Die Waldarbeiter sitzen in ihrer Hütte und machen Pause. Der Rauch hat keinen Abzug und beißt in den Augen, aber die Arbeiter sind es gewöhnt. Die schwarze Zipfelmütze auf dem Kopf, das Kochgeschirr vom Kommiß zwischen den Knien, löffeln sie das aufgewärmte Essen. Sauerkraut, Kartoffelbrei, Rüben. Aber einer hat ein Stück Speck in den Fingern, ein anderer hält ein Stück fettes Fleisch über die Glut, ein dritter beißt in ein gekochtes Ei. Speck und Fleisch sind freilich klein, im Sauerkraut fehlt das Fett, und alles in allem ist das nicht die Mahlzeit, die mit dem Hunger eines Holzarbeiters fertig wird, denn nichts macht solchen Appetit wie der Wald: und doch essen die Arbeiter besser als die in der Stadt. An der Schwerarbeiterkarte, deren monatliche Käseportion gerade zu einem Vesperbrot reicht, kann es nicht liegen. Es liegt daran, daß jeder dieser Männer unten im Tal eine kleine Landwirtschaft hat, eine oder zwei Kühe, ein paar Hühner. Für ein Schwein reicht das Futter nicht mehr. Und die Schnapsflasche, die einst keinem Holzmacher fehlte, ist durch den Kaffee-Ersatz abgelöst. Aber ohne die Kost, die sie von ihren Höfen mitbringen, könnte keiner von ihnen die Axt an einen Stamm legen. Ich begleite den Waldhüter auf seinem Inspektionsgang. Es geht über Wege, die eine Sturmnacht in tiefe Gräben verwandelt hat, über steile Hänge und scharfkantiges Geröll, auf dem die Gummisohlen immer wieder ausrutschen. In den neuen Schuhen hat man keinen Stand, sagt der Waldhüter. Haben Sie die Schuhe des Alten gesehen, der neben Ihnen saß? Gummisohlen und keine feste Arbeit. Vier Paar davon habe ich im letzten Jahr für fünfzehn Mann bekommen. Aber von dieser Sorte verschleißt ein Arbeiter in unserem Gelände jährlich vier- bis sechs Paar. Ein Paar handgemachte von früher, mit überstehenden Sohlen, hielt zwei Jahre. Ja, wenn der Wald in der Ebene stände! Da kann man in Sonntagsschuhen arbeiten. Schüeli, fährt er fort, des isch am letzte Ort gespart. 160 000 Kilogramm Bodenleder sind in Südbaden für die Schuhverarbeitung freigestellt worden. 50 000 Paar Arbeitsschuhe sollen monatlich hergestellt werden. Das reicht nicht für die Wald- und Grubenarbeiter; die Zivilbevölkerung braucht sich gar keine Hoffnungen zu machen. Die Holzmacher klagen über die Qualität. Was sollen erst die Kriegsbeschädigten hierzulande sagen, von denen die Hälfte – zehntausend – nicht arbeiten kann, weil das Leder für Prothesen nicht freigegeben wird? Aber es gehen Schuhe über die Grenzen. Allein mit der Schweiz wurde ein neuer Exportvertrag über 64 000 Paar abgeschlossen.

Die Schuhe sind die erste Sorge des Waldhüters. Die zweite: das Essen. Zehn Mann hat er noch, aber alle haben eine kleine Bauernwirtschaft, sonst käme nicht einer, "müßt halt meh z’esse gä", sagt er, "dann war’s a besser mit m Schaffe."

Es ist der Hunger der Menschen, dem der Schwarzwald seine verhältnismäßige Gesundheit noch verdankt. Aber die französische Besatzungsmacht kommt mit eigenen Arbeitertrupps, mit Gefangenenkolonnen, und schon schicken auch Schweizer Firmen eigene Arbeiter über die Grenze, um sich das Holz selbst zu schlagen...

Nicht die Hälfte dessen, was von ihm verlangt wird, kann der Waldhüter liefern; Er zieht sein Taschentuch heraus. Da steht: Da steht im Taschenbuch eines von drei Waldhütern einer einzigen kleinen Schwarzwaldgemeinde. Hinzu kommen die Auflagen der Besatzungsmacht, die höher sind und das ganze Programm ins Stocken bringen, sobald wieder ein Termin gestellt ist. Hinzu kommen Schweizer Anforderungen. Hinzu kommen 2800 Festmeter Brennholz für die frierenden Freiburger. Höchstens 1000 können sie bekommen, sagt der Waldhüter. So steht sein Programm auf dem Papier. "Alls hätt jo ka Wert", sagt er, "du machs nix als Meldungen, "aber üssi kummt nieni." Womit er einen beachtlichen Teil des deutschen Lebens treffend gekennzeichnet hat.

Es ist nicht allein der Hunger. Aus Remscheid kommen keine Äxte, keine Feilen, keine Sägen. Der Motorschlepper, der in diesem schwierigen Gelände die Holzmengen transportieren. kann, steht still, niemand repariert ihn. Also müssen Pferde heran. Aber den Pferden geht es wie den Menschen, Hafer steht auf ihrer Schwerstarbeiterkarte, sie brauchen ihn für die Kräfte, die sie auf diesem Boden entwickeln müssen, aber sie bekommen den Hafer nicht.

Der Schwarzwald schweigt. Wären alle diese Schwierigkeiten nicht, so verlöre er noch mehr Festmeter als er schon verliert, noch mehr seiner hohen Tannen und Buchen stürzten krachend zu Boden. Noch mehr als das Dreifache des jährlichen Zuwachses würde im Freiburger Stadtwald geschlagen. Aber die Schwierigkeiten lähmen nicht allein den Holzeinschlag, sondern auch die Arbeiten, die dem Leben des Waldes und der rationellen Verwertung des Holzes dienen. Der Waldhüter zeigt auf Stämme am Weg, vom Sturm gefällt. Sie verrotten, weil die Arbeiter fehlen. Die Betten der Sturzbäche sind bis zum Rand mit Felstrümmern und Steinbrocken gefüllt, eine Arbeit des Unwetters. Niemand macht die Wasserläufe wieder frei. Bringt der Vorfrühling ein neues Unwetter, so reißt die Gewalt des Wassers alles nieder: Die Wege sind fast unbenutzbar geworden. Für die Durchforstung stehen kaum Arbeiter zur Verfügung. Den ältesten der Holzmacher treffe ich beim Hinuntergehen. Er fängt wieder von seinen Arbeitsschulen an. Ein halbes Pfund Butter hat er geopfert, um die Sohlennägel zu bekommen, ohne die die Schuhe gar nicht zu brauchen wären. Wofür das alles? Sechs Mark Verdient er täglich im Wald. In die Gewerkschaft, die sich für höhere Löhne einsetzt, will er nicht eintreten, der Beitrag ist ihm zu hoch. Zehn Mark Soziallasten muß er monatlich bezahlen. Fünfzehn von dreißig Tagen arbeitet er monatlich im Wald, die übrige Zeit braucht er für seine Landwirtschaft. Fünfzehn Tage müssen es aber mindestens sein, sonst bleibt er unter dem Soll das von jedem Arbeiter zwanzig Festmeter verlangt. Hat er weniger, so bekommt er keine Schwerarbeiterkarte...

Ein halbes Pfund Butter für Schuhnägel. Auf dem Schwarzen Markt bekäme er für die Butter mehr, als ein Monat Waldarbeit ihm einbringt.