Von Hemrich Leippe

Hat unsere Zeit ihn gefunden? Hält der moderneAtomphysiker ihn, den Stein der Weisen, in Händen? Mit welcher Inbrunst hätte ein wiederauferstandener – Alchimist des Mittelalters, dem Vortrag Werner Heisenbergs gelauscht! Könnt ihr die Elemente verwandeln, könnt ihr Gold machen aus jedem beliebigen Metall, habt ihr den Stein?“, so hätte er ungeduldig gedrängt. „Dürfen wir hoffen, daß uns die Atombombe nicht demnächst schon alle vernichtet?”, bangte der Zeitgenosse im Saal, und sein von Furcht verdunkeltes Gemüt dachte anfangs nur an Hiroshima und an Bikini und gar nicht an den Stein.

Wunderliches Gefühl, dieses Gemisch von jahrhundertealtem Sehnsuchtstraum und aktueller Daseinsnot im Zuhörerraum zu spüren. Der Vortragende vorn am Pult, Nobelpreisträger von 1933, ist auch der Träger der humanen Gesinnung Alfred Nobels, und er sowohl wie die Wissenschaft, die er vertritt, befinden sich heute in einer ganz ähnlichen Situation wie damals der Erfinder des Dynamits, da er mit Entsetzen bemerkte, wozu die Militärs den Sinn seiner Erfindung verfälschten, von der er sich nur Segen für die Menschen erhofft hatte. So mußte sich Heisenberg zunächst damit befassen, die politische Angst zu zerstreuen, die sich wie ein zäher Nebel vor das Verständnis des Wesens der Atomphysik gelegt hat. Und doch gibt es Grund zur Zuversicht: Auf keinem anderen Gebiet regt sich so stark der Geist wahrer Internationalität. Die aus vielen Ländern stammenden Forscher fühlen sich als eine einzige Familie, als eine Bruderschaft Von Eingeweihten, die sich ihrer großen Verantwortung bewußt ist. Wahrhaftig, von ihrer Solidarität hängt in hohem Grade der Weltfriede ab! *

Atomphysik ist mehr als Atombombe. Das beweist schon ihre lange Geschichte, an deren Anfang bereits die Vorsokratiker Leukipp und Demokrit stehen. Sie prägten den Begriff des Atoms. Zwar bezogen sie die Elementarteilchen, wie sie sie meinten, auf ihre Lehre von den vier Elementen: Wasser, Erde, Luft und Feuer, die nur unser poetischer Sprachgebrauch noch in solcher Bedeutung kennt. Aber ihre Idee von einem kleinsten, weiter nicht mehr teilbaren Teil der Materie war doch schon so gründlich und genau durchdacht, daß sie im Gewand halb mythischer Vorstellungen seltsam sicher auf die modernen Entdeckungen im Reich des Mikrokosmos vorausdeutet. Gewiß, auch die Alchimisten des Mittelalters, die in ihren chemischen Küchen in unendlichen Versuchen sich bemühten, den Zugang zum Reich des Mikrokosmos zu erzwingen, waren geradezu ausschweifend in ihren phantastischen Selbsttäuschungen und Irrtümern; aber da sie sich der Magie ergaben, weil ihre. Denkmethoden und technischen Hilfsmittel nicht zureichten, ihren übermächtigen Erkenntnisdrang zu befriedigen, trat ihnen ahnend ins Bewußtsein, daß das Geheimnis der Materie, das „was die Welt im Innersten zusammenhält“, jenseits der Chemie aufgesucht werden müsse. Doch erst mußte die Perfektion der Chemie erreicht werden, ehe man bei der Erforschung der Materie für physikalische Methoden überhaupt einen Ansatz erblicken könnte.

Unsere moderne Atomforschung wurde in dem Augenblick geboren, da man bemerkte, daß die chemischen Atome nicht die kleinste und letzte Teilung der Materie sind. Es war Faraday. den zuerst die Wahrnehmung elektrischer Energien bei chemischen Prozessen zu dem Schluß brachte, daß es elektrische Elementarteilchen geben müsse. Ihre Entdeckung leistete dann 1896 Rutherford, indem er fand, daß sich das Uran zersetzt und verwandelt, wenn man es bestrahlt. Mit der Aufstellung des Atommodells durch Rutherford und Bohr im Jahre 1912 wurde die neue Naturanschauung manifestiert. Als es 1919 Rutherford gelang, durch Beschießung mit Alphastrahlen einen Stickstoff-Atomkern in einen Sauerstoffkern umzuwandeln, war damit der Stein des Weisen seiner Idee nach gefunden, auch wenn seine äußere Form nun die Umrisse deiner, komplizierten technischen Anlage angenommen hatte. Wichtige Entdeckungen folgten, an denen auch weiterhin Forscher der verschiedensten Kulturvölker beteiligt waren; so vor allem 1932 die des Neutrons, das ungefähr ebenso schwer wie ein Proton, aber zweitausendmal schwerer als ein Elektron ist. Nun konnte man die Materie qualitativ erklären: Sie geht in allen ihren Formen auf die beiden Elementarteilchen Proton und Neutron zurück. Durch Beschießung mit Neutronen gelang Hahn kurz vor dem Kriege die künstliche Uranspaltung, die eine ganze Abspaltungsbewegung von leichten Atomkernen zur Folge hat. In dieser Kettenreaktion werden ungeheure Energien frei, die lawinenartig anwachsen. Ihre technischeAuslösung erlebte die Welt kurz nach Beendigung“ des Krieges mit Deutschland: es war ein Vorgang, der unser bisheriges Bild von der Wirklichkeit erschüttert hat.

Und doch hat die Atomforschung seit ihrem Eindringen in den Mikrokosmos rein beobachtend Erfahrungen gemacht, die noch viel tiefer unsere Wirklichkeitsvorstellungen verändern. Sie brachten den Forscher in die paradoxe Situation, sich trotz Atombombe ernstlich zu fragen, ob es die Elementarteilchen wirklich gibt...

Bei den Beschießungsexperimenten im luftgefüllten Raum zeichnet sich die Spur des Elektrons durch sich niederschlagende Nebeltröpfchen wie ein Kondensstreifen ab; Aberwenn man es im Vakuum auf ein Beugungsgitter schießt, sieht man die Spur einer Welle, Was ist das Atom nun in Wirklichkeit Welle oder Körper? Irgendwie hängt diese Feststellung davon ab, was wir mit ihm tun. Wirklich sind diese Elementarteilchen also in dem Sinne, daß sie wirken, aber nicht wirklich im Sinneunserer – täglichen Erfahrung.. Das heißt: das