Von Bruno E. Werner

Der totale Staat kennt keine Skrupel... Ihm mit Historie, Moral oder Nächstenliebe zu begegnen, ist nicht nur ein hoffnungsloses Beginnendes ist auch ein unverantwortliches. Denn allen schöngeistigen Faibles dieser Welt braucht der totale Staat nur eine einzige Schnellfeuerkanone entgegenzusetzen – und er tut es – um sie fortzublasen wie Staub von einem alten Bilde.“ So liest man in der Einleitung eines soeben in Deutschland erschienenen Buches, in dem der Verfasser in seiner seltsamen Mischung von philosophischer Terminologie und jugendlich-journalistischem Jargon bemerkt, daß es lächerlich sei, zu glauben, mit der Erledigung des Nationalsozialismus sei die eigentliche Weltgefahr gebannt. Hitler sei nur ein Exponent dieser Gefahr gewesen. Die in allen Ländern drohende Weltgefahr, bei der es für uns alle um die nackte Existenz ginge, heiße: Der totale Staat.

Der Verfasser spricht von der „entsetzlichen Befürchtung“, daß die totale Ideologie für immer in die Gehirne der Alten Welt eingezogen sei: „Wenn die totale Idee ein einziges Mal von den Menschen Besitz ergriffen hat – Besitz ergriffen, im Unterbewußtsein..., dann weicht sie nie mehr von Ihnen. Und’sobald ein Mensch einmal von ihr besessen ist..., dann gibt es kein Mittel mehr außer dem Tod, das ihn davon abbringen könnte. Man versuche einmal, einen fanatischen SS-Führer auf irgendeine Weise umzuerziehen. Es lohnt nicht den Versuch.“ Die totale Ideologie, die sich eines. Hirnes bemächtigt hat, läßt naturnotwendig keine andere Idee mehr zu. „Sonst wäre sie nämlich nicht total. Keine Überredung, kein Wissen, kein Schmerz werden ihn je zu etwas anderem bringen..., denn, seine Welt ist nicht mehr die unsere... Und das nach genau zwölf Jahren. Man rechne sich den geistigen Zustand eines Volkes aus, das fünfzig oder hundert Jahre demselben Einfluß ausgesetzt wäre.

Das Buch nennt sich „Fatum und Freiheit – Eins Vivisektion“ (Rowohlt-Verlag, Stuttgart). Sein unbekannter Autor heißt Alexander Borelius. Man erfährt, daß er 1922 in Darmstadt geboren wurde, an verschiedenen Universitäten studierte und 1945 aus englischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Er ist also vermutlich kaum älter als 20 oder 21 Jahre gewesen, als er das Studium abbrechen! mußte, um die Uniform anzuziehen. Er hat dieses Buch mit 24 Jahren geschrieben. Das ist überraschend, denn die jüngste Vergangenheit in Deutschland bot kein Entwicklungsklima für geschichtsphilosophische Wunderkinder. Es lassen sich auch gegen dieses Buch, eine Fülle von Einwänden Schwächen, Nicht zuletzt gegen seine sprachlichen Schwächen, die einer Bearbeitung bedurft hätten. Aber das Buch verdient besondere Aufmerksamkeit. Nicht nur, weil hier mit bohrender Eindringlichkeit auf ein ertscheidendes Problem hingewiesen wird: das haben schließlich auch andere getan, was Borelius bekannt ist, der seine Schrift Leopold Zieglers „Idealischer Ameise“ widmete. Sondern weil Gedankengänge und Beweisführung für einen Teil der jungen Generation Deutschlands (und Vielleicht Europas) charakteristisch sind. Daß sich in den Gedankengängen von Borelius bereits unter dem Einfluß von Spengler und Ernst Jünger ein Abfall vom Geist vollzog, kann nicht die Augen davor verschließen, daß dieser Teil der jungen Generation nicht ihr schlechtester ist.

Die Zukunft pfeift auf die Intellektuellen

Alexander Borelius sagt: Die Weltgeschichte, kennt zweitausendsiebenhundertzweiundsechzig aufeinanderfolgende Kriege. Nach jedem haben die Völker hoch und heilig von Frieden und Neuordnung gesprochen. Aber es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder den Krieg auf Grund unseres geistig-kulturellen und technisch-zivilisatorischen Standes für alle Zeiten unter allen Völkern zu bannen; dagegen spräche allerdings jede historische Wahrscheinlichkeit. Die andere Möglichkeit wäre: eine solche prinzipielle und sprunghafte Änderung der Geschichte für ausgeschlossen zu erklären. „Jedes Wort über den Frieden ist dann Zeitvergeudung.“ Der Verfasser spricht von der Determiniertheit der Geschichte, vor der es keine Freiheit gäbe. Freiheit gibt es nur gegenüber dem Individuum. Die Geschichte kenne in den vergangener 5 500 Jahren-ein bisher undurchbrochenes Fatum. Es wirkt daher nicht anders als eine schöne Geste, wenn der Verfasser einschränkend sagt, daß auch 5500 Jahre an sich noch keinen gültigen Beweis, sondern nur eine Wahrscheinlichkeit abgeben.

„Die Idee der Macht“ als höchstes irrationales Prinzip: darin sieht Borelius die Schlagkraft der Ideologie des totalen Staates, die unabhängig von Sieg und Niederlage ist? Klar erkennt er, daß diese Idee auch nach dem „lächerlichen Intermezzo dieser zwölf Jahre“ Kräfte erzeugt hat, die in der Welt weiterleben. Der metaphysische Staatskult! Das Zeitalter der Masse, die nunmehr zum Selbstbewußtsein erwacht ist! Diese Masse aber, die nun ihre eigene Sprache fand, pfeift sozusagen auf alle Geschichtsphilosophie von Aristoteles bis zur Gegenwart. Und Borettus, der vom Siegeszug der Masse überzeugt ist, meint, daß diese Intellektuellen und Philosophen entweder bei ihrer alten Methodik verharren müssen und infolgedessen aus den Geschichtsbüchern verschwinden werden, oder daß sie sich selbst verleugnen müssen. Der Aufstand der Massen ist von den Intellektuellen zwar verzögert worden, aber die Wucht der Masse ist gerade an diesem Widerstand so gewachsen, daß sie nun so grauenhaft gewalttätige Formen angenommen hat.