Im Herbst vorigen Jahres hatte die Offenbacher Lederindustrie eine Kollektion bester Lederwaren nach den Vereinigten Staaten geschickt. Vor kurzem kam diese Sendung zurück. Sie konnte nicht verkauft werden, denn sie entsprach nicht dem Geschmack der Verbraucher in USA. Wie gemeldet wurde, bleibt die Ware zunächst weiter zur Verfügung der OMGUS, die versuchen will, sie auf andere Weise zu verkaufen.

Dieser Vorgang ist in mehr als einer Hinsicht lehrreich: Für die am Export beteiligten deutschen Firmen wie auch für alle mit Ausfuhrgeschäften befaßten Stellen. Er bestätigt, was im Zusammenhang mit den Forderungen, die Möglichkeit eines persönlichen Konnexes mit den ausländischen Kunden herzustellen, immer wieder als unbedingt erforderlich hervorgehoben wurde: Den sachverständigen AußenhandelskaufleutenGelegenheit zu geben, nach der langjährigen Abschließung Deutschlands sich über ausländische Märkte,Ansichten, Modeeinflüsse, Geschmacksentwicklungen oder technische und allgemeine Fortschritte selbst orientieren und das Gelände abtasten zu können, auf dem Abschlüsse erfolgen sollen. Gewiß sind in der letzten Zeit wieder einige Hindernisse abgebaut worden. Aber es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, wollte irgendeine Stelle annehmen, daß z. B. die Aufhebung der Feindhandelsgesetze mehr sei als die formale Beseitigung einer einzelnen von sehr zahlreichen Schwierigkeiten. Die eigentliche intensiveAußenhandelsarbeit beginnt erst jenseits dieser und anderer Klippen.

Es ist auch nicht so, als ob man draußen auf uns wartete und etwa mit einem Seufzer der Erleichterung das Wiedererscheinen deutscher Erzeugnisse „endlich“ begrüße. Gewiß ist es für den Satten schwer, die Gefühle des Hungernden zu verstehen. Aber Umgekehrt darf auch derjenige, der bittere Not an den alltäglichsten Gebrauchsgutem. leidet, nicht die Meinung hegen, der andere hungere in gleicher Weise nach Ware wie er selbst und sei bereit, sie auf jeden Fall abzunehmen, wenn überhaupt nur ein Angebot gemacht werde.

Dieser Illusion scheint man in gewissem Umfange verfallen zu sein, es sei denn, daß nur Mangel an Sach- und Fachkenntnissen diese Fehlleitung von Material und Leistungen verursachte. Auf deutscher Seite ist dabei um so weniger ein Vorwurf zu machen, als wohl keiner der Hersteller sich in Anbetracht der ihm gegebenen Informationsmöglichkeiten bewußt sein konnte, unmodische Artikel anzubieten, sondern im Gegenteil, wie ausdrücklichbestätigt wurde, nur „ausgesucht schöne“ Lederwaren in dieser Kollektion zusammenstellte. Aber solche Fälle dürfen sich, in unserer prekären Situation nicht oft wiederholen. Gerade für modische und geschmacksempfindliche Artikel liegt aber eine solche Gefahr solange nahe, ehe nicht auch dem deutschen Exporteur die Gelegenheit eingeräumt wird, sich im Auslande genau so über den Stand der Dinge zu unterrichten, wie der ausländische Importeur jetzt die Möglichkeit hat, das in Deutschland vorliegende Warenangebot zu studieren. Trotz aller Verbeamtung des Außenhandels lassen sich eben solche einfachen Tatsachen nicht beiseite schieben, daß es auch hier beim Kauf und Verkauf wie bei jedem Geschäft auf den persönlichen Kontakt ankommt und sich der Außenhandel praktisch in vielen tausenden kleinen und kleinsten Einzelgeschäften darstellt und die Millionenabschlüsse leider nur die Ausnahmen sind. Überall, wo persönlicher Geschmack und individuelle Neigungen entscheidend sind, kann weder Katalog, noch Zeichnung, noch Prospekt die Ware vertreten und kann sich auch der deutsche Exporteur selbstaus den schönsten Magazinen kein hinreichendes Bild machen, um die Vielgestaltigkeit des ausländischen Warensortiments für die Gestaltung seiner eigenen Produktion nutzen zu können. Modische und andere hochwertige Gebrauchsartikel bedürfen einer anderen Exportpflege als Ersatzteile für Maschinen und Serienerzeugnisse. Diese Tatsache hat dasBeispiel der Offenbacher Lederwaren nochmalsbestätigt.

Der von den USA abgelehnte Posten Lederwaren ist, wie ergänzend zu berichten ist, inzwischen von schwedischen Firmen übernommen worden: Eine weitere, ursprünglich für Dänemark bestimmte Lieferung ging nach Holland und eine dritte in die Schweiz. Zur Förderung der Exportbestrebungen der Offenbacher Feinlederwarenindustrie wurde die „Offenbacher Lederwaren-Export-Genossenschaft vor kurzem gegründet, der sich bisher etwa 130 Lederwarenhersteller angeschlossen haben. – oe –