André Maurois, der ausgezeichnete Kenner angelsächsischen Geisteslebens, in der ganzen Welt bekannt als Verfasser romanartiger Biographien über Shelley, Byron, Disraeli, Eduard VII. und einer Reihe von Romanen, vor 1933 vielgelesener französischer Autor auch in Deutschland, hat das Tagebuch seines (Exil-) Aufenthaltes in Amerika während des Jahres 1946 („Journal, Etats-Unis 1946“, Edition du Bateau Ivre, Paris 1946) veröffentlicht. Es ist ein merkwürdiges Gefühl im Bewußtsein der wiedergewonnenen Freiheit des Geistes und ohne Gefahr einer Gestapofaust im Genick dieses Buchzu lesen und damit einen Blick zu werfen in die vielfältigen Probleme der amerikanischen Welt. Das Tagebuch reißt helle Sichten auf in den Dunst unserer Zeit, der nach den zwölf Jahren geistiger. Vernebelung, gerade was das Ausland angeht, noch über uns liegt. Das Wertvolle und Wohltuende dieser Aufzeichnungen besteht in ihrer unmittelbaren Frische, die noch den lebendigen Atem des Augenblicks besitzt. Denn wir haben es hier nicht mit einem literarischen Tagebuch zu tun, sondern mit der Dokumentation einer amerikanischen Wirklichkeit, wie sie sich aus der Summe täglicher Notizen und Beobachtungen, Reflexionen, Aphorismen und Betrachtungen über die Zeitlage und der einfachen Aneinanderreihung von Tagesabläufen und Begegnungen, die sich einem Individuum zufällig bieten, ergibt.

Zweifellos kennt André Maurois die Vereinigten Staaten von 1946 viel genauer als die meisten Fremden, die dort gelebt haben; denn er stand mitten im täglichen Leben des Landes. An zahlreichen amerikanischen Universitäten hat er gelehrt, und in allen achtundvierzig Staaten hat er seine Vorträge gehalten. Er hat die amerikanische Armee von Nordafrika nach Italien begleitet. Er war mit amerikanischen Studenten, Professoren, Soldaten, Männern des öffentlichen Lebens befreundet, die nun in diesem Tagebuch in ihrem Meinen und Handeln lebendig vor uns hintreten.

Das tief Erregende des Tagesbuches ist die Tatsache, daß die Unsicherheit der Welt den eigentlichen Untergrund der Darstellung abgibt. Die breite Masse in Amerika huldigt zwar noch einem fast ungebrochenen Fortschrittsglauben und Lebensoptimismus, aber in bestimmten Kreisen wittert man deutlich die Gefahren der Zeit, die in der Atombombe und anderen neuen schnellwirkenden Waffen liegen. Es wird festgestellt, daß das amerikanische Publikum noch lacht, wie man in Europa nicht mehr lacht. Aber die Gelehrten Amerikas sind bewußt, daß die Zivilisation sich in einem Zustand der Krise befindet. Professor Sorokin, Soziologe an der Havard-Universität, spricht es in seinem tiefgründigen Buche „Die Krisis unserer Zeit“ aus, daß das Ende der Welt möglich ist, aber zeigt auch Möglichkeiten der Heilung auf, dievon dem ernsthaften Willen ausgehen müsse, die wahre Natur dieser Krise, die eine Kulturkrise ist, zu erkennen und dieser Erkenntnisgemäß die großen notwendigenVeränderungenzur Rettung des Menschengeschlechtes vorzunehmen. Wie ein roter Faden zieht sich der Gedankeder drohenden universalen Gefahr für die Menschheit, die langsam verdirbt, durch das Tagebuch. Immer wieder erhebt sich die bange Frage, was geschehen müsse, um die Welt vor ihrem Abgleiten in den Abgrund zu bewahren. Auf diesem pessimistischen Grunde zieht das amerikanische Leben der Gegenwart in wechselnden Bildern flimmerndund bunt am Leser vorüber. Bilder, aus der Politik, der Kunst, der Technik, aus der Welt des einfachen Mannes sowohl wie der der Gelehrten, der Kirchen, der Presse in der Schau eines französischen Geistes.

Maurois spricht von seinen Vorlesungen über die Kunst der Biographie, auf welchem Gebiet er Meister ist, von seinen Vorlesungen über Tolstoi, Poe, Proust und Balzac. Er regt seine Schüler zu einer Romanreiheähnlich der Comédie Humaine an, einer Comédie Americaine, in der auch das düstere Thema des Schwarzen Marktes seinen zeitgemäßen Platz haben müsse. Besonders interessant ist seine Aussage über die geistige Existenz der jungen Amerikaner, die, aus den Armeen entlassen, erklären: „Das Leben ist die beste Schule“. Fast alle glauben an Gott. Alle sind glücklich und stolz, Amerikaner zu sein; sie haben die Länder Europas kennengelernt, aber „in keinem gibt es unsere Freiheit!“ Viele sind Anhänger einer gelenkten Wirtschaft.

Bedeutsam erscheint auch Maurois Urteilüber den Rückgang des amerikanischen Films, daß sich mit vielen englischen und französischen Stimmen deckt Hollywood verliere seinen alten Glanz, es wisse nicht mehr, was es machen solle. Trotz einer vollkommenen Technik und bemerkenswerten Schauspielern sei die Produktion unter dem Mittelmäßigen. Man könne einem Volke, das sich seelisch und geistig entwickele, nicht „ungestraft kindliche Schauspiele vorsetzen. Als Zeichen dieser Entwicklung führt Maurois die Qualität der Bibliotheken an, den Erfolg der Radiostation W.Q.XR., die nur klassische Musik sende. Sonntagnachmittags blieben von Los Angeles bis Boston undvon San Antonio bis Detroit Millionen von Familien zu Hause, um das Konzert der Philharmoniker anzuhören. Die Museen seien überfüllt und unterwiesen die Besuchermassen in der Betrachtung von Kunstwerken. Schließlich wird die Prognose gestellt, daß eine allgemeine Wiedergeburt des Religiösen zu erwarten sei.

Das Tagebuch endet am 19. Juli 1946, dem Tage, an dem André Maurois mit dem Flugzeug wieder in Frankreich eintrifft. Alfons Hoffmann