Es war die Zeit der großen Trecks in die Staaten. Am 29. April 1865 stach das Schiff in Hamburg in See. Der Auswanderer war zweiundzwanzig, seine Frau einundzwanzig Jahre alt. Der erste Brief „nach stürmischer Überfahrt“ datiert vom 17. Mai. 1865. Auf dem Absender steht: Mr. Robert. Henckels, 7 Lawerence Street, Newark, St. of New Jersey, North American. 1867, zwei Jahre später, sagte der Auswanderer dem Land der unbegrenzten Möglichkeitenwieder Lebewohl. Amerika hatte es – damals – noch nicht besser. Im gleichen Jahr, 1867, zog Bebel, siebenundzwanzigjährig, in das Parlament ein.

Achtzig Jahre später nimmt das großväterlicheAmerika-Intermezzo einen breiten Raum in den Erörterungen der Enkel ein: Warum ist et nicht dritten geblieben? Warum blieb er nicht Mister Robert Henckels? Warum wurde er wieder Scherenschleifer in seinem kleinen Schleifkotten im Tal der Wupper bei Solingen im Bergischen Land? Hätte er nicht drüben weiter Pionier sein können oder Kolonisator oder Dünger oder wie man diesen Sendungsglauben sonst noch nannte? Seine Rückkehr wird von den Enkeln des 20. Jahrhunderts aufs tiefste beklagt.

Der Stadt Solingen trug Mister Robert Henckels, der Scherenschleifer, der dreizehn Kinder großzuziehen hatte, keinen persönlichen Ruhm ein; dafür aber um so größeren Kollektivruhm. Er war nämlich ein Facharbeiter der Solinger Schneidwaren-Industrie, ein Scherenschleifermeister. Mit den Namen dieser Facharbeiter, die nach drüben gingen, als das Unternehmertum mit dem robusten Gebrauch seiner kapitalistischen Freiheiten begann, könnte man Bände füllen, in Solingen besonders.

Größeren Ruhm trug der Klingenstadt Solingen ein Mann ein, der sich Briefbogen drucken lassen konnte mit dem großartigen Briefkopf. „J. A. Henckels, Zwillingswerk“. Er hatte den biblischen Namen Johann Abraham, obwohl er nicht so aussah wie Vater Abraham, bei weitem nicht. Größeren Ruhm, obwohl es ihm gleichgültig blieb, trug Solingen auch ein Komödiant ein, der Paul Henckels hieß, ein Enkel des Johann Abraham, obschonin der Familienchronik totgeschwiegen, der in jungen Jahren, weil er ein Fant und Nichtsnutz war, wie sie sagten, zur Dumont nach Düsseldorf ausriß und somit den Solinger Moralisten viel Stoff zur üblen Nachrede lieferte.

Jene sechziger und siebziger Jahre waren, wie man weiß, der Beginn der sozialistischen Arbeiterbewegung. Friedrich Engels, der Fabrikantensohn, wurde im benachbarten Barmen, Marx in Trier, Babel in Köln geboren. In den sechziger Jahren war Lassalle in Solingen. Später hatten die Wupperschleifer – „scharf und nachdenkend von Verstand“, wie ein Zeitgenosse sagte – das Bild August Bebels in ihren Stuben hängen. Sie waren nicht ganz der Meinung des Onkel Bräsig, der die Armut auf die große Powerteh zurückführte. Sie studierten die Armut in einem Buch, das den Titel trug: „Das Kapital“. Sie begannen zu diskutieren. Ihr politisches Bewußtsein begann sich zu formen. Sie gründeten den Scherenschleiferverein, ihre Gewerkschaft, den der Großvater viele Jahre führte. Ihr erster Vertreter, den sie in den Reichstag schickten, hieß Schumacher. Und wenn der Großvater, der im Laufe der Jahre – vielleicht hatte es doch mit der großen Powerteh zu tun – nicht mehr Henckels sondern Henkels hieß und somit seine Verwandschaft mit dem reichen Johann Abraham endgültig aufgab – wenn er heute noch lebte, er würde gewiß wieder Schumacher wählen. Auch wenn er nun ein Doktor geworden war, der Schumacher.

Solingen war schon im Kaiserreich „das rote Solingen“, und schon zu jenen Zeiten hatte es, alseine der ersten deutschen Städte, eine absolute sozialistische Mehrheit Seine selbstim Ausland berühmtgewordene Siedlungspolitiknach dem ersten Weltkrieg, die mit dem Namen des preußischen Landtagsabgeordneten Hermann Meyer unlöslich verknüpft ist, war Beweis dafür, daß der sozialen Frage nicht zuletzt von der Wohnungbeizukommenist.Über einen Teil der Siedlungen, dies zur Vervollständigung bemerkt, gingen am 4. und 5. November 1944 zwei exakte Bombenteppiche.

Friedlich, undnahezu malerisch liegt das Tal der Wupper im Bergischen Land. Wer möchte es auf sich nehmen, zu sagen, es sei noch so malerisch wie einst. Allein schon die Schleifkotten,die Werkstätten der Solinger Heimarbeiter, einst vom Wasserrad, heute meist elektrisch getrieben, lieferten recht eindrucksvollewirtschaftliche Schlüsse, sie könnten geradezu das große Lehrbuch unseres erbarmungswürdigen Wirtschaftsstandes sein. Viele Schleifkotten liegen nämlich still, und es ist kein Zufall, daß einer der Kotten bereits als „Schleifer-und Heimatmuseum“ eingerichtet wurde. Die Schleifer sind antiquiert. Die Antituierung geht schweigend vor sich. Niemand merkt es.