Ist der Surrealismus für uns nur eine Kunstrichtung?Ist er nicht vielmehr zur täglich gelegten Wirklichkeit geworden? Betrachten wir uns doch einmal, unser heutiges Leben als ein Bildwerk von einem grausamen Schöpfer entworfen: Wie Riesenharfen erheben sich die Gerippe unserer zerbombten Häuser; durch die klirrend der eisige Ostwind saust. Die Straßen gleichen den Zahnreihen eines Greises, in denen zwischen einzelnen verräucherten Zähnen nur noch scheußliche Stummel ragen. Plötzlich aber erhebt sich steil himmelan eine Treppe, kaum von Mauern geschützt, und im vierten Stock sitzt im behaglichen Heim eine Familie friedlich beieinander, als hätte es nie Bomben, Kriege und Zusammenbruch gegeben. Unter dem kristallklaren Eishimmel weht uns plötzlich ein goldenes Weizenfeld entgegen mit Kornblumen undeiner leuchtend roten Mohnblüte. Schauen wir näher hin, ist es ein geschminktes Frauengesicht mit gelbem Haar, blauen Augen, lockend rotem Mund.

Ist unser Leben noch geordnete Wirklichkeit oder ein surrealistischer Spuk? Wo ist der Maler, der unsere zerborstene Welt des bürgerlichen Wohllebens für die Zukunft festhielte? Der schöpferische Mensch ist keine photographische Linse, die die vorübereilende Gegenwart einfängt, er ist ein Prophet oder ein Rückwärtsdeuter. So hat der Surrealismus in den Bildern von Max Ernst 1923 und 1925 die angsterregenden Wahnbilder einer aus den Fugen geratenen Welt, die in unserer Gegenwart zur furchtbaren Wahrheit geworden ist, als Menetekel auf der Leinwand vorgezeichnet: „Die heilige Cäcilie ohne Piano“ sitzt zwischen Ruinen. Ihre schönen Hände versuchen auf dem Nichts zu spielen, das über den Trümmern geblieben ist, so wie wir alle heute versuchen, zwischen den zerstörten Steinen und Illusionen noch auf den Seeleninstrumenten einer vergangenen Herrlichkeit unsere Melodien zu spielen. Aber die heilige Cäcilie, unser Seelenbild, ist kein Mensch, sie ist ein Bildwerk von antiker Schönheit, lebloser Marmor noch von der Schutzhülle -umgeben, die sich nur zögernd löst.

Der Mensch ist ein Ding geworden im Surrealismus. Kaum wird er noch als Mensch, gezeichnet, er gilt dem Maler als eine Sache unter Sachen und wird darum auch nicht als lebendiges Geschöpf, sondern als Figur dargestellt. Der Surrealismus entmenschlicht die Welt, wie ja auch die Wirklichkeit nach anderen Gesetzen, als denen der Menschlich-– keit sichzugestalten scheint. Nur im Vorgefühl der grauenhaften-Katastrophe Westeuropas, konnte von den Künstlern der Surrealismus erfunden werden. Er ist ein Spiel des Geistes und ohne Relativitätstheorie, Psychoanalyse und Atombombe nicht denkbar. Alles ist Bewegung auf den Bildern und Verwandlung und scheint nur im Moment des Malens erstarrt zu sein. Darin zeigt sich am klarsten der Gegensatz zur östlichen Kunst Chinas und Japans, die eine Sublimierung des Wesentlichen bedeutet, deren Bildwerke in der Sehnsucht nach dem Absoluten entstanden sind. – Nehmen wir den Surrealismus als fruchtbare Lehre, so wird es die Aufgabe der künftigen westlichen Menschheit sein, die herumfliegenden Bestandteile einer zerborstenen Welt zu einer neuen festeren Einheit zusammenzufügen. Ilse Langner