Dem Dichter Wilhelm Lehmann gewidmet

Das Tröstliche in der Welt unseres hiesigen Daseins besteht in dem, worauf wir angewiesen sind: in der Ergänzung. Die Gebrochenheit und die Mühsal, die allem Menschlichen innewohnen, erfahren eine Wandlung durch die reinste Ergänzung, die unter Menschen möglich ist: durch die Kunst. So rettet der Dichter die Welt je und je aus dem Verlorensein und verbürgt uns die Wiederkunft des Angewandten. Und so auch horchen wir auf, wenn es einem Dichter gelingt, die Gebrochenheit und ihr Schmerzliches ins reine zu bringen. Seien es jeweils wenige oder ein paar mehr, die solches vermögen: sie tragen immer die Zeichen des Seltenen, was ihren Wert zwar vermehre, den Zugang zu ihnen jedoch nicht immer leicht macht. Nur so ist es zu erklären, daß eine Erscheinung wie die des Dichters Wilhelm Lehmann – der mittlerweile 65 Jahre alt geworden ist – einer gebührend großen Leserschaft noch so gut wie unbekannt ist.

Von Haus aus war er Erzähler von hohen Graden gewesen, ehe er zur Lyrik kam. Erst, 1935 ließ er zum erstenmal eine schmale Sammlung seiner Gedichte unter dem Titel "Antwort, des Schweigens" erscheinen. Erst als er nicht mehr zu suchen brauchte, erst nachdem er der Ausgelernte war, gelang ihm das lyrische Gedicht. Nun konnte er sagen: "Von nichts als vom Gedicht beschützt, auf allen meinen Wegen." Goethes Satz "Naturgeheimnis. werde nachgestammelt", den Wilhelm. Lehmann vor sein Gedichtbuch "Antwort des Schweigens" setzte, kann – recht verstanden als gültige Bezeichnung seines dichterischen. Tuns hingenommen, werden. Es gibt unter seinen Gedichten kaum eines, das nicht die Natur betrifft. Aber ein einziger Blick auf irgendeines dieser Gedichte macht deutlich, daß es sich hier nicht um die übliche Naturdichtung handelt. Ihr "Stammeln" ist nicht das in Ekstase geratene Gefühl oder die aufgeregte Erinnerung, sondern echte Überwältigung, der zugleich ein hoher Grad von Besonnenheit innewohnt. Oskar Loerke, dessen Gedichtkreis "Gericht" in dem Buch. "Der Silberdistelwald" ausdrücklich dem Werk Wilhelm Lehmanns huldigt, formuliert dies genau, wenn er im Nachwort an Wilhelm Lehmann schreibt "Ich lernte bei Dir das immer geschehende Jüngste Gericht gewahren. Ich lernte bei Dir: Im Dasein des Grünen Gottes (kühler und weniger bestimmt gesagt: der Natur) – in seinem bloßen Dasein als dem währenden Vollzug seiner Gesetze liegt dieses Gericht: das mildeste und härteste, das denkbar ist." Es wird aus diesen Worten erkennbar, daß keine geläufige Sache vor Augen gestellt wird. Nicht ein einziger Vers in den Lehmannschen Gedichten steht dem Gewohnten nahe. Manchen Menschen werden Ton und Aussage dieser Lyrik nicht sogleich eingehen; viele werden sich erst hineinhören müssen; aber es lohnt die Mühe: dem Leser kann eine Begegnung mit einer ungewöhnlichen Existenz und mit einer bemerkenswerten dichterischen Qualität versprochen werden.

Wilhelm Lehmann ist ein Mensch der schweigenden Geduld. Sein lyrisches Werk entfaltete sich langsam, aber in jedem Augenblick "Eingelassen ins Spiel, und in den stillen Schwung". 1942 erschien das Versbuch "Der Grüne Gott", mit dem Wilhelm Lehmann der dichterischen Figur der Gegenwart einige entscheidende Linien hinzufügte, die ihr niemals wieder entschwinden werden. Im vorigen Jahre veröffentlichte er die ihm seither zugewachsenen Gedichte unter der Überschrift "Entzückter Staub". In ihnen hat sein Gedicht einen Alterston erreicht, der es in die niemals ohne Erschütterung und nur mit ungeteilter Hinwendung und Liebe zu lesende Reihe der unvergänglichen deutschen Altersdichtungen stellt. Wenn es aber für das Bestehen eines Werkes über die zeitgenössische Dauer hinaus dessen bedarf, daß es die Grenzen der Kunst um ein wenn auch nur geringes Stück vorschiebe, so trägt das lyrische Oeuvre Wilhelm Lehmanns die auf das Unvergängliche des Dichterischen hindeutende Signatur.

Werner Siebert