Als im Oktober 1946 in London die Weltwirtschaftskonferenz eröffnet wurde, fiel vonseiten des englischen Wirtschaftsministers, Sir Stafford Cripps, die Äußerung, der Geist Schachts schwebe über der Konferenz. Diese Bemerkung zielte auf den Neuen Plan, den Schacht im Herbst 1934 verkündet hatte, und zeigt deutlich die Tragweite, die die damals entwickelten Ideen für das ökonomische Denken der Welt auch heute noch haben Neben den Mefo-Wechseln war dieser Neue Plan diejenige Schöpfung Schachts, die am stärksten seine Tätigkeit während der zweiten -Präsidentschaft in der Reichsbank kennzeichnet. Heute wird dieser Plan von dem Ankläger in dem Verfahren vor der Stuttgarter Spruchkammer wegen seines "unheilvollen Einflusses auf die deutschen Finanzen zugunsten der Rüstung" zur Debatte gestellt.

Die 1929 beginnende Weltwirtschaftskrise hatte die deutsche Ausfuhr von 13,5 Milliarden (1929) auf etwa 5 Milliarden (1933), die Einfuhr von 13,5 Milliarden auf 4,2 Milliarden reduziert. Das Jahr 1933 war für Deutschland der wirtschaftliche Tiefpunkt. Die Übernahme der Regierung durch die Nationalsozialistische Partei, deren Absichten noch nicht deutlich geworden waren und die lediglich die hemmungslose Agitation zwischen Rechts und Links zu beenden schien und darum rasch das Vertrauen der Wirtschaft gewann, brachte eine Stabilisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen verschiedenster Art gaben den Anstoß zu einer wachsenden Belebung des innerdeutschen Umsatzes. Die Produktion verdoppelte sich von 1932 bis 1937; bei steigender Lebenshaltung stiegen die Steuereinnahmen der Reiches um das Dreifache. Die starke Ausdehnung der Produktion verlangte sehr bald einen erhöhten Rohstoffimport, für den die Reichsbank wegen der noch immer sinkenden Ausfuhr aus ihren stark geschrumpften Beständen nicht genügend Devisen zur Verfügung stellen konnte. Die Folge war die akute Devisenkrise des Sommers 1934.

Aus dieser Lage gab es nur drei Auswege: Drosselung der deutschen Konjunktur, Abwertung der Reichsmark oder planmäßige Regelung der Einfuhr. Die Drosselung der Konjunktur hätte den Prozeß der Wiedereinschaltung der Arbeitslosen in die Wirtschaft zum Stillstand gebracht und erschien daher unverantwortlich. Der Abwertung von Pfund und Dollar reichlich verspätet zu folgen; wäre vielleicht noch möglich gewesen, wurde aber von Schacht aus psychologischen Gründen abgelehnt. Die Reichsbank entschloß sich darum zu einer planmäßigen Regelung der Einfuhr, und eben dieser Regelung diente der Neue Plan.

Der Neue Plan errichtete für alle Importzweige (Metalle, Getreide, Kaffee, Wolle, Baumwolle usw.) sogenannte "Überwachungsstellen". Konnte bisher jedermann beliebig im Ausland einkaufen und der Reichsbank die Anschaffung, der erforderlichen Devisen getrost überlassen, so wurde der Importeur nunmehr verpflichtet, vor Abschluß eines Kaufes im Ausland um eine Devisenzusage der Überwachungsstelle nachzusuchen. Gab die Überwachungsstelle diese. Zusage, so garantierte sie damit, daß die Reichsbank bei Fälligkeit der Importrechnung den Devisenbetrag auch tatsächlich bereitstellen würde. Devisenzusagen würden daher nur bis zu der Summe ausgegeben, die mit Sicherheit aus der laufenden, in Devisen bezahlten Ausfuhr erwartet werden konnte. Die einzelnen Überwachungsstellen stimmten untereinander darüber ab, welche Einfuhr vordringlich sei und welche Überwachungsstelle daher bevorzugt ein Devisenkontingent zur Verteilung an ihre Importeure erhalten müsse.

Der Neue. Plan rief eine Revolutionierung aller Handelsbeziehungen hervor und wurde darum von einem Teil des Auslands heftig angegriffen. Hatte man bisher ohne Rücksicht auf die beim Export anfallenden fremden Währungen die benötigten Rohstoffe überall dort gekauft, wo sie am billigsten waren – oft von Ländern, die ihrerseits von Deutschland nur wenig Ware bezogen – so mußte man jetzt in Sonderabkommen mit jedem Land den Umfang der jeweiligen Einfuhr und Ausfuhr aufeinander abstimmen. Auf diese Weise trat allmählich eine Verlagerung der deutschen Einfuhr ein. Vor allem die USA wurden von der neuen Politik stark betroffen; sie reagierten mit zollpolitischen Maßnahmen, die den früher blühenden Handelsverkehr beider Länder nur noch mehr nerabdrückten. Die Länder aber, die schon vorher Kunden Deutschlands gewesen waren oder es nach Maßgabe des Neuen Plans wurden, erlebten eine wesentliche Steigerung ihres Umsatzes mit Deutschland. Sie erhielten Maschinen und andere deutsche Fertigprodukte und lieferten Deutschland die zur Weiterführung seiner Konjunktur dringend benötigten Rohstoffe.

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Auch – nach dem zweiten Weltkrieg suchen die Vereinigten Staaten diesen Tendenzen eines "zweiseitigen Wirtschaftsverkehrs" entgegenzuwirken und durch eine – in normalen Zeiten und Zwischen gesunden Handelspartnern sicherlich vorzuziehende – Freizügigkeit von Ware und Devisen zu ersetzen. England erhielt seine USA-Anleihe daher mit der ausdrücklichen Bedingung, daß es seine Einfuhr freizügig gestalten müsse, sie also nicht von der Zusage einzelner Länder, ihrerseits dafür – als Käufer aufzutreten, abhängig machen dürfe. Eine ähnliche Politik verfolgt die Genfer Handelskonferenz, deren Ziel darin besteht, die Sicherung eines "vielseitigen Wirtschaftsverkehrs" herbeizuführen, der kapitalstarken Ländern immer erhebliche Vorteile bringt. Schacht, dessen Aufgabe es war, die daniederliegende Wirtschaft eines kapitalschwachen Landes im Zeitpunkt der tiefsten Krise wiederzubeleben, war in der Wahl seiner Mittel sehr eingeengt. Den Weg, den er einschlug, sind inzwischen viele Staaten gegangen; weil die Krise der Weltwirtschaft, sie dazu zwang. Wenn Hitler, der im übrigen jede Wirtschaftsankurbelung zur Aufrüstung benutzt haben würde, den Neuen Plan nicht derart diskreditiert hätte, wäre, dieser vielleicht das Ei des Kolumbus für die moderne Handelspolitik geworden. Ob es England in seiner durch den Krieg geschwächten Struktur angesichts des überraschend schnellen Verbrauchs der USA-Anleihe gelingen wird, ohne Anwendung ähnlicher Methoden wieder zur wirtschaftlichen Blüte zu gelangen, wird abzuwarten sein. G. B.