Das deutsche Theater ist heute mehr denn je heftigen, wenn auch nicht stets gerechtfertigten Angriffen ausgesetzt. Ehemalige, heute noch geheime oder umgetaufte Nationalsozialisten auf der einen, vom Nazismus gepeinigte oder ihm feindlich gebliebene Theaterfreunde auf der anderen Seite, sowie ausländische Beobachter, die die deutschen Aufführungen nach dem Zusammenbruch kritisch verfolgen, kommen zu sehr auseinanderstrebenden Meinungen. Die Intendanten namentlich der in der Planführung als maßgebend geltenden Metropolen wie Berlin, Hamburg und München sehen sich vor schwierigen Aufgaben, die heute entscheidende Entschlüsse verlangen. Diese Schwierigkeit durch das Zurückgreifen auf ältere bewährte Autoren zu umgehen, bedeutet ebenso ein Ausweichen vor eindeutigen Forderungen der Gegenwart, wie es die Aufführung von häufig nicht mehr zugkräftigen Stücken, die in der Nazizeit verboten oder unerwünscht waren, im Grunde-ebenfalls ist. Wir stehen nach der vieljährigen politischen Unterordnung unserer Bühnen, nach der nivellierenden Uniformierung des Spielplans und der unerträglichen geistigen Bevormundung in der Vergangenheit solch abweichenden Meinungen mit dem Wunsche gegenüber, die große zügige Gestaltung eines Spielplans wiedererleben zu dürfen, wie sie Berlin etwa unter Reinhardt darbot. Die kritischen, gelegentlich recht negativen Feststellungen ausländischer Beobachter nehmen wir mit der Bereitwilligkeit von vereinsamten, für Anregungen aufgeschlossenen. Menschen auf, denen während der zwölf Jahre durchstandenen Isolierung Vergleichsmöglichkeiten nicht geboten waren. Wir wissen auch, daß manch gutes, im Zusammenspiel vorbildlich konzentriertes Ensemble auseinandergefallen oder zerschlagen worden ist, wissen aber auch, daß der Nach wuchs (namentlich an weiblichen Darstellern) noch nicht jene kraftvolle Substanz überzeugend verbürgt, die dem Neuaufbau der deutschen Bühnen nottut. So bleibt uns auch die Frage wach, ob es eine deutsche Theaterkrise gibt oder ob sie – an dem Beispiel Berlin gesehen, das in Gefahr war, sein früheres absolutes Primat zu verlieren – bereits überwunden ist. Im folgenden bringen wir eine Gegenüberstellung von Meinungen über die gegenwärtige Situation des deutschen Theaters, gemessen an den Bühnen Berlins, Hamburgs und Münchens, doch gültig wohl auch für andere Städte.