Von Jan Molitor

Helgoland hat die Explosion – die größte seit den Versuchen vom Bikini-Atoll – überstanden. Die Festungswerke liegen zertrümmert, aber die Insel wird wieder bewohnbar sein, allen Befürchtun gen zum Trotz, die auf den endgültigen Untergang gerichtet waren. Hier die Chronik der letzten Geschehnisse...

I. Eine Fahrt ins Blaue

Im Augenblick, da man in Cuxhaven an Bord des Schiffes geht, wird ein stattliches gelbliches Heft überreicht, ein Programm; es ist schön auf dem Schiff, schön ist der bekannte freundliche Geruch von Teer und -Freiheit, Und die Gäste vertiefen sich in das Papier. Es ist betitelt: "Demolition of the Fortifications of Heligoland", Ein erster Blick genügt zu zeigen: da hat man Kosten und Mühe nicht gescheut. Man hat gewaltige Bestände vorhandener Munition gestapelt und andere vom Festland herangefahren. Acht Monate dauerten allein schon die Vorbereitungen für den Augenblick, da über Helgoland die Explosion aufgehen soll. Schön kokettiert die Sonne mit der blauen Wasserfläche, tupft tausend Lichtklekse hin, tausend blinkende Tropfen oder hurtige kleine Keile aus Licht, die zittern und verglühen. Denn das Schiff fährt. Es fährt nicht nach, es fährt gegen Helgoland, will sagen: in die Nähe. Und verlegen dreht man das Papierheft in den Händen, das hübsche Programm, würdig einer Welturaufführung, von der viele glaubten, es werde ein Untergang werden. "Briefly the arrangements are as follows: –", so steht im Programm geschrieben: "Oberland: Schröder Sattel-500 tons Explosives, Jakobsen Battery 350 tons Unterland: U-boat Shelter 260 tons Main Storage Tunnels 3500 tons. Nett total of Explosive: 4610 tons." Also für die beiden Geschützanlagen auf dem Oberland, benannt nach Schröder und Jacobson – wer weiß, was das für unnützige Männer waren? – und für den U-Boot-Bunker und die Munitionslagerräume im Unterland summa summarum 4610 Tonnen Sprengstoff! Niemals in der Weltgeschichte, abgesehen von dem, was die Atombomben schon zu bieten hatten, ging eine so sagenhaft geballte Ladung von Sprengstoff auf einen einzigen Schlag in die Luft, wie es jetzt am Opfer Helgoland geschehen soll: auch dies eine Andeutung aus dem Programm, Wie doch die Sonne glänzt und bräunt!

Das Schiff heißt "Danzig", ein Bergungsschiff, und ist aus der Stadt seines Namens gekommen, damals "auf der Flucht vor den Ereignissen". Kein Luxusschiff, sondern ein Arbeitstier. Stammt aus der Ostsee und darf nun dieses Ereignis in der Nordsee miterleben, das womöglich nicht ganz ungefährlich ist. Aber die Jungens der Besatzung trinken Muckefuck-Kaffee, schmieren Brote, und einer liest einen gefühlvollen Roman. Wenn ich das ansehe – wieso waren dann die Leute soeben in Cuxhaven so aufgeregt? Hingen vorsorglich die Fenster aus dem Rahmen! Gingen zum Strand, als wollten sie schon um einhalb Zehn morgens die dicke Rauchwolke erwarten, die doch erst punkt ein Uhr über Helgoland aufgehen würde! Und erst die Hamburger, über rund zweihundert Kilometer von Helgoland entfernte Bekanntmachungen in den Schulen; denn der Bürgermeister war um die Kinder besorgt, die beim Luftdruck aus Helgoland unter niederstürzenden Hamburger Ruinen begraben werden könnten. Und ein Fraktionsvorsitzender hatte sogar angeregt, man solle ein Übriges tun und wenigstens aus den wackligsten Wohnungen die Möbel auf die Straße tragen, besorgt, daß nicht etwa ein altes Sofa Schaden nähme an Beinen, Lehnen, Polsterung. Gleichgültig aber, ob man in Hamburg den Luftdruck von Helgoland spüren wird oder nicht – er hatte recht darin, zu sagen, daß heute nichts ersetzt werden könne. Eigentlich nicht einmal eine Insel! So in Hamburg. Und wie man ferner weiß: alle Seismographen im globalen Erdenrund zittern in dieser Stunde vor Erwartung auf das Erdbeben von Helgoland. Ach, wir sind alle, empfindlich an den Nerven geworden, nicht/nur die Seismographen. Aber da steht nun im frischen Wind an der Reling dieser "Danzig"-Junge, der nicht zweihundert Kilometer entfernt bleiben, sondern auf neun Meilen an den Ort der Handlung heranfahren soll, und verspeist seelenruhig sein Stücklein trocken Brot. Wie? Eine Insel soll – wie die Pessimisten, die Schwarzseher, die Vorsichtigen oder die Res-sentimentalen sagen untergehen? Ein Inselchen, auf dem rund zweitausendfünfhundert Insulaner lebten, die Kurgäste nicht eingerechnet, denen – leider und bekanntlich mit bösen Folgen – das Militär während der Kriegstage den Rang streitig gemacht hat? Ein Fels im Meer, der schon deutsch, dänisch und englisch war und im Moment nicht nur geographisch, sondern auch juristisch aus dem so fragwürdig gewordenen – "Deutschen Reich" überhaupt herausgeschnitten und der englischen Navy unterstellt wurde – dieser Fels also soll vielleicht ganz verschwinden? Pah, für diesen Jungen auf der "Danzig" ist wahrscheinlich – ganz Ostpreußen, Westpreußen, Danzig untergegangen!

Elbe III ... Elbe II ... Elbe I ... das sind die loten Feuerschiffe, die auf. den Stationen der mehr als dreistündigen Fahrt temperamentlos-dümmlich vor sich hin dümpeln. Und dann ist der Platz erreicht, von wo er beobachtet’ werden soll, der große Knall von Helgoland. Die Maschinen stoppen, denn fern ist der rötlich schimmernde Fels am. Horizont aufgetaucht. Die Sicht ist klar; man wird die größte Explosion Europas wunderbar beobachten können. Vier Schiffe namens "Bleasdale", "Dunlirk", "Albacore" und "Lasso" sind hintereinander in würdigen Abständen vor Anker gegangen und bilden sozusagen ein repräsentatives Parkett für de Ehrengäste, unter ihnen Sir Sholto Douglas, der Luftmarschall. Dahinter, – gleichsam in der zweiten und dritten Reihe, ankern andere Schiffe, darunter die "Danzig", sozusagen die minderen Hänge im Theater, dessen blaugetönte Kulisse Meer und Himmel sind. Doch um es genauer zu sagen: zwei von den Schiffen in der ersten Reihe wirken in der Handlung mit. Denn wenn auf dem Zerstörer "Dunkirk" das Flaggensignal "Feuererlaubnis" (aufgehen wird, dann wird an Bord des Kabellegers "Lasso" der Lt. Commander Mildred auf den Knopf drücken und durch Unterseekabel den tödlichen elektrischen Funken zur Insel hinüberspringen lassen, und dann wird Helgoland in die Luft gehen. Das wäre, dann also, wenn die Operation, die den Festungswerken gilt, für die gesamte Insel tödlich verläuft, eine elektrische Hinrichtung. Aber ist Helgoland nicht eigentlich längst schon tot? Tödlich getroffen durch jene Bomben aus tausend Flugzeugen, die am 18. April 1945, drei Wochen vor Kriegsende, alle Häuser wegwischten, während die Helgoländer, die – – anders als im ersten Weltkrieg – daheim geblieben waren, in den Bunkern, tief drunten im Felsgestein, zitterten? Das also war am 18. April .. Ja, welchen Tag haben wir denn heute? Den 15. April! Nichts als zwei Jahre Unterschied. Zufall oder schaukeln, Wie dem auch sei: zwölf Schiffe ankern, schaukeln, dümpeln, warten. Die Sonne leuchtet, und auch Zaungäste haben sich eingefunden: Frachtschiffe auf dem Weg nach England oder sonst wohin. Sie hätten ja wohl eigentlich anderes zu tun. aber soviel Zeit haben sie noch, sich das anzusehen, was nach der Mitteilung von "New York Herald Tribune" geeignet sei, "die. Deutschen ins Mark zu treffen". Das darf man sich nicht entgehen lassen, das muß man gesehen haben, dies Ereignis, von dem alle Welt spricht, diese größte Explosion Europas.

Kurz vor 13 Uhr. Die Maschinen der Schiffe sind abgestellt. Es ist still wie bei einem Begräbnis, ehe der Sarg versinkt. Die Trauergäste stehen im Kreis, und auch die weniger trauernden Gäste. Auch läßteine Glockenboje irgendwo im Wasser ein kleines, klagendes Geläut ertönen. Die nächsten Angehörigen sind diesmal freilich nicht dabei: die Helgoländer, die elend und arm als Flüchtlinge im Kreis Segeberg leben, eine aufgelöste Gemeinde, – heimwehkrank und so verzweifelt, daß viele von ihnen liebend gern dänisch oder englisch würden – oder was auch immer der Insel bestimmt wäre – dürften sie nur ja eines Tages wieder heim. Stockt ihnen jetzt das Herz? Achtung, es ist kurz vor 13 Uhr. Zwei Flugzeuge schwirren herbei und wollen auch, etwas sehen. Und jetzt...