Nach dem großen Schrecken der Naziotie war das Kabarett die Kleinform, in der sich die Kunst (oder was sich dafür hielt) zuerst wieder in die freier gewordene Luft hinauswagte. Es war schrecklich. Aber die Leute, denen das Weinen näher stand als das Lachen, gingen trotzdem hin, weil sie nicht, wußten, wohin sie sonst gehen sollten. Als dann wieder einmal klargestellt war, – daß zu Witzen Kopfe gehören – geistreiche Köpfe –, gingen, die vorzeitig aufgetauchten Kabaretts, die damit nicht aufwarten konnten, pleite, und nun konnten jene mit der Arbeit an der neuerstehenden Kleinkunst beginnen, die mit besseren – und nicht nur finanziellen – Einfällen gesegnet waren und die den Humor ernst nahmen. In Berlin, wo unter den Zeitschriften der „Ulenspiegel“ mit bissiger, fast möchte man sagen: existentiell gründlicher Satire das Erbe des Münchner „Simplizissimus“ antrat, hat Willy Schaeffers, der Altmeister der leichten Muse (wie er seit langem heißt) sein „Kabarett der Komiker“ weitergeführt. In München, der anderen Heimstätte des Brettls aus Tradition, ging Erich Kästner, der aus echter poetischer, ethischer und politischer Sendung jene „Gebrauchslyrik“ geschaffen hatte, die – wie die bewußten zwölf Jahre gezeigt haben – viel zuwenig beherzigt, wenn auch beachtet worden war, unverzagt: wieder ans Werk. Axel von Ambesser, der Abgründige, war dabei und auch Walter Kiaulehn, nach Polgar und Auburtin der Meister des Feuilletons, der den ungewohnten Schritt auf die Kleinkunstbühne wagte und sich nachmals sogar das Intermezzo gestattete, daß er sich auch auf der großen Bühne als Darsteller in „Leuchtfeuer“ bewährte, worauf er dann an den Schreibtisch zurückkehrte. Kurz, wenn diese nicht nur geist- sondern auch verantwortungsreichen Köpfe es der Mühe wert fanden, dem Pegasus des literarischen Kabaretts wieder auf die Beine zu helfen, dann tut man gut, diese Kunstform nicht zu unterschätzen, der es gegeben ist, die schweren Probleme leicht, wenn auch nicht minder treffend anzusprechen und die Sorgen dieser Zeit mit einem lächeln – und sei es einem bitteren – abzutun.

Aus einem ähnlichen Gesinnungskreis stammen auch die „Hinterbliebenen“, die sich als Gäste nun in Hamburg zeigen. Hermann Mostar, Autor des satirischen Bühnenstückes „Der Zimmerherr“, hat mit Heinz Hartwig die Texte geschrieben: Verse sogar für die Conférencen ein bißchen viel gebundene Rede, formal gebunden, nicht im Geiste. Denn von dem, was das verstorbene „Dritte Reich“ anrichtete, ist ihnen ein bitterer Nachgeschmack geblieben und dem geben sie spitz, scharf und frei Ausdruck, die „Hinterbliebenen“, die eigentlich Davongekommene sind. Aber die mit lobenswerten Gift der freien Denkungsart und des Humors getränkten Pfeile schwirren nicht bloß nach hinten, sie schwirren nach vorn und nach allen Seiten. Wie denn ein Kabarett von solch lebendigen literarischen Kräften ein guter Maßstab dafür ist, welch mehr oder minder reiche Portionen der demokratischen Freiheit des Denkens und des Sagens in den viel Zonen unseres armen Vaterlandes gestattet sind. Die „Hinterbliebenen“ kommen aus der US-Zone. Und wenn Eingeweihte, sagen, daß mindestens so frei wie dort die Luft in der britischen Zone wehe, so wären wir gespannt, auch einmal kabarettistische Gäste aus der französischen und russischen Zone zu sehen, damit wir vergleichen können, wo bei uns die wahren Spaßvögel singen. MTR.