Der "Industrieplan" des Alliierten. Kontrollrats begrenzt die deutsche Kraftfahrzeugproduktion auf jährlich 10 000 Krafträder, (bis höchstens 250 ccm Motoreninhalt), 40 000 Personenkraftwagen, ebensoviel Lastkraftwagen und 14 000 Zugmaschinen und Ackerschlepper. Diese. Festlegungen haben von dem Tage ihrer, Veröffentlichung an lebhaften Widerspruch ausgelöst. Es ist ein Verdienst des Verbandes der Automobilindustrie (Hannover), daß er diesem Widerspruch jetzt in einer Denkschrift "Deutschlands zukünftiger Bedarf an Kraftfahrzeugen" eine unanfechtbare Form verleiht. Daß sich die Denkschrift dabei nicht auf – an sich vertretbare – Forderungen beschränkt, sondern nachweist, daß der "Industrieplan" mit dem Potsdamer Abkommen, das Deutschland einen mittleren europäischen Lebensstandard zubilligt, nicht vereinbar ist, gibt ihr ein besonderes Gewicht.

Die Berechnungen sind an Hand von ausgezeichnetem, der Denkschrift beigegebenem statistischem Material durchgeführt. Als Grundlage dient einerseits die vom Kontrollrat angenommen zukünftige Einwohnerzahl Deutschlands mit 67 Millionen und der Durchschnitt des europäischen Kraftfahrzeugbestandes von 1938 anderseits, wobei die Werte für Großbritannien, Rußland und Deutschland nicht berücksichtigt sind.

Trotz dieses an sich ungünstigen Verhältnisses – denn logischerweise, müßten Staaten von gleichet, wirtschaftlicher Struktur wie Deutschland als Vergleich, herangezogen werden – gelangt die Denkschrift zu Bedarfszahlen, deren Höhe zunächst überrascht. Diese Überraschung findet ihre Erklärung darin, daß Deutschland auch im Jahre 1938 hinsichtlich seines Kraftfahrzeugbestandes – noch keineswegs den Anschluß an die vergleichbaren Staaten Europas gefunden hatte. So kamen in diesem Jahre in Frankreich’ 25 Einwohner auf einen Personenkraftwagen, in Dänemark 36, in Schweden 46, in Norwegen 48, während in Deutschland immer noch 57 Einwohner auf einen Personenkraftwagen gezählt wurden. Auch in seinem Bestand an Lastkraftwagen blieb Deutschland hinter den anderen. Staaten zurück. Während in – Norwegen 80 Einwohner, in Frankreich 85, in Dänemark 94 und in Belgien 106 Einwohner auf einen Lastkraftwagen gezählt wurden, kamen in Deutschland auf einen Lastkraftwagen 197 Einwohner (in den USA sind es fünf Einwohner auf einen Personenkraftwagen und 28 Einwohner auf einen Lastkraftwagen). Lediglich mit seinem Bestand. an Krafträdern führt Deutschland vor Frankreich, Österreich und Belgien.

Bei Zugrundelegung des mittleren europäischen Durchschnitts müßte Deutschland heute nachstehende Bestandszahlen aufweisen. Als Vergleich seien dahinter in Klammern die effektiven Bestandszahlen vom 1. Januar 1947 der amerikanischen und britischen Besatzungszone angeführt. Krafträder: 332 000 (155 520), Personenkraftwagen: 859 000 (142 905), Lastkraftwagen: 275 000 (167 557), Omnibusse und Obusse: 16 340 (4394), Zugmaschinen und Ackerschlepper: 80 000 (45 285). Dieser Sollbestand ist die Berechnungsgrundlage für die zukünftige Kraftfahrzeugproduktion – ein wirtschaftliches Problem, das die Westzonen in erster Linie betrifft, da etwa 95 v. H. der verbliebenen Kapazität in der amerikanischen und Britischen Zone liegen. Die früher In der russischen Zone gelegenen Kraftfahrzeugfabriken sind fast völlig abgebaut (BMW [Eisenach] arbeitet ausschließlich für die Besatzungsmacht) und müssen somit für eine zukünftige Planung zunächst außer acht bleiben.

Aus den so gefundenen Sollbestandszahlen ergeben sich die Bedarfszahlen. Sie sind zusammengesetzt aus dem Bedarf für die Bestandserhaltung, dem Bedarf für Bestandszuwachs – entsprechend dem mittleren europäischen Bestandszuwachs – und demBedarf, für den Export. Bis jetzt allerdings besteht noch eine Anweisung des Kontrollrats, wonach Kraftfahrzeuge nicht zum Export zugelassen sind. Es ist jedoch nicht einzusehen, warum das deutsche Kraftfahrzeug, das im Jahre 1938 in sehr hohem Maße am deutschen Außenhandel beteiligt war, nicht dazu beitragen soll, die für die Lebensmitteleinfuhren benötigten Devisen aufzubringen.

Die Denkschrift beschränkt sich jedoch nicht darauf, diese mit dem Rechenschieber ermittelten Bedarfszahlen als Forderung aufzustellen; vielmehr wird das zukünftige Bauprogramm je nach Kraftfahrzeugart genau nach den zu erwartenden Bedürfnissen abgewogen: niedrige Personenwagenproduktion zugunsten des betriebsbilligeren Kraftrades, höhere Lastkraftwagenerzeugung im Hinblick auf die erhöhte Transportleistung und eine höhere Omnibusproduktion angesichts der verminderten Leistung der öffentlichen Verkehrsmittel und der Tatsache, daß viele Werktätige gezwungen sind, heute in einem größeren Umkreis der Städte zu wohnen.

Dieses Programm für die zukünftige -Kraftfahrzeugproduktion Deutschlands kommt zu folgenden Zahlen: