Die Moskauer Konferenz ist zu Ende gegangen,ohne die Hoffnungen erfüllt zu haben, die man in der Welt auf sie gesetzt hatte. Die politischen Erwägungen der vier. Großmächte haben eine Einigung über die sachlichen Probleme – die Friedensverträge mit Deutschland und Österreich – verhindert. Am dritten Tag der Konferenz verkündete Präsident Truman die neue Politik der USA gegenüber der Sowjetunion und forderte

gleichzeitig vom Kongreß eine Anleihefür Griechenland und die Türkei. Vier Tage vor Schluß der Konferenz sandte-Außenminister Marshall ein Telegramm aus. Moskau an den außenpolitischen Ausschuß des amerikanischen Senats, in dem er die "unverzügliche Annahme" des griechisch-türkischen Hilfeleistungsgesetzes als "unbedingt notwendig forderte. Ebenso bezeichnend war es andererseits, daß am gleichen Tag, an dem die Delegationen abreisten, in Moskau das Präsidium des Allslawischen Kongresses zu einer Tagung zusammentrat, zu der die slawischen Staaten der Sowjeteinflußsphäre,Bulgarien, Jugoslawien, Tschechoslowakei und Polen. Vertreter entsandt haben.

juristisch gesehen, ging auf der Konferenz der Streit zwischen den angelsächsischen Mächten /und der Sowjetunion um die Frage, wie die Abkommen von Jalta und Potsdam auszulegen seien. Die Russen bestanden auf den Bestimmungen des geheimen Zusatzprotokolls von Jalta, die deutsche Reparationen in Höhe von 20 Milliarden Dollar vorsahen, von denen die Sowjetunion 10 Milliarden erhalten sollte. Die Angelsachsen erklärten hierzu, daß Jalta durch Potsdam überholt sei. Ein interessantes Licht werfen auf diese Frage die Enthüllungen, die Joseph Alsop kürzlich in der "NewYork Herald Tribune", gemacht hat. Er behauptet dort, daß Roosevelt, bereits nach Jalta tief enttäuscht gewesen sei. über das Vorgehen Stalins und sich Churchill gegenüber bitter beklagt habe überdie Unterdrückung der demokratischen Freiheit in Polen: Ungarn. Rumänien, Bulgarien und Jugoslawien Joseph Alsop verlangt, daß der Briefwechsel, den Roosevelt mit Churchill nach der Jaltakonferenz geführt habe, unverzüglich vom amerikanischen außenpolitischen Amt veröffentlicht werden müsse, damit dadurch der Anti-Truman-Propaganda vonWallace der Boden entzogen werde; Trumans Politik, so behauptet Alsop, sei eine direkte Fortsetzung Rooseveltschen Ideen; sie sei also keine neue Wendung, sondern eine konsequente Verfechtung der demokratischen, und freiheitlichen Ziele. für die Amerika den Krieg begonnen habe. Wie dem auch sei, eines ist sicher, daß nämlich Potsdam nach dem Willen der angelsächsischch Mächte eine Einschränkung und nichteine Erweiterung des Jaltaabkommens bedeutensollte.

Es ist verständlich, daß Rußland versucht, dies zu bestreiten. Die Sowjetunion hat ihre Stellung in Europa, im Osten wie im Südosten, stark ausgebaut. Als Ziel dieser Politik glaubt man in Amerika ein weiteres Vordringen nach dem vorderen und mittleren Orient und eine Beherrschung ganz Europas und damit die Ausbreitung eines totalitären Sowjetsystems erkennen zu können. Eine solche Entwicklung will Amerika nicht zulassen. Bereits während der Pariser Friedenskonferenz hatte Byrnes einen Viermächtepakt zur Kontrolle Deutschlands für eine Zeitdauer von vierzig Jahren vorgeschlagen, im deutlich zu machen, daß die USA nicht daran denken, sich an Europa zu desinteressieren, so wie sie es nach dem ersten Weltkrieg getan haben Den gleichen Leitsatz der amerikanischen Politik hatte er in seiner Stuttgarter Rede verkündet. Präsident Truman hat durch die Forderung einer Anleihe an Griechenland und die Türkei zu erkennen gegeben, daß die USA gewillt sind, dem russischen Vordringen Widerstand zu leisten. In der gleichen Richtung verlief die Politik der Vereinigten Staaten schon früher bei dem Konflikt zwischen dem Iran und der Sowjetunion.

Rußland anderseits widerstrebt offen einem Festsetzen von Amerika in Europa und gibt damit dem amerikanischen Argwohn neue Nahrung. Der Abschluß des von Marshall erneut vorgeschlagenen Viermächtepakts scheiterte in Moskau an der Forderung Molotows, dgß dieser Vertrag nicht nur die Kontrolle der deutschen Abrüstung regeln, sondern auch Bestimmungen über die Auflösung der Kar-– telle, die Agrarreform, das Ruhrregime und andere wirtschaftliche Fragen enthalten solle. Durch diese Zusätze wäre der Charakter des Garantievertrages völlig verändert worden. Es war also von vornherein vorauszusehen, daß Marshall auf diese Zusatzanträge nicht eingehen konnte. Auch die Tatsache, daß Rußland den Friedensvertrag mit Österreich an der Frage, wie das deutsche Eigentum definiert werden solle, das Rußland in Potsdam zugesprochen ist, und an den Grenz- und Reparationsforderungen Jugoslawiens scheitern ließ, weist in die gleiche Richtung. Der Sowjetunion ist an einem baldigen Friedensschluß mit Österreich nicht viel gelegen, imHinblick auf die amerikanische Anleihepolitik, deren Ziel am Beispiel Griechenlands und der Türkei deutlich geworden ist. Neunzig Tage nach Abschluß des österreichischen Vertrages müßten alle Besatzungstruppen das Land räumen. Falls inzwischen, die Pariser Friedensverträge allgemein ratifiziert sein sollten – bisher hat nur das englische Parlament die nötige Zustimmung erteilt – müßten dann die russischen Truppen auch aus Bulgarien, Ungarn und Rumänien abziehen, da der Vorwand entfallen Würde, daß sie zur Sicherung der Etappe für die österreichische Besatzung in den Ländern bleiben müßten. Dann aber hätten die USA die Möglichkeit, durch Anleihen in den Ländern des europäischen Südostens politischen Einfluß zu gewinnen und die russische Vorherrschaft auf friedlichem Wege zu brechen.

Bei ihrem Verhalten in Moskau verfuhr die sowjetische Diplomatie also nach dem traditionellen Grundsatz russischer Politik, daß die Zeit für Rußland arbeite. Sie verstärkt einstweilen ihr wirtschaftliches Übergewicht in den Ländern des Südostens nicht nur durch direkte Handelsverträge, die der Sowjetunion eine Kontrolle über den Export der kleinen Länder geben, sondern auch durch ein Netz von Verträgen, die diese Länder untereinander abschließen, so kürzlich Bulgarien und deTschechoslowakei. Weitere Wirtschaftsverträge zwischen Ungarn und Jugoslawien, Polen und der Tschechoslowakei, Polen und Rumänien werden zur Zeit verhandelt. Auch werden. Vermutungen angestellt über eine Wirtschaftsförderung auf dem Balkan. All dies dient der Konsolidierung des russischen Einflusses und wirkt als Gegengewicht gegen die wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen der USA in Griechenland und der Türkei.

Bei dieser Politik des Zeitgewinns dürfte fürRußland die Hoffnung’-eine Rolle spielen, daß das amerikanische Volk der ziemlich kostspieligen politischen Engagements in Europa und dem vorderen. Orient in absehbarer Zeit müde werden könnte und daß infolgedessen die Gegner der Trumandoktrin, die Isolationisten und die Linkskreise um Wallace an Einfluß gewinnen würden. Auch holt man wohl, daß die Opposition in der Labourparty sich verstärken und die englische Außenpolitik sich von Amerika distanzieren werde. Möglicherweise wird von russischer Seite auch in Rechnung gestellt, daß die starke Betonung einer antikommunistischen Haltung in der amerikanischen Innen- und Außenpolitik von der Rücksicht auf die kommenden Präsidentenwahlen beeinflußt ist und daß nach dieser Wahl ein neuer Kurs eingeschlagen werden, könnte. Vielleicht erwartet man in der Sowjetunion auch, daß die häufig vorausgesagte amerikanische Wirtschaftskrise Tatsache werden und die Amerikaner von weiteren politischen Anleihen abhaltenkönne. Solche Rechnungen mögen möglich sein, doch, dürften sie viele unbekannte Faktoren enthalten. Tatsache jedenfalls ist, daß im Augenblick sowohl England wie auch Amerika eine neue kostspielige Belastung auf sich genommen haben: in dem Kohlenabkommen. nämlich, das beide Mächte in Moskau mit Frankreich getroffen haben.