Von Egon Vietta

Wir sind eine Heimkehrergeneration: das heißt mehr, als daß jeder von uns aus dem Feuer und Grauen des zweiten Weltkrieges wie aus einem Läuterungsofen zu sich heimgekehrt ist; mehr, als daß die Männer aus Gefangenen- und Internierungslagern heimfinden; mehr als der „Weg zurück“, den Erich Maria Remarque nach dem ersten Weltkrieg beschrieben hat. Denn das Zurück, das ist diesmal in Frage gestellt. Wo sind wir überhaupt noch daheim? In den Ruinen, den sichtbaren wie unsichtbaren, in der Unwirklichkeit eines Lebensstils, der sich von Erinnerungen nährt, in vagen, übereilten oder verzweifelten Zukunftshoffnungen, um die wir uns getäuscht wähnen?

Welche Erkenntnisse vermittelt eine Diagnose der Gegenwart? Peter Suhrkamp stellt sie nicht in einem anspruchsvollen, seelenkundlichen Grundriß, in einer pompösen Predigt oder einer statistischen Materialsammlung, sondern in einem beinah biedermeierlich bescheidenen „Taschenbuch für junge Menschen“ (Peter-Suhrkamp-Verlag, Berlin). Sie beginnt auch nicht 1945 oder 1933, sondern greift zurück auf die Jahrhundertwende, wo schon Hugo von Hoffmannsthal über die Heimatlosigkeit des modernen Deutschen, den mangelnden Zusammenhang seiner Lebensmitte, sein Unbehagen in der Zivilisation geklagt hat: „Es gibt Vornehme und es gibt Subalterne, es gibt Anmaßende und es gibt Demütige, es gibt Gelehrte und es gibt die vom gestrigen Zeitungsblatt Lebenden, und die einen puffen, die anderen ducken sich, die einen dünken sich was, die anderen genieren sich; aber es gibt alles keinen reinen Klang. Sie haben ein Oben und Unten, ein Besser und Schlechter, ein Gröber und Feiner, ein Rechts-und Links, ein Füreinander und Gegeneinander und bürgerliche Verhältnisse und adlige Verhältnisse und Universitätskreise und Finanzkreise; aber was in allem fehlt, ist eine wahre Dichtigkeit der Verhältnisse: es hakt nichts ins andere ein – es ist irgend etwas nicht drin, wofür ich dir den Kunstausdruck nicht zu finden weiß, was aber doch im englischen Wesen drin ist...“ Suhrkamps Taschenbuch ist als eine fortlaufende Polemik gegen unsere Flucht in die äußeren Umstände gedacht, es soll auch in den folgenden Jahren das menschliche Bild, das ihm als erzieherisches Programm vor Augen steht, der Jugend einhämmern. Wir müssen wieder lernen, daß allein der Mensch verantwortlich zeichnet. Sein Bild darf aber nicht zu hoch angesetzt werden, sondern lediglich „menschlich“. Als das Ideal dieses Menschenbilds bezeichnet Suhrkamp den „Ehrenmann“: „Entfaltung und Veredelung des eigenen Lebens: das ist der Weg unserer menschlichen Kultur. Kultur begreift nicht Veränderung und Vergrößerung des Lebenfelds und nicht Unendlichkeit ein, selbst Größe ist kein gültiger Gesichtspunkt für sie. Aber daß einer in sich dicht und solide gefügt, verläßlich wäre und daß er mit Sorgfalt und Liebe ans Leben der nächsten Gemeinschaft zum Ganzen geknüpft, daß einer ein Ehrenmann wäre, das ist das Bild, das einem jungen Menschen vorschweben könnte...“

Bis heute ist in der deutschen Publizistik kein gleich breit und fundamental angelegter Versuch sichtbar, die Stellung des jungen Menschen oder des Heimkehrers in der Nachkriegszeit im Geistigen zu verankern. Es ist auch nicht nur ein Denker, der diese moderne „Philothea“, dies Merkbuch fürs Leben, schreibt, sondern eine Elite von religiös und existentiell verwurzelten Schriftstellern, die aus der Nachkriegssituation heraus „geistig“ handeln: Das Wort „existentiell“ taucht auffallend oft in dem Buch auf, obwohl kaum einer der existentiellen Philosophen wie Kierkegaard, Jaspers, Heidegger, Sartre oder Camus zitiert wird. Dennoch ist die Übereinstimmung all dieser Ratgeber offenbar. Sie liegt in einem rückhaltlos offenen Verhältnis zur Wirklichkeit und in der offenen Kritik an der Zivilisation. Kein einziger Beitrag verliert sich in romantische Schöngeisterei. Es hat vielmehr den Anschein, als ob alle leidenschaftlich bemüht wären, das Unverlierbare, die unantastbare Substanz, den existentiell verbürgten Menschen herauszuarbeiten. Und dieses Philosophieren wechselt unmerklich ins Handeln hinüber. Es sind praktische, fast anonyme Anweisungen fürs Leben. Es ist das erste Handbuch existentieller Praxis seit Kierkegaards Tagebüchern. „Es ist besser zu sein als zu predigen“, notiert Kierkegaard. Wie aber ist dies „sein“ heute beschaffen? Was sollen wir tun?

Die Antworten sind verblüffend. Am klarsten spricht es Josef Pieper („Über das Schweigen“ und „Muße und Mußelosigkeit“) aus. Verlangt ist eine eigentümliche Form des Nicht-tuns. Das Nicht-tun setzt sich gegen eine bestimmte Form des Tuns ab, nämlich die – faustische. Das wird in einem Kulturgeschichtlichen Aufriß von Reinhold Schneider, in einer tiefen, wenn auch nicht philosophisch begründeten Feststellung von Heinrich! Schirmbeck exakt definiert. Unser zivilisatorisches Streben ist nämlich im Grunde kein „erfahrendes und erwerbendes“ Tun, sondern ein „spukhaftes Geschehn“ (Schneider). Wir gehen an unserem Aktivismus zugrunde, nicht an – der Arbeit. Arbeit ist eine gesunde Form des Tuns, denn „ein wirklich arbeitender Mensch wird auf die Dauer schwerlich hinsichtlich seiner Arbeit etwas darstellen können, was er nicht in sich hat, was er nicht ist“. Das wird von Hermann Stresau in einer bemerkenswert tiefen Studie über das echte Arbeitsethos ausgeführt. Das Gottesgnadentum des braven Handwerkes, das auch Hugo Kükelhaus in einer Rechtfertigung der alten Meister feiert, verhindert die anfänglich leichte Grenzüberschreitung der Zivilisation, die im Übermut, im Haltlosen, im Desaster und der Katastrophe endet. Die Gewissensschwankungen des modernen Menschen sind so auffällig mit der Erfolgs- und Aufstiegsneurose verbunden, daß die Wurzel des Elends im Verlust der rechten Mitte gesucht werden muß. Europa trägt den „Unsegen des modernen Menschentums bis in die Ehe-, Armuts- Verzweiflungs- und Neurosenhöllen“ (Herbert Fritsche). Es geht um die Therapie des Abendländers, denn das ganze Abendland lebt von dem mephistophelischen Schwindel, der mit den Gewalten, Inflation, Riesenbauten und Mammutunternehmungen jongliert. Der Mensch hat von Natur ein begrenztes Maß. Kükelhaus befürchtet, daß wir nach der Schrecksekunde des zweiten Weltkriegs von neuem in unser Laster, in das Unmaß zurückfallen werden, weil der europäische Mensch seelisch über seine Verhältnisse lebt. Aus der Forschung ist Zweckforschung (Schirmbeck), aus der Welt eine Beute geworden. Das Zauberstück der abendländischen Geschichte zerrinnt in den Händen des deutschen Faust. Nicht die Arbeiterkolonnen, sondern die Lemuren sind am Werk und schaufeln das Grab, in das die Dome und Münster, die Börsen und Fabriken, die Bahnhöfe und Wagenparks hinabstürzen. „Noch mehr, als wir wohl ahnen können, wird am diesseitigen Rande des Abgrunds zurückbleiben oder in die Tiefe stürzen; welches Wort aber überdauert Weimar und Frankfurt und Königsberg und all die Stätten, um die wir die Trauer, solange wir noch leben werden, nicht eine Stunde aus unserem Herzen bannen können?“ (Reinhold Schneider). Es ist nicht damit getan, daß wir das rechte vom unrechten .Schaffen und Werken sondern. Das rechte Tun, aus dem das rechte Wort entspringt, ist, abgesehen von den dringenden Lebensnotwendigkeiten, Aufgabe und Frage.

Das Eigentliche, das Grundethos, nach dem gelebt werden muß, wird behutsam ertastet. Jeder einzelne Mitarbeiter bemüht sich, so konkret und anschaulich wie möglich sein Bekenntnis zu modellieren. Diese Praxis erinnert an die „Confessions“, die „Personal Experiences“, wie sie in England ausgetauscht werden. „Einkehr vor der Umkehr“ formuliert es Rudolf Alexander Schröder, Damit allein ist aber dem Wahrheitssucher, zu dem jeder Heimkehrer wird oder werden sollte, nicht geholfen. Schröder will, daß aus seiner Situation heraus gedadt wird. Suhrkamps Brief an den Heimkehrer, warnt vor den Berufen, „in denen nur Handel getrieben und unterhandelt wird“, denn das sind Benfe, in denen weder Vernunft und Schönheit gefordert, noch Brot oder Gegenstände hervorgebracht werden. Der darin tätige Mensch, „vermählt“ sich nicht mit den Dingen, denkt und lebt in „Stakkatos“, in Unterbrechungen, er ist in der Welt nicht mehr zu Hause, er hat zwischen sich und dem Ding die abstrakte Welt der Zivilisationsmaschinerie geschoben.

„Ganz und gar Seele, Inneres zu werden – das ist der Sinn unserer Zukunft“, prophezeit Oelrichs. Praktische Beispiele dieser Verinnerlichung gibt Pieper namentlich in den einleuchtenden Betrachtungen über die Muße, die in der Zivilisation völlig untergegangen zu sein scheint: „Der Mensch muß sich selber loslassen und überlassen können, damit er auf solche Weise Berührung gewinne zu übermenschlichen, lebenspendenden Seinsmächten, die ihn dann erquickt und erneuert in den wachen Werktag entlassen.“ „Wasserwaage, Spiegel der Ausbalanciertheit“, nennt es Margarete Franck Severin. Suhrkamp empfiehlt ein anderes Heilmittel: das Lesen. „Lesen kann auch eine Form von Exerzitien sein.“ Wir haben also die Arbeit, das Lesen, die Muße, das Schweigen, das Sich-loslassen, als Mittel gegen die „dämonische Zerstörungsautomatik“ der Zivilisationsmaschinerie. Wir haben eine ganz andere, neue, verborgene, geheimnisvolle Welt entdeckt, die uns wider die „Rastlosigkeit einer selbstmörderischen Arbeitswut“ (Pieper) feit. Wir dürfen uns nicht einfach, wieder in den Zivilisationsprozeß einlassen, als sei nichts, geschehen, sonst versinken wir nach der „Schrecksekunde“ in dem hemmungslosen Rotationsumlauf, der Leben in Präzisionsarbeit verwandelt. Daraus gebe es dann keine Flucht mehr. Nur die endgültige Zerstörung, die Selbstzertrümmerung der Riesenmaschine bliebe zurück.