Von Hans Hajek Ein Beamter ist ein Mensch, der den übrigen Teil der Menschheit acht Stunden im Tag als Bagasch’ behandeln darf.“ Dieser Satz des Wiener Possendichters Johann Nestroy, der so nebenbei der bedeutendste Satiriker und Sozialkritiker des Biedermeier war, gilt heute wie vor hundert Jahren, und nicht nur in Österreich. Daß der Beamte ein Diener des Staates oder der Gemeinde, im demokratischen Staat also ein Diener des Volkes sei, ist eine ebenso schöne Lesebuchphrase wie die über die weiland Fürsten und Könige, die sich bekanntlich auch Diener des Staates zu nennen geruhten. In Wirklichkeit benahmen sich die Fürsten bekanntlich ganz anders, und die Beamten eiferten ihnen nach. Auch heute noch steckt uns der Obrigkeitsrappel in den Knochen. – Aber es handelt sich hier gar nicht um die Frage, ob es überhaupt Beamte geben müsse und welche tatsächliche Stellung ihnen anzuweisen wäre.; es handelt sich vielmehr um die weit schwierigere praktische Frage, wie man mit Beamten zweckmäßig umgeht, ohne Schaden zu nehmen an Leib und Seele. „Man“, das will sagen: jener Teil der Menschheit, der nicht zu den Beamten gehört und also sich zwar zahlenmäßig in gewaltiger Überzahl, machtmäßig aber in erbarmungswürdiger Unterlegenheit befindet. Die Frage geht alle an, die Tag für Tag vom „Übermut der Amtes“, wie Shakespeare; sich ausdrückt, angeschnauzt, nicht angehört oder schlecht bedient werden.

Meine Furcht vor Beamten ist groß. Vorladungen auf irgendein Amt kosten mich noch heute schlaflose Nächte. Freiwillig habe ich, mit Ausnahme des Postamts und des Bahnhofs, noch niemals ein Amt oder gar eine Behörde betreten. Unumgängliche Besuche im Finanzamt, in Polizeirevieren, in Zollämtern, in Bürgermeistereien und anderen zur Wahrung untertäniger Ehrfurcht eingerichteten Stellen suche ich wenigstens solange wie nur möglich aufzuschieben. Diese Zurückhaltung ist das beste Mittel, mit allen Beamten gut auszukommen. Und dabei ist es den Beamten selbst nicht einmal unangenehm. Im Gegenteil. Je hochentwickelter ein Amt und die in ihm herrschende Bürokratie ist, desto schmerzlicher empfindet man dort die unberufenen Besucher als störend; sie sind gewissermaßen der Sand, der in eine sehr komplizierte Maschine gerät. Eine richtige Behörde steht durchaus auf dem Standpunkte des „L’art pour l’art“, der Organisation um der Organisation willen. Außenstehende nennen dieses Ideal „Leerlauf“, „Amtsschimmel“ oder „stur“. Sie verraten damit nur, wie wenig sie von dem Apparat wissen.

Wer nun aber notgedrungen mit Beamten umgehen muß, weil er vorgeladen ist oder ein dringliches, unaufschiebbares Anliegen an ein Amt zu haben glaubt, der stelle sich schon beim Betreten des Gebäudes so dumm wie möglich. Er gebe sich ganz ahnungslos, sozusagen als Analphabet, aber dankbar für jegliche Belehrung. Ich zum Beispiel bin immer gerade zum ersten Male in dieser Behörde, an diesem Schalter, bei diesem Abteilungsleiter. Das entspricht bei Leuten wie mir, die sich ja nicht zum dienstlichen Verkehr mit pensionsberechtigten Personen drängen, sogar der schlichten Wahrheit. Da in jedem richtigen Beamten einheimischer, aber ausgewachsener Schulmeister steckt, freut er sich stets darüber, einem Bittsteller die Dummheit, Unerfahrenheit und die vollkommene Wertlosigkeit eines jeden Außenstehenden zu demonstrieren, gleichzeitig aber die Wichtigkeit und staatserhaltende Bedeutung seines Amtes im allgemeinen, nicht zu vergessen seiner Funktion im besonderen, ins rechte Licht zu rücken. Es ist daher immer gefährlich und unpassend, etwas zu wissen, was ein Beamter auch weiß oder wissen sollte, denn es könnte vorkommen, daß der Untertan es anders und daß er es sogar besser weiß. Dieses wäre aber auf alle Fälle frevelhaft. Wissen macht verdächtig, Nichtwissen beruhigt und besänftigt den, der sich in seiner amtlichen Weisheit bestätigt fühlt. Ferner muß man bedenken, daß manche Beamten Minderwertigkeitsgefühle haben. Denn der Mann, der da am Schalter residiert oder an seinem Schreibtisch thront, der seine Besucher zwecklos warten läßt und der sie wie einen armen Sünder vor sein Angesicht entbietet, ist ja eigentlich ein armer Teufel. Groß und mächtig ist er nur gegenüber seinen Untergebenen, wozu vor allem das Publikum gehört. Seinem Vorgesetzten gegenüber ist er klein und nichtig, und das ist schlimm, wenn er ihn noch dazu für einen Idioten hält. Vor allem aber fühlt sich jeder richtige Beamte gegenüber-seinen vielen, von ihm täglich gezählten Vordermännern ganz und gar hoffnungslos. Wie gern möchte auch er einmal ein Vorgesetzter werden. Und wird er es dann endlich, so bekommt er gleich noch einige, andere, noch schwerer zu überwindende Vordermänner hinzu. Das ist ein Geschick, das jeder, der mit Beamten umzugehen hat, innig mitfühlen sollte. Er sollte wenigstens mitleidig davon wissen.

Ein anderes Rezept für den Umgang mit Amtspersonen kann daher nur ein wahrhaft guter Mensch verwenden. Es besteht darin, daß, man mit einem Beamten so spricht-, als ob er überhaupt kein Beamter, sondern eben auch ein guter Mensch wäre. Daß man ihn nicht fürchtet oder die Furcht listig verschweigt, daß man ihn nicht beneidet, bringt auch das härteste Beamtenherz einigermaßen zum Schmelzen. Er erinnert sich plötzlich und gerührt der Zeiten, da er noch selbst an den Weihnachtsmann, an den Osterhasen und an den Storch glaubte, und er entdeckt hinter Zahlen, Aktenvermerken und Registraturzeichen das „Kind im Manne“. Deshalb ist dieses Verfahren bei weiblichen Beamten wesentlich schwieriger mit Erfolg in Anwendung, zu bringen. Sie sind sächlicher, nüchterner und vor allem hartgesottener. Aber auch die Magie des weiblichen Herzens ist zu erlernen. Die Amerikaner haben beispielsweise in ihrer Zone – als Erziehungsmittel zur Demokratie – eingeführt, daß an den Postschaltern die Namen der Beamtinnen und Beamten angeschrieben stehen, die dahinter sitzen. Vielleicht ist dieses Mittel auch in der englischen Zone bekannt. Es ist jedenfalls fabelhaft wirksam. Denn ein Beamter, dessen Namen man kennt, den man bescheiden auch mit seinem Namen ansprechen kann, ist schon kein ganz richtiger Beamter mehr. Er wird auch im Dienst unausgesetzt an seine Menschlichkeit gemahnt. Und an die Unvollkommenheit alles Menschlichen. Dies aber verbindet ihn mit dem Publikum, das wartend, ergeben und in ebenfalls noch völlig undemokratischer Körperhaltung vor ihm steht. Auf die Verbindung zwischen den Menschen aber kommt im Grunde alles an.