Er wohnte in einer gottverlassenen Trümmergegend, wo außer geborstenen Brandmauern und dem einen oder anderen Kamin nichts anderes mehr über Mannshöhe hinausragte. Dort hatte er sich in einem brauchbaren Keller häuslich eingerichtet. Die letzten Jahre hatten seinem Kopf nicht gutgetan: Es hatte da eine Angelegenheit mit der Gestapo gegeben, dann kamen der Alpdruck des langen Krieges, die schrecklichen Luftangriffe und ganz zuletzt der Hunger. Zu seinen Wunderlichkeiten gehörte, daß er laut mit sich selbst sprach; oder daß er mit dem Links – Rechts, Links – Rechts beim Gehen durcheinander und ins Stolpern und Hüpfen geriet. Wenn er dies selbst bemerkte, befreite er sich aus der Verlegenheit gewöhnlich mit einem leichten Trab oder dadurch, daß er ruckhaft stehen blieb und in den Himmel starrte wie ein Mann, dem plötzlich etwas Unaufschiebbares eingefallen ist. Von Nachbarn wäre der alte Mann bestimmt verrückt genannt worden. Zu seinem Glück besaß er keine.

Ich nahm Thomas mit, als ich zu ihm ging. Thomas, der nie genug haben kann und immer hinsehen, zuhören und anfassen muß, wenn sich irgendwo etwas lebendiges regt, ein Reporter, um es gleich zu sagen, ging gern mit. Unterwegs, als wir durch die Trümmerstraßen stolperten, setzte ich ihn über den alten Baumann ins Bild. Vor vielen Jahren war Baumann einmal Zeitungssetzer gewesen, einer von den verläßlichen, unermüdlichen Helfern von uns Zeitungsschreibern, bis ihn der graue Star in einen vorzeitigen Ruhestand versetzte. Damals war er mir aus dem Gesichtskreis entschwunden. Doch gerade, das erhielt mir seine Freundschaft; denn jeder andere, mit dem er in den kritischen Jahren zu tun gehabt hatte – mochte es nun als Freund oder Feind gewesen sein –, stimmte ihn feindselig oder wirr. Jetzt besorgte er in einem für Besatzungstruppen beschlagnahmten Wohnblock die Heizung.

Wir entdeckten den Keller an einem Lichtschein, der aus dem Boden zu dringen schien; er kam aus einem Fenster, das sich nur wenig über den Straßenschutt erhob. Baumann mußte unsere Schritte gehört haben; denn ein Treppenschacht füllte sich mit gelbem Licht, aus dem er wie ein Abgeschiedener aus der Unterwelt heraufstieg.

„Wer is’n das?“ fragte er mißtrauisch und wies mit dem stoppeligen Kinn auf Thomas.

Ich sagte es ihm.

„Ist der in Ordnung? – Dann kann er mitkommen.“

Wir folgten ihm in den Keller und fanden den Raum angenehm durchwärmt, angenehm erhellt, angenehm möbliert mit einer Gartengarnitur, deren rostiges Gestänge zum Teil von Wolldecken verborgen wurde. Auf dem Tisch stand eine verheißungsvoll etikettierte Flasche, deren Inhalt, wie sich bald herausstellte, tatsächlich dem Etikett entsprach. Wir fragten weder nach der Herkunft der Kohlen, noch der Glühbirnen, noch der Möbel, noch der Flasche – wie man ja heute überhaupt bei guten Dingen vernünftigerweise nicht fragt, woher sie wohl stammen mögen.