Von Rushworth Fogg, London

In der aristokratischen Park Lane, im vierten Stock eines Hauses, dessen Treppen mit dicken Läufern belegt sind, öffnet ein großer, in eine Schlachterschürze gekleideter Mann die Tür zu. einem kleinen Studio: Oskar Kokoschka. Er ist – 59jährig, wie einschlägige Bücher verraten. Aber das einzige,-was auf dieses Alter schließen läßt, ist das graue Haar, glatt über die Stirn gebürstet, die über starken, ausgeprägten Gesichtszügen thront. Straff aufgerichtet wie ein Soldat, aber ohne eine Spur der üblichen Steifheit von Soldaten, mit Augen, die gewohnt sind, die Schönheit der Natur zu sehen: so scheint er die lebendige Widerlegung jenes Niederganges zu sein, der ihm von den Nazis und anderen Gegnern in Anbetracht seiner Gemälde nachgesagt wurde. Wüßte man nichts von ihm, wäre man vielleicht versucht, ihn für einen Forscher zu halten. Ist er dies schließlich nicht auch in seiner Kunst? – Die Bilder in seiner ersten Ausstellung, die, wie er selbst sagt, „einen Blick unter die Haut des Pompösen und Repräsentativen erlaubten und erkennen ließen, wie schwach, feige und wacklig dies alles tatsächlich war“, brachten ihm den Namen „Röntgenstrahlenkünstler“ ein.

So war Kokoschka der erste, der „modern“ malte. „Und so war ich schon mit achtzehn Jahren als schwarzer Mann verschrien sagt er jetzt und lächelt leise, während er von seiner ersten Ausstellung in seiner Heimatstadt Wien vor 40 Jahren berichtet. Damals teilten sie die Kunstwelt in zwei höchst streitbare Gruppen,“ in eine „die mich steinigte, und eine andere, die mich heftigst bewunderte“. Und indem er eine Mappe seiner ersten Entwürfe durchblättert, fügt er scherzend hinzu: „Hier können Sie sehen, wo Picasso und Klee und Gross es herhatten.“

Da der Name Picassos einmal gefallen, ist dies ein Anlaß, seinen Lebensbericht zu unterbrechen. „Ganz groß“, meint Kokoschka. ^Eigentlich aber klingt dieser Ausdruck etwas überraschend, da er kurz vorher auf Picassos „elegante Seltsamkeiten“ aufmerksam gemacht hatte. Nun fügt er hinzu: „Kein großer Maler, aber ein großer Psychologe. Ein Segen für die Menschheit – wie Woolworth. Er paßt in das Zeitalter der Nützlichkeit.“ Und weiter: „Ich liebe Picasso wegen seiner wundervollen Gabe der Beherrschung des Mobs, dem er das gibt, was er verdient.“ Und dann: „Der Mob sind die Kunden der Pariser Kunsthändler, die die moderne Kunstbewegung geschäftlich ausnutzen. Die Kunsthändler wollen, daß man sich vierzig Jahre lang immer wiederholt. Aber meine Aufgabe ist es nicht, dem Mob nachzulaufen oder ein Modemaler zu sein, ein Burnes-Jones, ein Laszlo, ein Picasso. Diesen bleibt nichts anderes übrig – oder sie werden hinter der Mode zurückbleiben: Was meine Mission ist? Ich habe aus der Vergangenheit gelernt. Es ist meine Pflicht, der nachkommenden Generation meine Erfahrungen zu hinterlassen – sowenig wie möglich beschädigt und, wenn angängig, noch verbessert.“

„Ein Künstler“, so sagt Kokoschka, „ist kein Dekorationsmaler. Wir können keine Parasiten sein, wie dies zuweilen in der Vergangenheit Künstler gewesen sind. Künstler müssen unter das Volk, gehen, sagen die Russen. Ganz schön, aber nicht in der russischen Art. Sie dürfen nicht Diener von Bürokratien sein, von Faschisten. Sozialisten oder Kommunisten... Auch dürfen sie nicht Maler aus kaufmännischen Gründen, sein.“

Mit diesen Worten weist er auf eine Illustration von Gross in einem amerikanischen Magazin und meint: „Traurig.“

Danach wendet sich Kokoschka nun wieder seiner Lebensgeschichte zu. Von Wien ging er nach Deutschland. Unbekannt und ohne Mittel. Bald jedoch waren, sein Name und sein neuer Weg der Malerei – der Expressionismus – Mittelpunkt öffentlicher Auseinandersetzungen. Und dies nicht, nur in der Malerei. Denn in der ersten Nachkriegsperiode brachte Max Reinhardt Kokoschkas „Mörder. Hoffnung der Frauen“ auf die Bühne. Hilde? mith schrieb die Musik hierzu, nebenbei: seine erste Oper. Kokoschkas Stück war eine Sensation für Berlin, Dresden und Frankfurt. Und es wurde ihm der Professorentitel in Dresden und später in Wien verliehen.