Von Josef Marein

Am Anfang stand ein Irrtum. Als der chaotischeZustand in Deutschland vollständig geworden war und dennoch nicht nur die Optimisten an eine rasche Wendung zum Guten glauben wollten, hatten sich viele Hoffnungen der auf Wanderschaft geratenen Künstler auf Hamburg, die größte Stadt der britischen Zone, gerichtet. Sie sahen den erhaltenen Stadtkern und vermieden geflissentlich, die Trümmer ringsum zu sehen. Doch nur zu bald fühlten die erwartungsvollen Prominenten sich einigermaßen getäuscht. Die Hafenstadt mit dem toten Hafen konnte nicht halten, was die leidlich unversehrte Silhouette der Wohnbezirke von der Alster bis hinaus nach Blankenese zu versprechen schien. Und als die allgemeine Unordnung Deutschlands ein wenig übersichtlicher zu werden begann, regte sich in jenen der Wandertrieb von neuem, die sich mehr oder minder vom Zufall an die Alster hatten verschlagen lassen. Sie waren gewohnt, begehrt zu werden, aber die Atmosphäre der Stadt war kühl geblieben. Heinz Hilpert, von dem man Anlaß hatte zu glauben, daß er als starker Mann erscheinen werde, konnte sich nach langem Zögern gar nicht erst entschließen, seßhaft zu werden. Und letzthin hörte man,-daß Helmut Käutner, dem man nicht nur die ersten vortrefflichen Theaterinszenierungen. sondern auch ermutigende Ansätze dazu verdankt, die Filmproduktion in Hamburg zu beheimaten, es satt habe, von einem Halbjahr zum anderen um neue Aufenthaltserlaubnis innerhalb der zerbrochenen Stadtmauern nachzusuchen. Nichts Rechtes zu essen und keine rechte Wohnung zu haben, pflegt nun einmal dann besonders ärgerlich und bald geradezu unerträglich angesehen zu werden, wenn andere Städte, Wien sie groß oder klein, mit den Aussichten auf bessere Lebensbedingungen winken. Und da Hamburg in dieser. Hinsicht ehrlicherweise keine Besserung versprechen konnte, erwachte bei den Prominenten die schon erloschen geglaubte Liebe etwa zum verlassenen Berlin neu, wo sie sich, den inzwischen ausgerichteten Grüßen zufolge, in der Tat bedeutend wohler fühlen, obwohl die äußeren Bedingungen im Spree-Athen nicht allzuviel günstiger erscheinen Bis in der Stadt an der Alster, die sich nicht rasch genug entschließen konnte, ein "Athen" zu werden, jedenfalls nicht fürs Theater.

Hamburg ist – obwohl das Konservatorium niemals eine Rolle spielte – alleweil eher eine Musikstadt als eine Theateistadt gewesen, trotz der glanzvollen Ära des Barons Berger und Erich Zieglers, der nach dem Kriege zwar von den Wissenden zurückersehnt, aber von den Verantwortlichen wohl nicht einladend genug gerufen wurde. Das Opernhaus ist’-es, das den Ruhm Hamburgs verbreitet, so, als sei der geniale Günther Rennen nicht, wie viele andere Vortreffliche, mehr durch Zufall hierher verschlagen worden, sondern vielmehr mit der wohlerwogenen Absicht, durch die Berufung eines avantgardistischen Theatermannes dem Umstand Rechnung zu tragen, daß in der Umgebung des Gänsemarktes einst die erste deutsche Oper gespielt hatte. Dem Schauspiel aber fehlt ein Regisseur von Rennerts Graden. Es fehlen die Regisseure überhaupt. Auch der junge Otto Kurth, der – ein langjähriger Mitarbeiter von Gustaf Gründgens – nach Hamburg gekommen war und dem bald nach der Wiedereröffnung der Theater eine "Liliom"-Inszenierung gelungen war, an die man sich heute noch gern erinnert, ist via Rundfunk nach Berlin zurückgekehrt, woher er gekommen.

Seltsam, auf dem Gebiet der bildenden Künste, die früher auch nicht gerade an der Sonnenseite des Hamburger Lebens hatten wohnen dürfen, hatte die Wiederaufrichtung der Landeskunstschule Gelegenheit gegeben, Künstler, ganz großen Formats – wie etwa die Bildhauer Marcks und Scharff – nach Hamburg zu ziehen und hier zu halten: eine ähnliche Chance ist auf dem Gebiete des Theaters nicht genutzt worden, und Arthur Hellmer, der neue Intendant des Staatlichen Schauspielhauses, traf aus London, wo er in der Emigration gelebt hatte, gerade rechtzeitig ein, um in höchst erregte Diskussionen um das Theater und innerhalb seiner Mauern hineinzugeraten, die er mit der Duldsamkeit des alten Praktikers und der Leidenschaftslosigkeit des lebenserfahrenen Mannes besänftigen konnte.

Hellmer weiß natürlich auch – und wer wüßte es nicht? – daß es darauf ankommt, Ensembles zu bilden. Dazu aber braucht er Zeit, und die Hamburger sind geneigt, nachsichtig zu sein und nicht zu verlangen; daß die Früchte vor- – zeitig reifen. Die Künstler selbst, haben sie sich erst mit den mehr als bescheidenen Lebensbedingungen Hamburgs abgefunden,sind – ob prominent, oder nicht prominent – bereit, das Ihre zur Bildung des Ensembles beizutragen. Und so scheint es, daß die von Natur aus kühle Atmosphäre der Hafenstadt, deren wirtschaftliche Sorgen zu groß sind, als daß man sich um die künstlerischen Note nicht weit weniger Gedanken machte, so scheint es also daß diese Atmosphäre den Theaterleuten, ob sie wollen oder nicht, Bescheidenheit aufzwingt und sie auch fähig zur Selbstkritik und zur Selbstdisziplin werden läßt. Eigenschaften, die – sofern sich eine bisher allzu betont zurückgehaltene Lust zum Experiment endlich durchzusetzen vermöchte: worauf manches schließen läßt – endlich die Voraussetzungen einer Theaterkultur erbringen können; einer Kultur, die sich, dem Merkmal Hamburgs entsprechend, um Solidität bemüht.