Die offiziellen Besuche französischer Minister in Nordafrika überstürzen sich. Soeben ist M. Naegelin, der Erziehungsminister, von einer Reise durch Algier zurückgekehrt, während der Verkehrsminister Marokko besuchte. Der Innenminister Depreux ist am 10. April nach Algier abgereist, und der Staatspräsident Auriol hat wenige Tage später seine Reise nach Französisch-Westafrika angetreten.

Zur gleichen Zeit, da in Südafrika der englische König gleichermaßen herzlich von Eingeborenen, Indem und weißer Bevölkerung – begrüßt wird, werden allenthalben in den französischen Besitzungen des afrikanischen Kontinents die Truppen verstärkt, und die agitatorische Tätigkeit nationalistischer Parteiführer besonders in Nordafrika wird im Mutterland mit eine? gewissen Beunruhigung verfolgt. Das zunehmende Interesse, das die französische Regierung ihren nordafrikanischen Besitzungen zuwendet, und das sich keineswegs in Ministerreisen und Staatsbesuchen erschöpft, sondern seinen Niederschlag in zahlreichen liberalen Reformen und fortschrittlichen Wirtschaftsplänen findet, kann über die starken Spannungen, die diesen Raum beherrschen, nicht hinwegtäuschen. Diese Spannungen sind nicht neu, haben aber in der Zeit zwischen 1940 und 1945, in der das französische Prestige in diesen Gebieten eine starke Einbuße erlitt, stark zugenommen, und schließlich in den sehr blutigen Aufständen 1944 in Marokko und 1945 in Algier offenen Ausdruck gefunden.

Einige Tage bevor Auriol zum Präsidenten gewählt wurde, hat er anläßlich eines Besuches in Marokko der Hoffnung Ausdruck gegeben, es möchte gelingen, die „nationalen Aspirationen“ dieses Landes in kurzem zu „reorganisieren“. Heute gewinnt man den Eindruck, daß die französische Idee einer solchen Reorganisation vielleicht darin besteht, das Protektorat in eine unabhängigere Form der Selbstbestimmung – wie sie etwa der Dominiumstatus bieten würde – umzuwandeln, wobei Voraussetzung und unmittelbare Folge, dieses Schrittes zweifellos wäre, Marokko in die französische Union einzugliedern. Für Frankreich hätte eine solche Entwicklung nicht nur zahlreiche wirtschaftliche Vorteile im Hinblick auf die marokkanischen Vorkommen an Kohle, Blei, Magnesium und Phosphaten, es würden dadurch auch die Schwierigkeiten beseitigt werden, die der politichen Entwicklung des Protektorats durch die Beonderheit der Verwaltung erwachsen.

Wie aber stellt sich dieses Problem den Marockanern dar? Da ist zunächst seine scherifische Majetat der Sultan, dessen Herrschaftsbereich gleichzeitig Spanisch-Marokko und das internationaisierte Gebiet von Tanger umfaßt und dessen treben naturgemäß dahin geht, diese drei Zonen allmählich wieder zu, einer Einheit zusammenzuschließen. Der wachsende Einfluß der arabischen Union, die im vorderasiatischen Raum immer mehr an Gewicht gewinnt, übt ihre Anziehungskraft neuerdings auch auf die arabischen. Völker Nordafrikas aus. Die Entwicklung in Syrien und Libanon und der Kampf Ägyptens um seine Unabhängigkeit sind die Beispiele, auf die die unabhängige Partei Marokkos, die heute noch verbotene „Istiqlal“, immer wieder hinweist. Auch der – Sultan hat in einer viel beachteten Rede in Tanger, wohin er sich in Begleitung des französischen Generalresidenten begeben hatte, soeben sehr nachdrücklich auf die Beziehungen zur arabischen Liga hingewiesen und sich den französischen Reformplänen gegenüber sehr reserviert gezeigt.

Es herrscht offenbar das Gefühl vor, daß die Konzessionen, die Frankreich heute bereit ist den Unabhängigkeitsbestrebungen Marokkos einzuräumen, reichlich spät kommen. Die zunehmende nationalistische Propaganda im benachbarten Algerien, wo Messalie Hadj und die Partei des algerischen Manifest unter ihrem „Führer Ferhat Abbas die Massen in Bewegung bringen, verstärkt zweifellos die Opposition gegen den französischen Einfluß in Nordafrika.

Die sozialistische Vereinigung von Marokko hat neulich anläßlich einer Zusammenkunft in Rabat ebenfalls die Forderung nach Selbstbestimmung Marokkos erhoben, allerdings offenbar im Hinblick auf eine Eingliederung des Landes in die französische Union. Es scheint, daß dieser Plan sich bisher bei der Masse der Bevölkerung einer gewissen Popularität erfreut, während für die Oberschicht und die Intellektuellen der Istiqlal-Partei die jahrhundertealte Tradition eines unabhängigen Marokko im Vordergrund steht.

Vielleicht wird Marokko, das zu Beginn dieses Jahrhunderts im Brennpunkt des allgemeinen politischen – Interesses stand und das seit den Tagen des portugiesischen und spanischen Weltreichs über die Straße von Gibraltar hinweg eng mit Um Konflikten der europäischen Mächte verwoben war, jetzt wieder stärker in den Vordergrund treten. Marion Gräfin Dönhoff