Hartgut, ein einfacher Mann aus dem Volke,

Junggeselle mittleren Alters, nicht unfähig, höherer Gefühle, geriet zum ersten Male in ein Konzert. Die Kunst begünstigte er schon seit vielen Jahren. Indes fand seine Neigung nur das Kino und gelegentlich auch, an Sonntagen, das Schauspiel: Plätze, wo alles leicht faßbar, sichtbar, deutlich und angenehm in Ohr und Auge drang.

Einmal besuchte er die Oper. Da er aber kein Wort der Sänger verstand; weil die Stimmen untergingen im brausenden Meer des Orchesters, ärgerte sich Hartgut so über die ihm unvollkommen erscheinende Interpretation, daß er die Oper schon nach dem zweiten Akt verließ, um sie nie wieder zu betreten. Konzerte zu hören, in denen das erklärende Wort fast gar nicht zu Worte kommt, kam ihm hiernach schon überhaupt nicht in den Sinn Die Zeiten boten raren Verdienst. Hartgut gab für Experimente kein Geld. Nur garantierten Freuden gab er sein Letztes.

Eines Tages bot man Hartgut eine Karte zum Geschenk. Musikalische Veranstaltungen in einer Fülle, die einen Rekord darstellte, verströmten einen Freikartensegen, der sogar bis in die Hände Hartguts tropfte. Hartgut nahm an, zwar etwas zögernd, denn es war eine Karte für ein Konzert. Immerhin war es ein Logenplatz und kostete nichts.

Hartgut ging hin, sein erstes Konzert zu hören. Hartguts etwas betretene Stimmung begann mit seinem Eintritt in den Saal. Berufsmenschen wie Hartgut verleben ihre Privatexistenz mit einer Einseitigkeit, die aus dem geringen Kräfterest, der ihnen nach der Tagesarbeit verbleibt, leicht erklärlich ist.

Von all den Erscheinungen, die er erblickte, hielt er zwar keine für falsch, auch keine für komisch oder gar lächerlich. Es war eben nur so, daß der Anblick dieses voll besetzten Saales, den er langsam und tiefsinnig von seinem Logenplatz – direkt über dem Podium und dem Orchester – aus genoß, ihn durch seine völlige Fremdartige keit sehr verwirrte. Die Lampen gingen gar nicht aus n dem Saal, als der Kapellmeister sein Podium betrat und die Musik begann. Ununterbrochen machen die sechs gewaltigen Kronleuchter den Raun mehr als taghell, und es war Schuld dieser Beleuchtung, daß Hartguts Augen und Gedanken sich nicht restlos der Musik ergaben.

Unziemliche Gedanken drangen auf ihn ein, wo er auch hinsah. Er sagte sich zwar, daß man ernst und andächtig bleiben müsse, denn was da musiziert und gesungen wurde, war Kirchenmusik aus des großen Johann Sebastian Bachs Geist, wie das Programm besagte, aber welcher Mensch könnte sich seiner Gedanken erwehren?