Eine chemische Fabrik soll ein dringend gebrauchtes . Medikament herstellen, das auch exportiert werden kann. Für die Produktion müssen eine Reihe von Holzbottichen neu aufgestellt werden. Die Firma fordert das Holz vom Landeswirtschaftsamt an, wird an die Holzverteilungsstelle Verwiesen, füllt die von dieser mit freundlichen Worten zugesandten Formulare aus, wartet drei Monate, und der Antrag wird, abgelehnt. Die Zuteilung für das laufende Quartal sei erschöpft: Wir geben Ihnen anheim, den Antrag im nächsten Quartal zu erneuern." Die Medikamente, werden nicht produziert, der Export fällt aus, die für den Auftrag neu eingestellten Arbeiter feiern und bekommen eine Unterstützung, die für die rationierten Lebensmittel nicht ausreicht. Ergebnis: Verluste auf allen Seiten, Entmutigung des Unternehmers der schon mehrfach erhebliche Kosten ohne Ergebnis aufgewandt hat. – Da meldet sich bei der Firma ein süddeutsches Sägewerk. Esbraucht dringend ein chemisches Imprägnierungsmittel, das, obwohl einfach herzustellen, vom Markt verschwunden ist. "Selbstverständlich sollen Sie nicht umsonst liefern. Können wir Ihnen mit etwas Holz gefällig sein?"

Kompensationsgeschäfte sind verboten. Aber welcher Unternehmer würde auf das Angebot nicht eingehen? Welcher Betriebsrat würde den Unternehmer hierin nicht unterstützen, ja, den unerlaubten Umweg nicht geradezu fordern, anstatt die Arbeiter feiern zu lassen? Nehmen solche Kompensationsgeschäfte größeren Umfang an, melden die Produzenten nicht mehr ihre ganze Produktion dem Landeswirtschaftsamt zur plangerechten, gleichmäßigen Verteilung an alle Verbraucher, so bedeutet dies das Ende jeder Bewirtschaftung. Die durch den Mangel stark geschwächte Wirtschaft, durch den Plan mühsam zusammengehalten, sinkt zur Tauschwirtschaft herab. Der Tauschhandel beschränkt. sich keineswegs auf die Stufe der Produktion. Im Gegenteil, je weiter man den Verteilungsprozeß verfolgt, desto mehr sind derartige Geschäfte üblich. Daß der Fleischer mit dem Bäcker, der Gemüsehändler mit dem Zigarettenverteiler, der Textilkaufmann mit dem Kolonialwarenhändler und alle zusammen mit dem Bauern ihre Produkte austauschen, ist schnell zur Selbstverständlichkeit geworden.

Doch ist die Tauschwirtschaft nicht die unterste Stufe. Was macht der, der nichts mehr zu tauschen hat und doch leben will? Er raubt! Es fängt damit an, daß er im Dunkeln einen umgefallenen Wegepfahl mitnimmt, um die spärliche Holzzuteilung aufzubessern. Bald drückt er einen neuen Gartenzaun ein, um seinen Kindern eine warme Mahlzeit kochen zu können. Der Brotwagen und der Kohlenzug werden unter erheblichen körperlichen Gefahren gewaltsam angehalten, gestürmt und geplündert. Nach der Tauschwirtschaft die Raubwirtschaft!

Beteiligt sind alle: der Arbeiter, der Mann des kleinen Mittelstandes – der auch diesmal wieder die Hauptlast trägt, weil er die schwächsten Ellenbogen hat –, der Beamte, der Gebildete und der Ungebildete; Gesetzestreue und Verbrecher, Notleidende und Schieber. Man sieht die Frau eines Richters ihr Kind loben, weil es Kohlen von einem wartenden Wagen gestohlen hat. Wer ohne Schuld ist, werfe den erste Stein! Die Dämme sind gebrochen. Von den Fabrikhöfen verschwinden alle Vorräte. Wächter werden eingestellt; sie beteiligen sich am Raub. Alles wird gestohlen: aus den Kontoren die Glühlampen, vom Schreibtisch der Telephonapparat, von der Baustelle der Zement, von der Straße das Auto, in der Schlange die Lebensmittelkarte aus der Einholetasche, der Mantel vom Leibe. Das durch Jahre getreue Personal wird plötzlich unehrlich; unter unseren. Auger, verschwindet der Hausrat. Wir befinden uns in einem ununterbrochenen Zustand der Verteidigung unseres Eigentums. Mißtrauen wird unser ständiger Begleiter. Der Fremde ist zum Feind, der Nächste Anlaß zum Verdacht geworden.

Heute demonstrieren die hungernden Arbeiter im Ruhrgebiet. Werden sie sich morgen in die landwirtschaftlichen Gebiete aufmachen, um sich zunächst einzeln und bei Nacht, dann, vom Hunger getrieben immer entschlossener werdend, bei Tag gewaltsam und in Massen ihr Existenzminimum zu holen? Wer könnte es ihnen wehren, wer ihnen einen Vorwurf machen?

Selbst ein leistungsfähiger Behördenapparat würde die Bewirtschaftung nicht mehr retten können. Aber auch der ist längst in den Strudel mit hineingerissen. Sie brauchen für ihr Geschäft eine Reisegenehmigung in die russische Zone? Der Beamte schreibt sie vor Ihren Augen aus, steckt sie in die Tasche und bestellt Sie nach der Dienstzeit in seine "Privatwohnung". Sie wissen also, was Sie mitzubringen haben! – Eine Baugenehmigung? für welche Branche? Lebensmittelgeschäfte sind Stark bevorzugt, aber auch andere Dinge gesagt. – Eine Zuzugsgenehmigung für einen wohlhabenden Kaufmann aus dem Osten? Der Beamte dicht die Papiere nachlässig hin und her. Man Sieht: es fehlt etwas und sagt vorsichtig, daß man sich auch erkenntlich zeigen werde. Fünftausend Mark werden. schlank gefordert und gern gezahlt, für den Beamten ein Vermögen? Nein, gerade genug, um ihn und "eine Familie mit Hilfe des Schwarzen Marktes für zwei Monate" ausreichend Im ernähren.

So geht es mit allem: Benzin, Lebensmittelkarten, Fahrrädern, Baustoffen, Textilien, alles leckt bei den mit der Bewirtschaftung betrauten Stellen durch, den ohnehin winzigen Bestand noch einmal empfindlich schmälernd. Die Behördenchefs sind ihrer besten Leute nicht mehr sicher. Heute noch legenn sie, ehrlichen Glaubens, die Hände für sie ins Feuer, morgen müssen sie ihre Verhaftung erleben. Ganze Abteilungen der Behörden verschwinden so über Nacht. Die Polizei? Mein Gott, die Polizeibeamten sind auch Menschen. Sie beschlagnahmen die verschobenen und am Schwarzen Markt verhandelten Sachen – und die Täter entdecken auf der Anklagebank zu ihrer Erleichterung, daß die Hälfte der Ware vor Erhebung der Anklage verschwunden ist und ihnen daher gar nicht mehr zur Last gelegt werden kann. Nur noch ein kleiner Kern der alten Beamtenschaft hält noch sich und den Stand ehrlich. Die Neuen, die ja vor allem in die aufgeblähten Bewirtschaftungsämter geraten sind – ist es zuviel gesagt: sie seien zum größten Teil bestechlich? Bestechlich? Was heißt das, wenn der Mann abends in die hungrigen Gesichter seiner verfallenden Frau und der ins Bleiche geschossenen Kinder sehen muß? Am Tage hat ein Gesuchsteller ein Pfund Butter auf seinen Schreibtisch gelegt. Wer denkt noch in einem zerstörten, in Zonen zerschlagenen Staat ohne Regierung und Hauptstadt an das gemeinsame Wohl, wenn der eigene Körper verfällt?