Als 1931 die Hamburgische Sezession zum erstenmal in dem neuen Gebäude des Kunstvereins, zu dessen Errichtung sie so viel beigetragen hatte, ihre Jahresausstellung eröffnete, sagte der sonst nicht leicht begeisterte Gustav Pauli, der damalige Direktor der Hamburger Kunsthalle, in seiner Ansprache: „Eine Schwalben heißt es, macht noch keinen Sommer, aber angesichts so vieler Schwalben darf man wohl von einem Hamburger Kunstfrühling sprechen.“ Der Aufschwung, den die Sezession in den Jahren zuvor gemacht hatte, war in der Tat erstaunlich gewesen. Vieles war zusammengekommen, um dieses Ergebnis zu schaffen. Durch einen! scharfen Reinigungsprozeß, den sie selber durchgeführt hatte, waren alle diejenigen, deren Werke einer strengen Anforderung an Qualität und Gesinnung nicht genügte, ausgeschlossen worden. per Hamburger Senat hatte, energischen Forderungen nachgebend sehr erhebliche Mittel für künstlerische Aufgaben zur Verfügung gestellt. Die Künstler hatten Aufträge für Wandbilder und Monumentalplastiken erhalten, deren Bewältigung sie erstaunlich reifen ließ. Junge eigenwillige Maler und Bildhauer zogen, durch diese Förderung und durch das Wirken von Sauerlandt und Pauli bewogen, nach Hamburg und fanden Aufnahme in der Sezession. Hamburg begann eine Rolle in der bildenden Kunst Deutschlands zu spielen; die Nationalgalerie in Berlin widmete den neugeschaffenen Wandbildern der Stadt eine ihrer ersten Veröffentlichungen über moderne Kunst.

Zwei Jahre später, im April 1933, fand die letzte Sezessionsausstellung in dem schönen, von Karl Schneider erbauten Gebäude statt. Sie wurde als „kulturbolschewistisch“ auf Befehl der Nazis polizeilich geschlossen. Der Sezession wurde aufgegeben, ihre jüdischen Mitglieder auszustoßen. Sie weigerte sich und löste sich als Protest freiwillig auf. Damit gab sie ein Beispiel, dem andere künstlerische und wissenschaftliche Verbände hätten folgen sollen. Der Hamburger Kunstfrühling war zu Ende.

Jetzt hat die neugegründete Hamburgische Sezession ihre erste Ausstellung nach der Nazizeit eröffnet. „Die Ungunst der Verhältnisse“, sagte Ivo Hauptmann bei seiner Ansprache, „schadhafte Ausstellungsräume, kalte Ateliers, in denen kostbare Werke unserer Bildhauer durch Frost zerstört“ wurden und in denen an eine Tätigkeit nicht zu denken war, der Mangel an Material, die Sorge um das tägliche Brot im wahrsten Sinne des Wortes – haben diese Ausstellung lange in Frage gestellt; Wir wollten einen Anfang machen und wollten ein Beispiel geben, daß auch unter den widrigsten Umständen die Kunst lebt.. Wir haben uns entschlossen, auch ältere Arbeiten, die wir heute noch vertreten können, zu zeigen, um die Ausstellung möglich zu machen. Jeder sollte zu Worte kommen.“

Wieder sind Künstler von auswärts nach Hamburg gekommen und der Sezession beigetreten, doch diesmal waren es in erster Linie gereifte Meister: Gerhard Marcks, Edwin Scharff und Alfred Mahlau. Von ehemaligen Mitgliedern sind aus Berlin Friedrich Ahlers-Hestermann und seine Gattin Alexandra Povorina nach Hamburg zurückgekehrt; aus Berlin kam von den Jüngeren auch Herbert Spangenberg, und aus Paris fand sich Arhold Fiedler wieder ein. Rolf Nesch hat als Oslo, Karl Balmer aus Lamone bei Lugano Bider geschickt, die natürlich nicht angekommen sind. So sind beide Künstler mit älteren Werken vertreten, ebenso wie Karl Kluth, der noch in russischer Kriegsgefangenschaft lebt. Von Künstlern, die bereits länger in Hamburg weilen,, ist Wilhelm Haerlin in die Sezession aufgenommen worden. Von dem alten Stamm haben Ivo Hauptmann Emil Maetzel, Erich Hartmann, Fritz Kronenberg, Hans Ruwoldt, Fritz Flinte und Willem Grimm neue Arbeiten ausgestellt.

„Unser Programm“, sagte Ivo Hauptmann bei der Eröffnung, „ist undogmatisch, in der Erkenntnis, daß alle Dogmen in der Kunst wohl befolgt, aber immer wieder durchbrochen worden sind. Wir wollen die freie Entfaltung der Persönlichkeit und verwerfen jeden Zwang. Wir suchen – und was wir gefunden haben, das stellen wir aus. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen und folgt ihnen. Unsere Ausdrucksformen gleichen sich durchaus nicht. Das Ringen um einen großen menschlichen Ausdruck ist, wenn Sie wollen, unser Programm.“

Uns, die wir nicht so bescheiden zu sein brauchen wie der Sprecher, ist es gestattet, noch eine Forderung hinzuzufügen; die die Sezession heute wie ehemals zu einer strengen Bedingung macht: die Forderung nach echter künstlerischer Qualität.

Nun könnte man meinen, daß ein so undogmatisches Programm eine Ausstellung ergeben würde, die uneinheitlich wirken müßte, denn der Richtungen in der modernen Kunst sind viele. Dies nun ist nicht der Fall, und angesichts der sichtbaren Zerrissenheit der heutigen Welt könnte ein solches Ergebnis verblüffend erscheinen. Tatsächlich ist es aber so, daß alle heute lebenden Maler und Bildhauer, die wirklich qualitätvolle Werke schaffen, der gleichen modernen nachimp essionistischen Richtung angehören, einer Richtung, bei der Form und Inhalt in ihrer Bedeutung nicht mehr im Gleichgewicht sind, bei der vielmehr die Form den Gegenstand vergewaltigt oder auch der geistige Gehalt über die Form hinausweist. Dieser modernen Richtung gehören alle ausgestellten Werke an. So sind etwa die Landschaften von Ahlers-Hestermann und die „abstrakten“ Bilder von Balmer nur dem Grade, aber nicht dem zugrunde liegenden Stilwillen nach voneinander verschieden, und das gleiche gilt von der fast klassisch wirkenden sitzenden weiblichen Figur von Gerhard Marcks im Vergleich mit den kühn die Form verändernden Zeichnungen von Edwin Scharff. Dieser allgemeine Stilwille, der geradewegs aus der Romantik und der mit ihr beginnenden Zerreißung zwischen Form und Inhalt hervorgewachsen ist, bildet ein Kennzeichen des modernen Geistes; in der bildenden Kunst ist er am deutlichsten sichtbar. Man sollte ihn erforschen – Rudolf Kassner hat dies seit seinem Buch „Zahl und Gesicht““ immer wieder getan –, vieles, was die Welt seit einem Jahrhundert erschüttert, wird dabei offenbar werden: die Dissonanz zwischen Ordnung und Organisation, an der unsere Generation so schwer leidet. – Nicht nur ein künstlerischer Genuß also ist es, die Ausstellung der Hamburgischen Sezession zu sehen, dem ernsthaft Betrachtenden gibt sie auch die Möglichkeit zu wichtigen geistigen Erkenntnissen. Richard Tüngel