Am Potsdamer Platz gibt es keine Blumen mehr. Auch sonst kaum in Berlin. Doch die Trümmer um den Potsdamer Platz scheinen an warmen Frühlingstagen besonders sorgfältig geordnet, und von jeder der imponierenden Ruinen wirbt schmuck und eindringlich eine Zeitungsreklame. Und es gibt viele Ruinen am Potsdamer-Platz. Und viele Zeitungen in Berlin.

Doch dies ändert nichts daran, daß sich die Stadt nicht mehr um den Potsdamer Platz dreht. Es fehlt ihm in weitem Radius das Hinterland. Erst ein paar Kilometer weiter östlich, westlich, südlich und nördlich fängt die Stadt wieder an zu atmen. So bescheint die Frühlingssonne einen fast idyllisch stillen Platz, über dessen mühsam geflicktes Pflaster sich die Sektorengrenze zieht. Der Schupo in der weißen Mütze ist gewiß der einzige Neutrale von mehr als drei Millionen Berlinern, wenn er nicht bisweilen aus Langerweile sein kleines Podest verläßt Er bekommt die Sonne gerade ins Gesicht, dieselbe Sonne, die hier einmal den Drehpunkt einer wirbelnden modernen Großstadt beschien.

Ein paar Meter weiter in der Potsdamer Straße fallen fünf, sechs elegante junge Herren mit tiefschwarzem Haar und in hellen, modernen Sommeranzügen bedeutend mehr auf, wenn sie den Vorübergehenden, ganz nebenbei und fast uninteressiert, mit der kleinen Frage in Verlegenheit bringen: "Gold?" Nichts weiter. Sie sonnen und räkeln sich: wer täte das nicht gern nach solchem Winter. Und wer auf ein Schwätzchen im nächsten Ruineneingang mit einem der jungen Elegants stehenbleibt, wird wissen, daß augenblicklich die Preise in Brillanten und Gold sinken. Der Schupo auf dem kleinen Podest? Er ist im Dienst. Alles hat seine Ordnung. Auch, daß ein paar Schritte weiter Frauen Ziegel karren, Bretter schleppen; schippen und aus ungeordneten Trümmerhaufen geordnete Trümmerhaufen für 72 Pfennig die Stunde machen. Manchmal, wenn gerade gar nichts los ist, schauen die eleganten jungen Herren auch ein bißchen zu den mühselig Schuftenden, die gewiß ihre Mütter sein könnten. Aber sie tun es nicht sehr oft. Das Bild ist ihnen vertraut. Aber die sind dennoch freundlich zu einer alten, keuchend sich heranschleppenden, sehr abgemagerten Frau, die sich mit einem Rucksack schleppt und die 40 Pfennig nicht hat für die Straßenbahn. Einer von den Jungen gibt ihr einen Fünfziger und sagt ein Wort in einer Sprache, die sie nicht versteht. Dankbar ist sie, die Alte, und sie lächelt: "Es gibt doch noch gute Menschen." Es gibt doch noch gute Menschen...

Da ist die Alte, da sind die jungen eleganten Herren, da sind die Trümmerfrauen, und weiter unten, hinter der Potsdamer Brücke . um den Bülowbogen herum, da sind auch die jungen und nicht mehr ganz jungen Damen, die den kargen Stundenlohn der Aufräumungsarbeiten nicht brauchen. Hinter den sorglich verglasten Fenstern von Cafés mit verführerischen Namen warten sie auf das Geschäft jeglicher Art, und die Sache mit den Männern ist nur noch die Nebenbeschäftigung. Es ist wichtiger, Persianer und Kolliers und nicht die eigene allzubekannte Person an den Mann zu bringen. – Hier dampft der Kaffee zu zwölf Mark das Taschen, und der Schnaps zu zehn Mark, und es ist den Damen trotzdem aufgefallen, daß der Frühling gekommen ist. Man braucht Garderobe, Schon der Frühjahrshut kostet 650; man soll nicht fragen, was der Mantel gekostet hat. Aber wer es mit dem Preis für das Pfund Butter vergleicht, findet sich schon zurecht. Die männlichen Stammgäste dieser Lokale sind, obwohl manche von ihnen nicht als Deutsche geboren wurden, sehr unansehnlich und nicht immer rasiert, aber ihre Aktentaschen sind dick, und sie lassen sie nicht einen Augenblick aus den Augen.

"O wie wohl ist mir am Abend, mir am Abend, wenn zur Ruh..."; das ist kein Leiermann, das sind Mädchen, kleine und größere, wohl ein Dutzend, die in einer Seitenstraße unermüdlich den Kanon singen, mit Gesichtern, die ohne Farbe und Fleisch zu sein scheinen, vor Fassaden, die zerfetzt und zerrissen sind: Großstadtkinder, denen wohl am Abend ist, wenn zur Ruh’ die Glocken läuten. Sie läuten nicht. Die Kirche daneben ist hin. Aber die Sonne hat die Trümmer- und Elendskinder auf die Straße gelockt. Ob sie nichts wissen, nichts ahnen? – "Guck mal, das ist ein Care-Paket", ruft plötzlich eine, und aller Augen schwenken auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo eine Frau mit einem Mädchen auf einem kleinen Rollwägelchen das bekannte Paket zieht. Sie kennen das Mädchen und stürmen auf sie zu. "Ein Care-Paket!". ,Ja", stottert fast verlegen die Tochter der Besitzerin. "Da kannst du dich aber freuen." – Ja. Ich freu mich auch." – "Da ist nämlich Speck drin und Milchpulver und sogar Schokolade." – "Komm, wir müssen nach Hause," beendet die Mutter das kleine Gespräch mit den Freundinnen. Aber die haben ihren Kanon ganz vergessen.

In manchen Straßen ist es auch viel stiller. So zum Beispiel in der Friedrich-Ebert-Straße, die einmal Hermann-Göring-Straße hieß. Da ist es sogar gespenstisch still. Nur in den "Ministergärten" geht manches vor sich. Das läßt sich nämlich jetzt gut übersehen. Dort stehen nicht mehr viele Steine aufeinander. Und daß hier einmal auf heimlichen Spaziergängen so etwas wie Weltpolitik, oder was man dafür hielt, getrieben worden ist, wird den Leuten, die hier ihren Pflücksalat säen, kaum noch zum Bewußtsein kommen. Gut, daß hier alle Pacht so gründlich hin ist, sonst repräsentierte hier vermutlich schon wieder etwas Neues. Möge es bald aus den Ruinen grünen! Wie es drüben grünt, weit und breit im Tiergarten Der große Schrebergarten Berlins: das ist der Tiergarten von gestern. Und es ist schön und nützlich, zu sehen, wie die Leute zu Hunderten die Ärmel aufkrempeln und imgraben, Furchen ziehen und rechen. Aber es ist erbärmlich deprimierend. Denn die Guten, die hier ein paar Bund Kohlrüben erhoffen, betreiben ihren Ackerbau zwischen halbramponierten Putten, angeschlagenen Gipsbüsten, Reiterdenkmälern und dem ganzen grotesken Inventar, das der Krieg in diesem einst so herrlichen Park übriggelassen hat. Zwischen Radieschensamen, und Salatpflanzen ragen pompöse Elche und Eber, Großherzöge und Fürstenbüsten, und am Eingang dieser erschütternden Nutzwüste blieb, von der Entmilitarisierung noch nicht betroffen, einsam Friedrich III. zurück: als friedlicher Wächter über ein Riesenareal der Armut und des Elends.

"The Reichstag" zeigt ein amerikanischer Soldat auf den zerrissenen Bau, und schon gehen drei Leicas in Stellung. Wenig später und wenige Schritte zur Seite suchen sie sich das monumentale Objekt des Denkmals der Roten Armee, das kolossal und mammuthaft zwischen den Hunderten von frisch bestellten Gemüsegärtchen an der breiten Straße liegt, die ehemals "Ost-West-Achse" hieß, als an dieser Stelle Hitlers klirrende Paraden defilierten. Hoch oben an den beiden tragenden Säulen stehen zwei Rotarmisten, das Gewehr zur Rechten, aber nicht ganz so unbeweglich wie einst die Deutschen einige hundert Meter weiter östlich vor dem Ehrenmal Über den Stufen des Denkmals, zwischen dem erzenen Panzer und der erzenen Kanone tummelt sich die Wachablösung. Vor dem Brandenburger Tor biegt der Wagen nach rechts. Dahinter kommt das russische Gebiet. Hier wogte es vor einem Jahr schwarz von Menschen: unter der zerschossenen Quadriga, im Schnittpunkt der Sektoren wogte der Ausverkauf der Not. Heute sehe ich kaum zehn Leute. So ist das mit dem Schwarzen Markt: verschwunden aus der Öffentlichkeit! Man sieht ihn nicht mehr. Aber jeder kennt ihn, und außer den Hunderten, die im Winter verhungert sind, gibt es wohl wenige, die ihn nicht brauchen.

Der Frühling ist gekommen. Im Tiergarten, auf dem Potsdamer Platz, zwischen Ruinen, Unter den Linden, auf dem Kurfürstendamm. Es gibt Sonne in Berlin. Das ist schön. Und Zeitungen. Und vielleicht ein bißchen mehr Hoffnung als gestern – wenn auch weniger als im rauschhaften Neubaujahr 1945. Hoffentlich ist das mit der Sonne nicht auch wieder eine Enttäuschung... K. W.