Durchschnittserntenauf dem rheinischen Versuchsgut Dikopshof 328 dz je Hektar betrugen, sanken sie bei erstem Nachbau auf 236 dz, bei zweitem Nachbau auf 146 dz, d. h. also um 28 und 55 v. H. Aber auch mit diesem Problem muß die private Initiative fertig zu werden versuchen, von Stuttgart kömmt keine Hilfe... Dort kennt man eben nur sein Schema F, und so geschieht es, daß der Bauer, der 10 Liter Milch, je Kuh und Tag erzielt und 80 bis 85 v. H. seiner Erzeugung abliefert, genau so durch Zwangsab-Schlachtungen tragender und frischmelkender Tiere bestraft wird wie der Landwirt, dessen Kühe nur 1 oder 2 Liter im Tagesdurchschnitt erbringen und der mit seinen Ablieferungen unter dem – gewiß kläglichen – Durchschnitt von 2,5 Litern liegt, wie er heute für die beiden Westzonen gilt. Ein solcher Zustand,-der die Leistung bestraft und den schlechten Wirt prämiiert, schreit geradezu nach Abhilfe Aber in Stuttgart ist man offenbar nicht für Reformen zu haben. Und dann: wie-sollte man sie auch durchführen, ohne jegliche Handhabe wirklicher Exekutiv-Vollmachten? G. K.