Von Hanns Braun

Im fünfundvierziger Jahr, im bittern Hoffnungsgrün des Zusammenbruchs, haben viele prominente Schauspieler die sinkende Reichshauptstadtverlassen und sind da und dorthin, die meisten jedoch nach München emigriert. Nicht alle, aber doch fast alle waren einst von München „ausgegangen“. Deswegen merkten die Münchner gar nicht, daßjene sich vielleicht als Verschleppte fühlten, sondern glaubten, das seien wiedergekehrte Lieblinge, und freuten sich herzlich. Sie waren wohl traurig, aber nicht böse gewesen, als jene fortgegangen; denn sie wußten aus Georg Kaisers „Zwei Kravatten“: „Man muß dem Menschen seine Chance lassen, / Denn seine Chance ist des Menschen Gott/“ Aber andererseits auf die Idee, München könne Abstieg bedeuten für einen Zurückkehren auf diese Idee verfielen sie nicht, – wahrscheinlich weil sie immer genug prominente Theaterleute behalten hatten, die gar nicht erst wegwollten, und zum andern, weil es ihnen die wiedergekehrten Prominenten unaufhörlich selber versicherten: Daß. sich in München „großes Theater“ machen ließe, auch und gerade jetzt, das wollten also die Münchner gerne glauben, und Erich Engels erste Inszenierung schien sie darin 211 befestigen.

Inzwischen ist viel Hoffnungsgrün verwelkt, unddie Schwierigkeiten der Zeit in Gestalt von Dingen, die einfach nicht da sind, haben auch das Theater erreicht, das seine Genien zunächst davor zu bewahren schienen. Premieren werden notwendig rar, wo der Nagel immer erst muß gesucht werden, der das Brettergerüst, zusammenhält. Der Ruf: Prominente aller Berufe vereinigt euch und seid mißvergnügt! braucht nach so viel „Winter unseres Mißvergnügens“ kaum noch ausgestoßen zu werden. Insofern ist es nicht verwunderlich, daß auch die Prominenz des Theaters Zeichen der Ungeduld von sich gibt. Aber die Prominenz sagt dann nicht, was wir alle, mit einem Anflug von Zärtlichkeit, immer schon behauptet haben: daß München ein „großes Dorf“ sei (was bekanntlich nicht nur Nachteile hat), sondern sie meint, es sei doch wohl, na also heraus mit dem Wort: „Provinz“. Nichts ist begreiflicher als Sehnsucht des Mimen nach dem Ort, der berlinwärts auf der Lauer liegt, daß nun sogar Gustaf mit f in die „Provinz“ – pardon nach Düsseldorf halbwegs ausgebüxt ist.

Aber läßt sehn: vielleicht sind die Prominenten selbst nicht unschuldig daran, daß da, wo sie teilen, Provinz entsteht. Und vielleicht könnten sie selbst dazu beitragen, daß sie verschwindet. Wie das? Nun, sie brauchten es nur genau so zu machen, wie sie es in Berlin gewohnt waren: jedesStück in voller Breite mit sich selbst, mit Prominenz, besetzen. Denn dies war das Auszeichnende der besten Berliner Theateraufführungen schon zu Max Reinhardts Zeiten: jede Rolle, auch die kleinste, hatte erstklassige Darsteller. Sollten sie jetzt, vergessen haben, daß auch kleine Rollen den Schauspieler nicht hindern, groß zu sein? Nun, leicht ist Solche Erkenntnis wohl auch in Berlin keinem gefallen, wenigstens-was die eigne Person angeht. Aber wenn sie etwa Rollen, die sie dort am Ende doch gespielt hätten, außerhalb Berlins ablehnen, dann, ja dann hat ihr neuralgisch gegewordenes Prestige genau das bewirkt, was sie doch verabscheuen: das Provinzielle. Es tritt zurtage, daß mancher, der München die Chance „großen“ Theaters zusprach, dabei Offenbar nur von sich ausging und ohne auf die Vorrechte des„Mauernweilers“ verzichten zu wollen, einziger Stern unter lauter Spiralnebeln zu sein. Daß der Gast-Gesinnte auch die einheimischen Prominenten bockig macht, kann nicht ausbleiben. Verhindert wird, was allein (zuweilen sogar ohne Sterne erster Größe) „großes Theater“ zu wirken vermocht hat: der Geist des Ensemblespiels.

So ist die Lage; Die Not wird noch lange verhindern, daß genügend Premieren hintereinanderweg jedem Prominenten die ersehnten und verdienten Hauptrollen in den Schoß werfen. Was hülfe es da, sich im Warten zu verbittern und andern die Schuld geben. Entspräche es nicht dem Beruf, der wie kein andrer „geizen“ muß (nicht mit sich selber, sondern „mit dem Augenblick“), die Gelegenheit zu ergreifen, auch die kleinere, und sie zept: „Wo ich spiele, ist immer oben!“?

„Provinz“? Sie entsteht wirklich nicht nur durch Abwesenheit von Prominenz. Sie entsteht auch, wo Prominenz sich spreizt und weigert. Das müßte nicht sein. Hier nicht.