Von Johann. Albrecht v. Rantzau

Nachricht zu geben aus der Welt des geschichtlichen Denkens bedeutet heute in Deutschland – wie könnte es anders sein – die Erörterung weitgehender Veränderungen in der Auffassung und Beurteilung der Vergangenheit. Es war das Bemühen des Großdeutschen Reiches, an die breitere Öffentlichkeit nur solche geschichtliche Arbeiten gefangen zu. lassen, die die Geschichte als notwendige Vorbedingung für den großdeutschen Herrschaftsanspruch behandelten. Historische Darstellungen, die nicht von der nationalsozialistischen Weltanschauung getragen waren, wurden höchstens im Schatten geduldet. Gewünscht wurden, auch in der wissenschaftlichen Literatur, nur „ausgerichtete“ Produktionen. Nicht immer nahm der Versuch, die Vergangenheit zugunsten der Gegenwart zu entrechten und zu verfälschen, eine so drastischgroteske Form an wie nach jenem Vortrag über Goethe in der Preußischen Akademie der Wissenschaften: der Akademiepräsident, in schwarze Uniform gekleidet, redigierte die Ausführungen eines hochangesehenen österreichischen Historikers über. Goethes Verwurzelung im alten Römischen Reich Deutscher Nation dahin um: „Wir sehen also, daß Goethe, wenn er heute lebte, keinen Augenblick gezögert hätte, ein getreuer Gefolgsmann des Führers zu werden.“

Heute kommen nun solche historisch-politischen Auffassungen zu Wort, die sich während des Dritten Reiches nicht an die Öffentlichkeit wagen durften. Sein Bekenntnis zum Staatsideal der Französischen Revolution, zur Verankerung von Freiheit und Recht im Staate, hätte der Frankreichspezialist Martin Göhring während jener zwölf Jahre nicht ablegen dürfen. („Weg und Sieg der modernen Staateidee in Frankreich“, J. C. B. Mohr, Tübingen 1946.) Ein besonders aktuelles, mit den Erörterungen über die Formen der heutigen Demokratie. verbundenes Interesse gewinnt Göhrings Analyse der politischen Literatur Frankreichs im 7. und der Jahrhundert dadurch, daß sie in den Segensatz zwischen Montesquieu und Rousseau, wischen traditionsgebundenem, an England orientiertem Liberalismus und rein auf das Naturrecht gegründeter Demokratie ausmündet. Montesquieu ihn die Freiheit auf die germanische Überlieferung zurück; Rousseau auf die Natur selbst, Während es Voltaire, dem dritten großen kulturpolitischen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, nicht so sehr an politischer Freiheit wie an selbständiger, besonders von der Kirche unabhängiger geistiger Kultur gelegen war.

Der Freiheitsbegriff des 18 Jahrhunderts ist auch die zentrale Position, um die Alfred Weber seine Überwindung des Nihilismus aufbaut. Denn dieser Untertitel seines neuesten Buches („Abschied von der bisherigen Geschichte. Überwindung des Nihilismus?“, Ciaaßen und Goverts, Hamburg 1946) umgreift den weitaus wichtigsten Teil dieses späten Werkes des bekannten Kultursoziologen. Es handelt sich dabei um einen mit eindrucksvoller geistiger Leidenschaft unternommenen Versuch den vielerörterten Nihilismus unseres 20. Jahrhunderts mit Hilfe einer neuen Geschichtsmetaphysik zu überwinden. Weber sieht den Nihilismus, den auch er zur Sophistik der Antike in Parallele setzt, entstanden aus übermäßiger Rationalisierung und Biologisierung des modernen Denkens. Nietzsches Herrenmoral ist für ihn die bedeutungsvollste Kundgebung der nihilistischen Gesinnung; er belegt diese Ansicht mit jenem allerdings höchst eindrucksvollen Satz, in dem Nietzsche seine neuen Machtmenschen feierte: „...welche vielleicht voneiner schimpflichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermut davongehen, als ob ein Studentenstreich vollbracht sei.“

Die Überwindung des modernen Nihilismus versucht Weber aber mit Hilfe einer neuen Weltdeutung, in einer Besinnung auf die, „transzendenten, Mächte“ des Daseins die dem Leben sozusagen zugrunde liegen, Mächte, teils gut, teils böse – hierin anders als die Ideen aller platonisierenden Systeme –, die unveränderlich, wenn auch in wechselnder weltlicher Offenbarung existieren. Entdecker dieser Mächte sind ihm vor allem die großen Dichter Dante, Shakespeare, Goethe, während die Vernunftphilosophen des 18. und 19. Jahrhunderts wie Kant und Hegel da sie den Kern der Welt in Ideen sahen, den Zugang zu den Mächten verloren. Was bedeutet nun neben dieser Auseinandersetzung mit dem Nihilismus der „Abschied“ von der bisherigen Geschichte, jener andere Gedankenkomplex um den Webers Darstellung kreist? Er bedeutet nichts weniger, als daß Weber, mit apodiktischer Gewißheit in unseren Tagen eine Jahrtausende umfassende hochwichtige Epoche der Menschheitsgeschichte für abgeschlossen erklärt. Dieser Abschnitt begann um 1200 v. Chr. mit dem

Einbruch der Reitervölker in die Gebiete westlich des Hindukusch. Er ist gekennzeichnet durch das Nebeneinander von – rivalisierenden Staaten, die autonom und souverän Machtpolitik gegeneinander betreiben – ganz gleich, ob es sich um Monarchien oder, in der jüngsten Vergangenheit, um demokratische Nationalstaaten handelt. Diese Ära der unbeschränkt souveränen Mächte ist mit dem zweiten Weltkrieg des 20. Jahrhunderts zu Ende. Die Staaten werden einen großen Teil ihrer Souveränität aufopfern, jedenfalls die kleineren und mittleren Gebilde, zu denen künftig auch Deutschland gehört. Sie werden dieses Opfer ihrer Souveränität bringen zugunsten eines regierenden Weltkonsortiums, das sich aus wenigen überragenden Imperien zusammensetzt.

Eine Umwandlung des geschichtlichen Denkens oder, genauer gesagt, des Denkens über die Probleme der Geschichtsschreibung, die vom politischen Geschehen abhängig ist, aber doch spürbar mit den geistigen Wandlungen unserer Zeit zusammenhängt, finden wir angestrebt in der große Beachtung verdienenden logischen Untersuchung von Julius Jakob Schaaf „Geschichte und Begriff“ (bei J. C. B. Mohr Tübingen 1946). Die grundsätzliche Bedeutung dieser nicht umfangreichen, aber um so gehaltvolleren Studie liegt darin, daß sie die Geschichtsschreibung von der Belastung durch jene philosophischen Systeme zu befreien versucht, die sich in den letzten Jahrzehnten an der Vielfalt der geschichtlichen Erscheinungen orientierten und dann die Geschichtsschreibung zu subjektivieren, das Vertrauen auf die Möglichkeit objektiver historischer Erkenntnis zu zerstören drohten. In der Absicht, den wissenschaftlichen Charakter der Geschichte sicherzustellen oder, wie er selbst sagt, eine „Kritik der historischen Vernunft“ zu bieten, setzt Schaaf sich besonders mit der Lebensphilosophie und dem neukantianischen Phänomenalismus auseinander.