Die Mitglieder des Landesverkehrsverbandes Nordmark e. V. versammelten sich am 8. Mai in Hamburg zu einer bedeutsamen Tagung, die sich mit dem Verbandsaufbau, der Lage der Bäder in der britischenZone und der gegenwärtigen Situation des Gaststätten- und Hotelgewerbes befaßte. In diesem Zusammenhang dürfte der nachfolgende Aufsatz über den Wiederaufbau des Fremdenverkehrs in den drei Westzonen von Interesse sein.

Der Gedanke eines Wiederaufbaues des deutschen Fremdenverkehrs wird keineswegs allein von den betroffenen Gewerben erwogen. Es tritt immer deutlicher hervor, daß der Fremdenverkehr eine wesentliche Voraussetzung des wirtschaftlichen Wiederaufbaues geworden ist. Schließlich kann auch der Wiederaufbau der Weltwirtschaft ohne eine leistungsfähige Fremdenverkehrswirtschaft nicht dauerhaft sein.

Wenn wir eine Inventur der noch vorhandenen Reste des einst blühenden Fremdenverkehrswesens aufstellen, dann treten, die großen Verluste, die – vor allen Dingen der großstädtische Fremdenverkehr aufzuweisen hatte, hervor. Aber es werden auch die Kraftquellen offengelegt, aus denen zukünftig geschöpft werden kann. Die deutschen Bäder und Kurorte sind, von einigen bedauernswerten Ausnahmen abgesehen, im wesentlichen erhalten geblieben. Die deutsche Landschaft als wichtiger Bestandteil der gesamtdeutschen Fremdenverkehrsleistung sei nicht vergessen. Das wichtigste Aktivum müssen jedoch die Menschen darstellen, die seit Jahrzehnten, den Ruf Deutschlands als Fremdenverkehrsland durch ihre Anpassungsfähigkeit an die Wünsche und Bedürfnisse einer mannigfaltigen ausländischen Besucherschaft geprägt haben. Wir können uns heute nicht mehr auf den Standpunkt stellen, daß der Fremdenverkehr eine Sache des Vergnügens sei. Die Bäder und Kurorte sind wenigstens für die deutschen Besucher schon lange eine Notwendigkeit zur Erhaltung der Gesundheit.

Noch stärker als früher muß heute der Ausländerbesuch in den Vordergrund des Fremdenverkehrs gestellt werden. Deutschland wird dabei keine leichte Stellung haben. Es liegen aber zahlreiche Anzeichen dafür vor, daß man die Leistungsfähigkeit der deutschen Fremdenverkehrswirtschaft und die Heilkraft seiner Bäder nicht vergessen hat. Der Fremdenverkehr ist als Devisenbringer notwendiger denn je. Man darf aber keineswegs allein die wirtschaftlichen Gesichtspunkte hervorheben, sondern ebenso wichtig ist die alte Erfahrung, daß der Fremdenverkehr geeignet ist, die Völker einander näherzubringen. Dabei wird-der internationale Wettbewerb gegenüber der Vorkriegszeit wesentlich verschärft sein. Das hat schon das erste Jahr nach Beendigung des Krieges erkennen lassen. Die Umschichtungen der internationalen Vermögen sind dabei von erheblich großem Einfluß. England hatte schon während des Krieges Pläne ausgearbeitet, um den zu erwartenden Verkehrsstrom in sein Land zu ziehen. Das abgelaufene Jahr hat bewiesen, daß hier den Worten auch die Taten gefolgt sind. Die Schweiz macht alle Anstrengungen, um die überseeischen Besatzungstruppen für die Urlaubszeit zu gewinnen. Frankreich schickt bereits seit geraumer Zeit seine erfolgreichsten Werber, die Mannequins, in überseeische Länder, um dort für französisches Leben und französische Mode zugleich zu werben. Aus Österreich hört man weitgehende Pläne zur Erneuerung der Hotels und zum Neubau großer Objekte. Dabei wird sich die Werbung stärker als früher auf die überseeischen Länder verlagern: Die USA dürften das Hauptziel dieser: Werbung sein.

Man ist sich in den Kreisen des deutschen Fremdenverkehrs durchaus bewußt, welche. Aufgabe hier mit einem Apparat zu lösen ist,der schon seit Jahren nicht mehr die erforderliche Pflege erhielt, und von dem entscheidende Teile gegenwärtig noch nicht einsatzfähig sind. Man ist sich darüber klar, daß der Erfolg entscheidend von der Mitwirkung der Besatzungsmächte abhängig ist. Diese Mithilfe beginnt mit der erforderlichen Freigabe eines Teiles der Jetzt beschlagnahmten Betriebe und endet mit der Vielzahl aktiver. Maßnahmen, die nicht nur zur Werbung und zur Heranbringung der ausländischen Gäste notwendig sind, sondern vor allem für die Sicherstellung einer angemessenen Ernährung unserer ausländischen Gäste. Die Er-

fahrungen lassen aber den Hinweis notwendig erscheinen, daß die Freigabe der Betriebe wenig Sinn bat, wenn sie vorher einer "Demontage" unterzogen werden. Mit leeren Hotelzimmern ist nicht viel anzufangen.

Auf die Dauer wird nur ein wirklich gesunder Fremdenverkehr leistungsfähig sein können. Das muß neben den Preis- und Finanzbehörden vor allen Dingen die Fremdenverkehrswirtschaft beachten. Sie muß in ihren Leistungen dem internationalen Wettbewerb standhalten können und sich kostenmäßig den international erzielbaren Preisen angleichen. Noch stärker als früher wird damit die Betriebswirtschaft des Fremdenverkehrs in den Vordergrund gestellt werden. Seit Jahren werden diese Probleme im Institut für Betriebswirtschaft des Fremdenverkehrs an der UniversitätHeidelberg unter Dr. Rudolf Falk praktisch bearbeitet. Die Aktivität zum Wiederaufbau des Fremdenverkehrs ist mit unterschiedlicher Energie in allen Teilen Deutschlands festzustellen, – jedoch belastet das Flüchtlingsproblem alle diese Fragen sehr. weil starke Kräfte die vorhandenen, Bäder und Kurorte zur Unterbringung, der Flüchtlinge verwenden wollen. Die Erfahrungen haben aber gelehrt, daß hierin eine Dauerlösung nicht zu findenist. Die Zusammenballung der Flüchtlinge – in den, meisten verkehrsentlegenen Orten belastet nicht nur diese an und für sich kleinen Gemeinden fast biszurUnerträglichkeit, sondern erschwert auch die Verwendung der Arbeitskraft. Gesamtwirtschaftlich gesehen ist es viel zweckmäßiger, die Flüchtlinge in Anlehnung an Industrieorte, aller Größen anzusetzen und dafür die Bäder – und Kurorte als wichtige Wirtschaftsträger zu aktivieren.

Aus der amerikanischen Zone sind wiederholt Meldungen gekommen, die auf eine lebhafte Tätigkeit zum Wiederaufbau des Fremdenverkehrs schliefen lassen. Ein bemerkenswerter Schritt wird Main aus Hessen gemeldet, dessen Landschaft an Main und Rhein besonders stark mit dem Fremdenverkehr verbunden ist. Hier. wurde kürzlich in Wiesbaden die "Arbeitsgemeinschaft Fremdenverkehr"gegründet, die den privatwirtschaftlichen Teil der einschlägigen Verbände der Hotels, der Bäder und des Verkehrs sowie die Gewerkschaften, zusammenfaßt. Gleichzeitig wurde beim Ministerium für Wirtschaft und Verkehr ein "Sonderreferat Fremdenverkehr" geschaffen... Aus der französischen Zone kommen ebenfalls Meldungen, die auf eine Belebung des Fremdenverkehrs schließen lassen, die allerdings überwiegend auf französische Gäste abzielt. Auch in der britischen Zone geht man nunmehr stärker an diese Aufgaben heran und schafft bedeutsame Voraussetzungen. So ist zu hoffen, daß im Jahre 1947 die Grundlagen für den Wiederaufbau gelegt werden können’-und wohl auch die ersten Erfolge eintreten. Aber Erfolge auf breiterer Grundlage werden gewiß erst im Jahre 1948 zu verzeichnen sein. drpl.