Von P. Rappaport

In seiner tiefernsten Dichtung "Kein Hüsung"schildert uns Reuter die Not des mecklenburgischen Bauernknechtes, der sich und seine Braut kein Hüsung, das heißt kein Haus, keine Wohnung hat und aus dieser Not zum haßerfüllten Verbrecher wird. Erschütternd, wie die Not aus diesem geruhsamen Landleben aufsteigt und zum Anlaß des grausigsten Elends wird. Was damals nur wenige in Deutschland betraf, ist heute die Lage des ganzen deutschen Volkes. "Kein Hüsung", kein Dach über dem Kopf ist Ursprung und Fortwirkung alles Elends, in dem wir leben.

Infolge des Mangels an Wohnungen und um denHinzukommendes. Raum zu schaffen, hat die Bevölkerung in der britischen. Zone immer weiter zusammenrücken müssen. Heute verfügt jede Person in der britischen Zone nur über eine Wohnfläche von etwa sechs Quadratmeter für sich, und im Mittel wohnen mindestens zwei Personen in einem Raum. Eine derartig enge durchschnittliche Belegung der Wohnräume ist schon schlimm genug; schlimmer aber ist es, daß in manchen Gebieten die Wohnungen überdurchschnittlich eng belegt sind. Oldenburg, Schleswig-Holstein und Teile im nördlichen Hannover haben zwar je Quadratkilometer eine verhältnismäßig geringere-Einwohnerdichte als andere Landstrecken; aber trotzdem steht es in diesen Gebieten hinsichtlich der Wohnungsbelegung am allerschlechtesten. Es handelt sichum landwirtschaftliche Gebiete mit weitverstreuten Einzelsiedlungen, wo alsonur wenig Wohnraum vorhanden war und wo die einströmende neue Bevölkerung ein fast unsagbares Wohnungselend hervorgerufen hat. Das gilt in allerstärkstem Maße für Schleswig-Holstein, wo sich die Bevölkerung etwa verdoppelt hat. Ein großer Teil dieser Hinzukommenden hat im wahrsten Sinne des Wortes "kein Hüsung". Ihre Unterbringung in Baracken, Ställen, Schuppen, vielfach ohne richtigen Fußboden, mit schlechten und regendurchlässigen Dächern, zeigt uns ein Elend, in dem sich die von Reuter geschilderte Wohnungssorge des einzelnen mecklenburgischen Landmannes erschütternd vervielfältigt hat. Heute rufen Millionen, was dort der arme Ackerknecht in letzter Bedrängnisausruft: "Und keiner willuns Hüsung gewen."

Dieser übergroßen Not kann nicht mit den überkommenen Mitteln des Wohnungsbaus abgeholfen werden. Es sind viele im Lande, die glauben,die starke Zerstörung Deutschlands sei nun der beste Anlaß, alle Siedlungsideale zu verwirklichen.Man möchte gern mit ihnen gehen; aber die Wirklichkeit verlangt vielfach anderes. Solange noch Millionen "kein Hüsung" haben, kann man nicht für einzelne Einfamilienhäuser errichten. Wir können das Wohnungselend etwa in Hamburg, Hannover, Köln nicht bevorzugt, mit Einfamilienhäusern beheben. Wennauch niemand daran denken wird, zur überengen "Mietskaserne" zurückzukehren, so muß doch die Aufgabe für die nächste Zukunft sein, mindestens einen Teil der an die Stadt gebundenen, obdachlosen Bevölkerung gesunde Wohnungen in einwandfreien Reihenhäusern zu schaffen. Daneben und darüber hinaus braucht man das Ideal jedes Siedlungsstrebens nicht außer acht zu lassen, das, soweit irgend möglich, jedem ein Heim auf eigener Scholle sichert. Wiederaufbauen und Siedeln sind also nicht immerdie gleichen Dinge, wenn sie auchvielfach eng ineinandergreifen. Mit der alleinigen Betonung eines erstrebenswertes Ziels hemmen wir leicht die Behebung der augenblicklichen Not Was wir aber alsbald erreichen können, ist, jedem, der es wünscht, ein Stück Land zur Bearbeitung zu geben, sei es als Kleingarten, sei es als Grundlage einer künftigen Siedlung; das ist eine rechte Aufgabe besonders für die gemeinnützigenWohnungsunternehmen.

Auch die konstruktive Art des Wohnungsbaus wird dieser Riesenaufgabe gegenüber sich vielfach wandeln müssen. An sich ist es sicherlich richtig, daß der gute alte Ziegelstein auch weiterhin erhebliche Dienste leisten wird. Schon die Mengen von Ziegelsteinen, die wir aus den Trümmermassen unserer Städte gewinnen, müssen wieder verwendet werden. Darüber hinaus werden wir eine Reihe von Bauweisen zu entwickeln haben, die auf der Verwendung der gesamten Trümmermassen beruhen. Ob wir diese Trümmermengen zerkleinern und mit leichten Bindemitteln zu Blöcken und Platten verarbeiten, oder ob wir die gesamten Trümmermassen in starker Hitze sintern und aus dieser fließenden Masse neue Werkstoffe formen, ist letzten Endes eine technische Frage im engeren Sinne. Aber auch sonst müssen wir vieles lassen, was nur mit großem Kohlenaufwand herstellbar ist, und nach Baustoffen suchen, die die Natur unmittelbar uns gibt. Auch werden wir bei dem großen Mangel an Holz sowohl in den Bauformen wie in der Durchführung des Baus vor durchgreifenden Neuerungen nicht zurückschrecken dürfen. Aber die Sorge um diese Neuerungen hat fast schon zu viele Kräfte auf den Plan gerufen, und wir ertrinken langsam in Vorschlägen, Anregungen, Plänen aller Art. Wir haben fast schon mehr als genugan Kongressen, Versammlungen, Zusammenkünften, Vereinen, Studiengesellschaften. "Wir organisieren uns langsam zu Tode, aber nicht zum Wiederaufbau."

Wieviel Wohnraum sollen wir nun bei den Neubauten für eine Familie oder für eine Person. vorsehen? Das ist eine heiß umstrittene Frage. Dasnationalsozialistische Regime proklamierte den Kleinwohnungsbau in Abmessungen von etwa 85 Quadratmeter je Wohnung, um dann plötzlichsich dem Behelfsheim von 22 Quadratmeter zuzuwenden. Das Richtige und Mögliche dürfte im wahrsten Sinne des Wortes in der Mitte liegen; Wenn es uns gelingt, eine große Anzahl von Wohnungen von etwa 50 Quadratmeter nutzbarer Fläche neu zu schaffen, dann sind diese Wohnungen zwar klein; aber Millionen werden dankbar sein, wenigstenseine solche Behausung zu haben, die gegenüber ihrer jetzigen Unterbringung wie eine Erlösung wirkt. Nur sollte man nicht an falscher Stelle sparen. Häuser ohne Keller, Häuser ohne Dachraum, Häuser ohne Außenputz, Häuser ohne Rahmen an den Innentüren, Häuser ohne geeigneten Fußboden, Häuser ohne Anstrich sind Halbheiten. Man darf niemals einfache und bescheidene Maßnahmen mit behelfsmäßigen und unvollständigen verwechseln. Die ungeheure Not gebietet von selbst äußerste Bescheidenheit.

Wie die Dinge heute liegen, wird man an den Wiederaufbau leider nicht in großem Maßstabe und mit zahlreichen Arbeitskräften herangehenkönnen, sondern man wird schrittweise, aber zielsicher vorgehen müssen. Das setzt natürlich voraus, daß für jeden größeren Wiederaufbaubezirk eine klare und auf weite Zukunft abgestellte Planung vorliegt und daß nicht etwa, jeder auf seinen Trümmern nach Belieben neu baut. Dieser Zwang zur planmäßigen Durchführung liegt nicht nur an dem Mangel an Baustoffen aller Art, sondern im wesentlichen und voraussichtlich bald ausschlaggebend an dem Mängel an Arbeitskräften. Die Zahl der gelernten und ungelernten Bauarbeiter betrug im Jahre 1938 in der britischen Zone etwa 500 000, sie beträgt nach denEinschreibungen bei den Arbeitsämtern heute etwa 430 000.